Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine "Rassendifferenz" gibt es nicht

Blog26. Juni 2015, 07:00
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Antje Schrupp geht der Frage nach, ob das Vorgeben einer schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person legitim ist

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caitlyn Jenner und das vorgetäuschte "Schwarzsein" von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans"rassität" ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner "richtig" und Rachel Dolezal "falsch" gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung "Race" und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also: Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Die Gemeinsamkeiten von Geschlecht und "Race"

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und "Race" nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht "natürlicherweise" aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer "Rasse" ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation "egal", ein Mann oder eine Frau, schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder "Race" vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf "trainiert", männlich oder weiblich, schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden: Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, schwarz oder weiß "gelabelt" wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie "durchgehen".

Das Geschlecht gibt es wirklich, die Rasse aber nicht

Weshalb ist das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen? Und sowohl in Form von Transsexualität (als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlich den Anschein hatte) als auch in Form von "Transgender" (als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder "performt" hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, "schwarz" zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien "Geschlecht" und "Race" gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, "Rasse" hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt – Jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde.

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine "Rassenunterschiede" gibt, ist sehr leicht vorstellbar. "Rassentheorien" sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine "Rassenunterschiede" gemacht werden.

Herrschaftsverhältnisse und Geschlechter

"Geschlechtertheorien" dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. "Monogeschlechtliche" menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt – oft, aber nicht immer – Herrschaftsverhältnisse hervor. Zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

"Rassentheorien" sind immer eine Folge von Herrschaft

In Bezug auf "Race" ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: "Rassentheorien" sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei "Race" ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die "One-Drop-Rule" in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Das Hinterfragen von Geschlechteridentitäten ist legitim

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit "legitim" meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen "Natürlichkeit" von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so "unfeministische" wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über "Frauen" und "Männer" eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Tollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder infrage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren.

Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien "männlich" und "weiblich" nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und Nichtschwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter "Frau" und "Mann" von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbstständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Das Vorgeben einer schwarzen Identität ist nicht legitim

Eine weiße Person, die sich als "schwarz" ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von "Race", aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil "Race" eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer "falschen" Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist.

Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als "Weiße" durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße. Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss! (Antje Schrupp, 25.6.2015)

Antje Schrupp stellt dieStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge ihres Blogs zur Veröffentlichung zur Verfügung.

  • Der ehemalige Leichtathlet und Olympiasieger Bruce William Jenner gab im April 2015 bekannt, eine Transfrau zu sein, und nennt sich seither Caitlyn Jenner.
    foto: ap/annie leibovitz

    Der ehemalige Leichtathlet und Olympiasieger Bruce William Jenner gab im April 2015 bekannt, eine Transfrau zu sein, und nennt sich seither Caitlyn Jenner.

  • Rachel Dolezal gab sich als Afroamerikanerin aus und löste damit großes Medieninteresse aus.
    foto: ap/anthony quintano

    Rachel Dolezal gab sich als Afroamerikanerin aus und löste damit großes Medieninteresse aus.

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