Die Popularität begann mit dem Einbau der Pissoirs

23. Juni 2015, 17:51
4 Postings

Eine Kulturwissenschafterin hat die wechselvolle Geschichte der Spanischen Hofreitschule im 20. Jahrhundert aufgearbeitet

Wien – Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob auf dem Heldenplatz demnächst ein großes Beachvolleyballturnier stattfinden würde: Riesige Tribünenkonstruktionen bedecken hofburgseitig fast ein Drittel der Rasenanlage. Dazu gibt es vier Flutlichttürme und die mittlerweile fast schon obligatorischen Werbebanner.

Das Geviert im Inneren der Tribünenanlage, das mit Sand bedeckt ist, wird in den nächsten Tagen zwar auch alle möglichen Sprünge erleben. Nur werden da nicht menschliche Volleyballspieler, sondern weiße Pferde zu kurzen Höhenflügen ansetzen: Die Spanische Hofreitschule feiert mit einigen Galavorstellungen ihr 450-Jahr-Jubiläum.

Als deren Gründungsdokument gilt mittlerweile nämlich ein Aufruf aus dem September 1565. Damals sollte ein namhafter Geldbetrag "zur Aufrichtung des Thumblplatz im Garten in der Burg alhie" verwendet werden. 445 Jahre später wurde die "Klassische Reitkunst und die Hohe Schule der Spanischen Hofreitschule" von der Unesco zum immateriellen Welterbe erklärt.

Wann aber begann der Siegeszug dieser Kulturinstitution? Und wie schaffte es die Hofreitschule, sich so fest im Selbstbild Österreichs zu verankern?

Die Berliner Kulturwissenschafterin Anja Schwanhäußer ging diesen Fragen im Rahmen des vom FWF geförderten Projekts "Die Wiener Hofburg seit 1918. Von der Residenz zum Museumsquartier" nach – als abschließendes Teilprojekt des Forschungsschwerpunktes zur "Bau und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg" an der ÖAW. Schwanhäußer kam dabei nicht nur auf einige überraschende Antworten. En passant dekonstruierte sie auch gleich einige populäre Legenden rund um die weißen Pferde, die in der breiten Öffentlichkeit erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts populär wurden.

"Ein unbekannter Begriff"

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war die Spanische Hofreitschule "für die Masse der Wiener Bevölkerung ein bisher so ziemlich unbekannter Begriff", wie Mauritius Herold schrieb, der sich in der Ersten Republik große Verdienste um die Lipizzaner-PR erwerben sollte.

Dass es die Hofreitschule 1918 überhaupt noch gab, war erstaunlich, so Schwanhäußer: Das Haus Habsburg war der einzige Ort gewesen, an dem der barocke Reitstil noch kultiviert wurde. Nach dem Ende der Monarchie kursierten "Gerüchte, die Winterreitschule solle in ein Kino, eine Schwimmschule, einen Tattersall, ein ,zweites Burgtheater' verwandelt werden".

Mit einer trivialen infrastrukturellen Innovation konnte Herold diese Befürchtungen zerstreuen: Im Juni 1921 wurden Pissoirs eingebaut, wodurch erstmals öffentliche Großveranstaltungen in der bis dahin als Forschungsinstitut geführten Hofreitschule möglich wurden. Eine Folge davon war, dass die lokale und internationale Kunstszene auf die weißen Pferde "aufsprang".

Die prägende Zeit nach 1938

Ihr "bis heute prägendes Gesicht als eine mit Oper, Ballett oder Zirkus vergleichbaren Theaterveranstaltung" erhielt die Spanische Hofreitschule dann aber erst im Nationalsozialismus, schreibt Schwanhäußer und belegt diese starke Behauptung mit zahlreichen Fakten: So wurde etwa nach dem "Anschluss" der Pferdebestand von 30 auf 70 Pferde erhöht. Auch der Veranstaltungsbereich fand eine großzügige Erweiterung.

Treibende Kraft war Alois Podhajsky, der 1936 bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin die Bronzemedaille im Dressurreiten errang und mit 1. März 1939 zum Kommandeur der Spanischen Hofreitschule ernannt wurde. Podhajsky sorgte mit seinem extrem autoritären Führungsstil auch dafür, dass es zu einer Rückbesinnung auf die militärische Tradition kam. Zugleich sollte das Rossballett auch die heile Welt der alten Zeit verkörpern.

Nach 1945 blieb Podhajsky als einziger Leiter einer Wiener Kulturinstitution ohne Entnazifizierung im Amt und führte die Werbung für die Weißen Pferde ohne jede Unterbrechung fort. Einer der Höhepunkte der Kampagne war die Disney-Filmproduktion The Miracle of the White Stallions aus dem Jahr 1962, auf dessen Darstellung das Drehbuch basierte.

Der Kommandeur schuf gemeinsam mit den US-Produzenten die Legende von der Rettung der Spanischen Hofreitschule vor den heranrückenden Sowjets – mit ihm selbst als großen Helden der "Operation Cowboy". Dass Podhajsky die Lipizzaner gerettet hätte, ist längst widerlegt. Einige andere Mythen hat nun Anja Schwanhäußer entzaubert. (Klaus Taschwer, 24.6.2015)

  • Solche großen Sprünge sind demnächst auf dem Heldenplatz zu sehen: Die Spanische Hofreitschule feiert mit Galaveranstaltungen ihr 450-jähriges Bestehen, das nach 1918 beinahe vorzeitig geendet wäre.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Solche großen Sprünge sind demnächst auf dem Heldenplatz zu sehen: Die Spanische Hofreitschule feiert mit Galaveranstaltungen ihr 450-jähriges Bestehen, das nach 1918 beinahe vorzeitig geendet wäre.

  • Alois Podhajsky, Kommandeur ab 1939.
    foto: apa

    Alois Podhajsky, Kommandeur ab 1939.

Share if you care.