Kein Frieden mit den Verharmlosern

Kommentar der anderen23. Juni 2015, 17:33
52 Postings

Gedankenlose Aussagen über Zweiten Weltkrieg leisten der Unmenschlichkeit Vorschub

Es gibt Sätze, die sich wie tückische Trojaner in brave Zeitungsartikel einschleichen und ein falsches, gefährliches Geschichtsbild transportieren. Ein solcher Satz findet sich im Beitrag über die Schlacht von Waterloo im STANDARD vom 13./14. Juni im Verweis "auf die späteren Weltkriege, die mit Giftgas geführt wurden oder im Genozid endeten". Ganz so, als wäre der Genozid das Ergebnis dessen gewesen, womit Kriege nun einmal enden, nämlich eines zunehmenden Abgleitens in die Inhumanität.

Der Zweite Weltkrieg endete aber nicht in Unmenschlichkeit und Genozid, sondern begann damit und wurde um dessentwillen geführt. Bereits am 12. September 1939, noch vor dem Fall Warschaus, erläuterten in Hitlers Sonderzug Außenminister Joachim von Ribbentrop und der Chef der Wehrmacht, Wilhelm von Keitel, die von Hitler vorgegebene weitere Vorgangsweise, die polnische Intelligenz, Adel, Geistlichkeit "und selbstverständlich die Juden" auszurotten.

Als Generaloberst Erwin von Lahousen, Österreicher und ranghöchster überlebender Mitarbeiter des deutschen Abwehrchefs und Hitler-Gegners Admiral Canaris, dies am 30. November 1945 dem Nürnberger Tribunal darlegte, wartete Otto Ohlendorf auf seinen Auftritt als Zeuge. Der Jurist und Wirtschaftswissenschafter hatte als "des Teufels Meinungsforscher" der Führungsschichte des Dritten Reiches mehrmals pro Woche zu einem ungeschminkten Bild der in der Bevölkerung herrschenden Stimmung verholfen. Er hatte aber auch, wie alle Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt, zeitweise eine der "Einsatzgruppen" leiten müssen und seither 90.000 Juden auf dem Gewissen. Seine Aussage ließ den Zuhörern das Blut in den Adern gefrieren, der hier wesentliche Punkt seiner Aussage besagt: Als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion angriff, folgte bereits jeder Heeresgruppe eine Einsatzgruppe, deren Aufgabe hinter der Front in der Ausrottung der Juden und der "politischen Kommissare" bestand. Diese Arbeitsteilung war schriftlich zwischen Wehrmacht und Heydrichs Reichssicherheitshauptamt geregelt.

Der zitierte Satz lässt den Eindruck entstehen, der Zweite Weltkrieg sei in den Völkermord abgeglitten. Damit wird auf gedankenlose Weise der Verharmlosung des Nationalsozialismus Vorschub geleistet. Dies in einer Zeit, die drauf und dran ist, auf breiter Front ihren Frieden mit den Verharmlosern der Nazis zu machen. Der Nationalsozialismus war aber am Beginn des Zweiten Weltkrieges längst geplanter Völkermord, und wer seinen Frieden mit den Verharmlosern macht, macht seinen Frieden mit der Unmenschlichkeit. (Hellmut Butterweck, 23.6.2015)

Hellmut Butterweck ist Journalist und Autor von "Der Nürnberger Prozess – eine Entmystifizierung" und "Verurteilt und begnadigt – Österreich und seine NS-Straftäter" (Wien, Czernin-Verlag). "Justitia war nicht blind", eine umfassende Dokumentation dazu, erscheint demnächst im Studien-Verlag.

Share if you care.