Grazer Amoklenker fühlte sich verfolgt

23. Juni 2015, 18:01
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Nach erster Befragung laut Staatsanwaltschaft keine Hinweise auf Terrorhintergrund – Richter nahm 26-Jährigen in U-Haft

Graz – Sie sind zwar noch etwas spärlich, die nun vorläufigen offiziellen Ermittlungsergebnisse, sie geben aber zumindest erste Hinweise auf die Hintergründe der Amokfahrt jenes 26 Jahre alten Mannes, der am Samstag mit seinem Geländewagen in der Grazer Innenstadt drei Passanten getötet und 36 weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt haben soll.

Er habe sich verfolgt gefühlt und gezielt auf Passanten zugesteuert, weil er darin bekannte Personen zu erkennen glaubte, erläuterte der stellvertretende Leiter des Landeskriminalamtes, René Kornberger, am Dienstag in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Graz.

"Große Herausforderung"

Er habe, dafür gebe es Hinweise, auch gezielt Frauen mit Kopftuch anvisiert, "aber nicht, weil sie Kopftuch getragen haben, sondern weil er sich eben verfolgt gefühlt hat und diese als Bekannte vermutet hat". Wer ihn verfolgt habe, darauf gebe der Beschuldigte bis dato keine Antwort, sagte Staatsanwalt Christian Kroschl. Alle weiteren Angaben des Beschuldigten seien äußerst vage. Er wurde am Dienstag nach dem Pflichtverhör in Untersuchungshaft genommen. Der Haftrichter entschied sich vorerst gegen eine Anhaltung in einer Nervenklinik.

Der Fall sei insgesamt eine "große Herausforderung" für die Behörden, zumal mindestens 150 Zeugen zu befragen seien. Es müssten auch noch sämtliche, rund 30 Videokameras entlang der Route, die die Amokfahrt möglicherweise dokumentiert hatten, ausgewertet werden – wie auch zahlreichen Fotos der Zeugen, sagte Kornberger. Kernthema der Pressekonferenz waren natürlich die zahlreichen medialen Spekulationen über einen möglichen religiösen Hintergrund der Tat.

Staatsanwalt: Kein Terrorakt

Staatsanwalt Christian Kroschl bekräftigte, es gebe "derzeit keine Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund", religiöse Motive könnten zum momentanen Stand der Ermittlungen gänzlich ausgeschlossen werden: "Der Beschuldigte bekennt sich zum islamischen Glauben, hat aber keinen besonderen religiösen Hintergrund und ist auch nicht religiös erzogen worden." Er habe zwar seine Frau aufgefordert, ein Kopftuch zu tragen, es dann aber dabei belassen. Im Mai wurde er von der Familie nach Gewaltakten weggewiesen, was bisher als wesentliches Motiv gewertet wird.

Kornberger bestätigte, dass der Amoklenker eine Schusswaffe – legal – besessen habe, die ihm aber abgenommen worden sei.

Ermittler zerstreuen Gerüchte

In Medien und Internetforen kursierende Meldungen über letzte Facebook-Eintragungen wollten Staatsanwaltschaft und Sicherheitsdirektion nicht bestätigen. Es gebe nur einen gesicherten Facebook-Eintrag, dieser sei für die Tat aber nicht relevant.

Ebenso könnten Spekulationen, die Ehefrau habe in den Befragungen angegeben, ihr Mann verkehre in radikalen Kreisen, nicht bestätigt werden. Das scheine "in keinem der Protokolle auf". Und schließlich: Auch religiöse Ausrufe, die Augenzeugen gehört haben wollen, konnten nicht verifiziert werden, sagte Kornberger.

Unbekannte Tote

Als am Samstag der Probst der Grazer Stadtpfarrkirche dem Vater des getöteten Buben Beistand leistete, indem er mit ihm gemeinsam beim Leichnam des Vierjährigen wachte, lag ganz in der Nähe der Körper eines anderen Opfers der Amokfahrt völlig allein in der Herrengasse. Es handelt sich um eine Frau, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Die Frau war laut Angaben der Behörden 25 bis 35 Jahre alt, sie trug mit Ausnahme einer weißen Uhr nichts bei sich. Hartnäckig hielt sich auch in Ermittlerkreisen das Gerücht, es handle sich um eine der Bettlerinnen, die regelmäßig in der Herrengasse sitzen. Die erste Bettlerin, die man hinter ihrer Identität vermutete, saß aber zu Wochenbeginn wieder vor der Kirche.

Aus Kreisen der Vinzenzgemeinschaft des Pfarrers Wolfgang Puchers wird bezweifelt, dass es sich um eine Bettlerin gehandelt habe, da in den Bettlergemeinschaften "niemand abgeht". (Walter Müller, Colette M. Schmidt, 23.6.2015)

  • Polizeimarkierungen auf den Straßen der Grazer Innenstadt.
    foto: apa/erwin scheriau

    Polizeimarkierungen auf den Straßen der Grazer Innenstadt.

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