US-General: "Putin will keinen Kampf mit Nato"

Interview24. Juni 2015, 12:00
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Ben Hodges, Oberkommandant der US Army in Europa, glaubt, dass der Konflikt mit Moskau einige Jahre anhält

Russlands Präsident Wladimir Putin wolle einen Keil zwischen die europäischen Nato-Staaten und die USA treiben, glaubt der Oberkommandant der US Army in Europa, Ben Hodges. Daher müsse der Westen wachsamer als bisher verfolgen, wie Moskau etwa in Medien in Deutschland und Italien investiere. Die jüngsten, heftigen Beschwerden des Kreml über Nato-Pläne zur Stationierung schweren Geräts in Osteuropa hält er für eine bewusste Überreaktion. Wichtiger als über Waffenlieferungen zu debattieren sei es aber, dass sich die Nato-Partner über eine gemeinsame Strategie und ein Ziel-Szenario für die Ukraine einig seien, sagte er im Interview mit dem STANDARD.

STANDARD: Auf die Pläne zur Entsendung von Nato-Ausrüstung in mehrere Staaten im Osten Europas gab es beträchtliche Reaktionen aus Moskau. Was ist Ihre Einschätzung?

Hodges: Es handelt sich um eine Überreaktion. Halten Sie sich die Zahlen vor Augen: rund 250 Panzer, bewaffnete Fahrzeuge und Panzerhaubitzen, die über sieben verschiedene Staaten verteilt werden. Die passen allesamt auf den Parkplatz bei der Hofburg.

STANDARD: Haben Sie neben den politischen auch militärische Reaktionen aus Russland wahrgenommen?

Hodges: Politisch waren sie sicher lautstark. Aber ich weiß nicht, ob sie deshalb etwas tun werden. Russlands Überreaktion ist unbegründet. Besonders, wenn man an Moskaus eigene unangekündigte Übungen denkt, bei denen 30.000 Soldaten, hunderte Panzer und Dutzende Flugzeuge nahe der Nato-Grenzen auftauchen.

STANDARD: Könnte Russland denn wirklich einen Nato-Staat attackieren?

Hodges: Ich hoffe nicht. Aber ich kenne auch niemanden, der damit gerechnet hat, dass sie die Krim angreifen würden. Meine Verantwortung als Militärkommandant ist, dass die Streitkräfte auf alle denkbaren Fälle vorbereitet sind. Ich bin sicher, Präsident Putin will keinen Kampf mit der Nato. Aber ich bin auch sicher, er will die Nato zerbrochen sehen. Und er will einen Spalt zwischen Europa und die USA treiben.

STANDARD: Was sehen Sie als Anzeichen dafür?

Hodges: Die Menge an Geld, die Russland in Medien in Europa investiert. Russia Today gibt etwa riesige Summen in Deutschland aus, aber auch in Italien. Das ist der Hybridkrieg: Es wird keine lange Kolonne russischer Panzer geben, die ein Land überfallen. Es geht darum, die Temperatur knapp unter 100 Grad zu halten. Das Recht zu verdrehen, Informationen zu verbreiten, Zweifel zu nähren.

STANDARD: Gibt es konkrete Schritte, um zu vermeiden, dass eines Tages der Siedepunkt erreicht ist?

Hodges: Ich glaube, es ist wichtig herauszufinden, wie demokratische Staaten in Sachen Information mithalten können. Die Russen stehen nicht unter der Last, die Wahrheit sagen zu müssen. Aber jeder Staatenlenker im Westen muss damit rechnen, dass die Medien oder das Parlament ihm widersprechen. Ich glaube, Information ist der beste Weg, um im Hybridkrieg zu bestehen.

STANDARD: Wie viele Soldaten und schwere Waffen hat Russland noch in der Ostukraine?

Hodges: Ich kann keine exakte Zahl nennen – sie würde sich auch binnen weniger Stunden wieder ändern. Was unzweifelhaft ist, ist die Art der Waffen, die es dort gibt: Luftabwehrsysteme, Raketensysteme, Mittel zur elektronischen Kriegsführung.

STANDARD: Was ist Ihr Eindruck von der Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in der Ostukraine?

Hodges: Die Mitglieder der Beobachtungsmission nehmen große Risiken auf sich. Auf der russischen Seite wurde ihnen aber nicht erlaubt, alles zu sehen. Das ist ein gutes Beispiel für eine Sicherheitsstruktur, die nun versucht ihre Arbeit zu tun. Und dafür, wie Russland versucht, die Ordnung zu ändern. Sie sind Teil der OSZE und wollen dennoch der OSZE nicht erlauben, ihre Arbeit zu machen.

STANDARD: Wie weit ist das US-Training für ukrainische Soldaten vorangeschritten –und was wird genau gemacht?

Hodges: Es sind rund 300 US-Soldaten im Ausbildungszentrum Jaworiw. Wir trainieren dort drei Bataillone des ukrainischen Innenministeriums. Das erste ist gerade fertig geworden. Nun folgen die weiteren beiden.

STANDARD: Seit Wochen gibt es eine politische Debatte über US-Waffenlieferungen an Kiew. Welche Waffen würden der ukrainischen Armee denn militärisch überhaupt etwas bringen?

Hodges: Ich glaube, dass die Debatte um Waffen den wichtigsten Punkt verfehlt. Nämlich: Was soll das Ergebnis des Konfliktes sein, was ist die Strategie?

STANDARD: Wladimir Putin hat jüngst bei einer Rüstungsmesse die Anschaffung von 40 neuen Atomraketen angekündigt. Was sagt Ihnen das? Was ist die passende Antwort der Nato?

Hodges: Was bitte hat der Westen getan, dass Putin denken würde, er braucht 40 weitere Atomwaffen? Nichts. Der russische Botschafter in Dänemark hat dort gesagt, sie könnten ein Ziel für Atomwaffen sein. Dänemark! Der stellvertretende Premier Dmitri Rogosin meint, Panzer brauchen keine Visa, wenn er über Sanktionen spricht. Wir müssen alle scharfsichtig beobachten, was passiert. Das ist nicht nur ein Problem, das mit Präsident Putin zusammenhängt, sondern eine geänderte Einstellung in Russland, die vermutlich ein paar Jahre anhalten wird. (Manuel Escher, 24.6.2015)

Frederick "Ben" Hodges ist der Oberkommandierende der US Army in Europa. Dienstagabend war er für eine Panel-Diskussion bei der OSZE in Wien.

Das Interview wurde vom STANDARD gemeinsam mit der "Presse" und der dpa geführt.

  • Generalleutnant Frederick "Ben" Hodges.
    foto: newald

    Generalleutnant Frederick "Ben" Hodges.

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