DDR ließ zehntausende Häftlinge Zwangsarbeit verrichten

24. Juni 2015, 08:00
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Studie bilanziert hohe Zahl von Unfällen und schlechte medizinische Betreuung

Berlin – In der DDR mussten jährlich zwischen 15.000 und 30.000 Strafgefangene Zwangsarbeit verrichten. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), vorstellte. Die Häftlinge wurden demnach häufig zu besonders schweren Arbeiten eingesetzt, für die sich kaum zivile Arbeiter fanden – etwa im Braunkohletagebau.

Der Arbeitsschutz für die Zwangsarbeiter war laut Studie mangelhaft, die Unfallzahlen dadurch deutlich höher; auch die medizinische Betreuung war schlechter.

"In der Praxis war nicht Erziehung, sondern Planerfüllung die oberste Maxime"

Politische Gefangene wurden demnach im Vergleich zu Kriminellen zwar nicht aufgrund zentraler Weisungen schlechter behandelt. Sie waren aber oft benachteiligt und wurden "tendenziell häufiger berufsfremd eingesetzt". Politische Zwangsarbeiter wurden in der DDR hauptsächlich in der Elektroindustrie, dem Metall- und Fahrzeugbau sowie der Textilindustrie zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Offiziell diente die Arbeit in der Haft als "Erziehungsinstrument". Tatsächlich aber wurde sie aus wirtschaftlichen Erwägungen eingeführt und flächendeckend ausgebaut. "In der Praxis war nicht Erziehung, sondern Planerfüllung die oberste Maxime", heißt es in der vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam erstellten Studie. Gegenüber den politischen Gefangenen hatte die Zwangsarbeit außerdem eine repressive Funktion; damit wurde also Druck ausgeübt.

Den Beitrag der Häftlinge zur Wirtschaftsleistung in der DDR schätzen die Forscher auf 0,2 bis 0,94 Prozent. Das entspreche weitgehend dem Anteil der Gefangenen an der arbeitenden Bevölkerung.

Auch westliche Firmen profitierten von Zwangsarbeit

"Im DDR-Knast geschah systematisch Unrecht, Menschenrechte wurden verletzt und mit dem Ziel des 'volkswirtschaftlichen Nutzens' wurden Menschen schamlos ausgebeutet", erklärte Gleicke. Das Leid der Betroffenen müsse anerkannt werden. Gleicke bekräftigte, dass die weitere systematische Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht und das Schließen von Forschungslücken ein wichtiges politisches Anliegen sei.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) eine Studie zur Zwangsarbeit in der DDR vorgelegt. Danach profitierten in der DDR fast alle Wirtschaftszweige von der Ausbeutung von Häftlingen, auch West-Firmen waren demnach Nutznießer der Zwangsarbeit.

Der schwedische Möbelkonzern Ikea hatte schon 2012 eingeräumt, dass in der DDR politische Häftlinge und Strafgefangene unter Zwang Möbel für das Unternehmen herstellen mussten. (APA, 24.6. 2015)

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