Japan und Südkorea wollen Last der Geschichte ablegen

24. Juni 2015, 07:00
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Ungeklärte Frage der Entschädigung für Zwangsprostituierte – Koreas Wirtschaft drängt auf Annäherung

Es ist ein schwieriges Versöhnungsvorhaben, und eines, bei dem noch immer nicht ganz klar ist, wie weit beide Seiten gehen können oder wollen. Südkoreas Außenminister Yun Byung-se weilte am Montag in Tokio. Genau 50 Jahre hatte es damit seit der Normalisierung der Beziehungen beider Staaten gedauert, bis ein südkoreanischer Außenminister offiziell Japan besuchte. Allerdings hatte er sich mit seinem japanischen Kollegen Fumio Kishida schon fünfmal in anderen Ländern getroffen.

Im Gästehaus Ikura berieten die beiden nun etwa das Thema einer japanischen Entschädigung für die koreanischen Zwangsprostituierten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den von Japan eroberten Ländern Asiens japanischen Soldaten sexuelle Dienste zu leisten hatten. Viel Bewegung gab es in diesen Diskussionen zunächst nicht: Japans Außenminister Kishida sagte, sie seien auf Basis der langjährigen japanischen Position geführt worden, nach der das Thema Entschädigungen mit dem Normalisierungsvertrag von 1965 abgeschlossen sei.

Debatte um Weltkulturerbe

Ein weiteres langjähriges Streitthema ist Tokios Antrag auf Verleihung des Titels Weltkulturerbe für japanische Fabrikdenkmäler aus der Frühzeit der japanischen Industrialisierung. Koreas Regierung fordert, dass in den Fabriken, in denen koreanische Zwangsarbeiter arbeiteten, daran erinnert wird. Das hat die japanische Seite anfangs mit dem Argument abgelehnt, die Zwangsarbeit habe zu einem viel späteren Zeitpunkt stattgefunden. Hier scheint es einen Kompromiss zu geben, wobei jede Seite behauptet, die andere habe nachgegeben.

Beide Seiten wollen auf ein Gipfeltreffen mit Japans Premier Shinzo Abe und Südkoreas Präsidentin Parks Geun-hye hinarbeiten. Südkoreas Außenminister Yun schlug nun einen Dreiergipfel mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping beim Gipfel einer der beiden Regionalorganisationen APEC oder ASEAN im Herbst vor. Ein Zweiergipfel könne danach angestrebt werden.

Zurückhaltende Diplomatie

Premier Abe wohnte auch selbst einer Feier der koreanischen Botschaft zum Normalisierungsvertrag bei. Dabei warb er für die Verbesserung der Beziehungen unter Rückschau auf die letzten 50 Jahre – wie immer, ohne zu erkennen zu geben, dass er sich für die japanischen Kriegsgräuel zu entschuldigen gedenkt. Genau jene Kriegsgräuel bleiben aber die größte Hürde auf dem Weg zum bilateralen Gipfeltreffen. Nächsten Monat werden die überlebenden "Trostfrauen" (so Japans euphemistische Bezeichnung für die Zwangsprostituierten) in San Francisco eine Klage gegen Japan einreichen und auf 20 Millionen Dollar Schadensersatz (18 Millionen Euro) pochen.

Von Koreas Öffentlichkeit werden sie weitgehend unterstützt: Laut einer Umfrage findet nur ein Prozent, dass sich Japan ausreichend für seine Schuld gegenüber seiner früheren Kolonie entschuldigt habe. Gleichzeitig wird im Diskurs noch immer gern verschwiegen, dass auch koreanische Kollaborateure bei der Zwangsprostitution beteiligt waren.

"Wendepunkt" in den Beziehungen

Trotz der historischen Schatten markiert das Jubiläum einen subtilen Annäherungsversuch der südkoreanischen Präsidentin an den Nachbarn: Der nächsten Generation sei man verpflichtet, dass dieses historische Datum einen "Wendepunkt" in der bilateralen Beziehung markiert, sagte Park Geun-hye bei einem von der japanischen Botschaft veranstalteten Bankett. Man müsse "die schwere Last der Geschichte" ablegen.

Bereits im Vorfeld hat Südkoreas Botschafter in Tokio in einem Interview mit der japanischen Zeitung "Mainchi Shimbun" angekündigt, dass die Klärung des "Trostfrauen"-Themas keine absolute Grundvoraussetzung für ein bilaterales Gipfeltreffen mehr wäre. Laut Experten ist die doppelte Strategie Südkoreas einerseits der Gesichtswahrung nach innen geschuldet, ohne die Chance auf eine Annäherung zu verpassen.

Bilateraler Handel leidet

Dies ist nicht zuletzt einem wirtschaftlichen Imperativ geschuldet: Allein in den letzten vier Jahren ist der bilaterale Handel der beiden Staaten um 20 Milliarden US-Dollar gesunken. Gleichzeitig sind Japan und China zaghaft auf Tuchfühlung gegangen.

Die USA begrüßten als gemeinsamer Alliierter die Annäherung, schließlich hilft sie dabei, ein nukleares Nordkorea und erstarkendes China in Schach zu halten.

Für Park Geun-hye wäre es nicht zuletzt auch ein persönliches Erbe, das sie fortsetzt: 1965 war es ihr Vater Park Chung-hee, langjähriger Diktator und Strippenzieher für den rasanten Wirtschaftsaufschwung des Landes, der sich für die Wiederaufnahme der Beziehungen einsetzte. Wenig später legte er den Grundstein für das Wirtschaftswunder am Han-Fluss – mit japanischem Kapital. (Siegfried Knittel aus Tokio, Fabian Kretschmer aus Seoul, 24.6.2015)

  • Südkoreaner fordern vor Japans Botschaft in Seoul eine Entschuldigung von Japans Premier Shinzo Abe für die Kriegsgräuel.
    foto: ap / ahn young-joon

    Südkoreaner fordern vor Japans Botschaft in Seoul eine Entschuldigung von Japans Premier Shinzo Abe für die Kriegsgräuel.

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