Helmut A. Binser: Gstanzln für das Lustprinzip

24. Juni 2015, 17:13
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Der Kabarettist gastierte mit "Ein Stück heile Welt" im Niedermaier

Wien – Es gehört zu den schwierigen Aufgaben spätadoleszenten Heranwachsens, zu entscheiden, welche Traditionen der Alten man übernimmt und welche man lieber bleibenlässt. Martin Schönberger (34), der auf der Bühne Helmut A. Binser heißt, steckt da mittendrin und macht daraus Musikkabarett. Aufgewachsen in der dörflichen Oberpfalz im Bayerischen Wald, lernte er als Kassier der Kleinkunstbühne Robinson – die Liedermacher wie Hans Söllner und Fredl Fesl groß machte -, dass Volkskultur, mit genügend Ironie versetzt, nicht immer Schnee von gestern sein muss.

Vor fünf Jahren beschloss Schönberger, aus dem Dunstkreis der Liedermacher selbst ins Rampenlicht zu treten. Als Helmut A. Binser klappert er seither mit Gitarre und Ziehharmonika Kleinbühnen, Wirtshäuser und Sendungen des Bayerischen Rundfunks ab. Volkskulturell bewahrt hat sich Binser, neben Instrumenten und Trachtenhut, vor allem das vierzeilige Gstanzlsingen, das er betont amateurhaft mit zeitgeistigem Inhalt füllt. Auf das so entstandene Debüt Der Junge mit der Harmonika (2011) folgt nun Ein Stück heile Welt, das im Kabarett Niedermaier Wien-Premiere hatte.

Wenig überraschend ist es ein auf allen Bühnen funktionierendes Programm der dörflichen Selbstbespiegelung zwischen Feuerwehrfest und Fußballrivalität. Dazu erzählt Binser lose zusammenhängende Anekdoten vom Candlelight-Dinner beim Dorfwirt, Free Jazz beim Kirchenchor oder von seinen weißen kastrierten Katern, die er Franziskus und Benedikt nennt. Für das Musikkabarett unerlässlich ist der pointierte Reim: "Friara hauma a Giro ghobt bei da Postbank, heit spüns mit an Iro Postpunk."

In dieser Tonart räsoniert Binser auch über seine schleichende Spießerwerdung: also verstärkte Rückenbehaarung und erfolgloses Urban Gardening. Die größten Lacher erntet Binser dann, wenn er sich schelmisch verweigert und bei einem angefangenen Witz die Pointe weglässt. Nach demselben Prinzip durchbricht er die althergebrachte Logik der Gstanzln: Schunkeln und Paschen würgt "der Binser", wie er von sich selbst gern spricht, ab, indem er einfach den Rhythmus stört und die einträchtig Klatschenden irritiert ("Hob i eich aus'gspielt, ha?").

Beifall gibt es bei Binsers raren Momenten der Konsumkritik, die im Verbund mit der Überbetonung des Lustprinzips Alkohol auch die Ethik des Programms offenlegen. Mit der Nummer "I kauf ned gern ein" und einem Rachegesang auf den persönlichen Paketdienstfahrer der Freundin lässt Binser nämlich keinen Zweifel daran, dass er das hart Verdiente in einem Krügerl Bier besser investiert sieht als in der Shopping-Tour bei Amazon. Davon gerne mehr. (Stefan Weiss, 24.6.2015)

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