Dänemark: Mit nine to four zum europäischen Innovationsmeister

23. Juni 2015, 18:21
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Das Land ist Musterschüler im Bereich Forschung und Entwicklung. Bei der Frauenquote hapert es noch

Eine Hochburg der Schweineschlächter und gleichzeitig eine Gesundheitsnation. Einmalige Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch in der Wissenschaft und dennoch einer der niedrigsten Anteile von Frauen unter Universitätsprofessoren. Eines der innovativsten Länder Europas und kaum messbare Indikatoren, die Aufschluss darüber geben, warum das so ist: Gerade im Bereich von Forschung und Entwicklung ist Dänemark ein Land voller Widersprüche, insgesamt aber so gut aufgestellt wie kaum ein anderes Land in Europa.

Im Zuge einer zweitägigen Studienreise des vom österreichischen Wissenschafts- und Wirtschaftsministerium finanzierten Forschungsverbunds Austrian Cooperative Research (ACR) nach Kopenhagen begab sich eine Delegation österreichischer Forscher zu Beginn dieser Woche auf die Suche nach Strategien, die hinter den dänischen Forschungserfolgen stehen.

Um vier Uhr ist Schluss

Von den demografischen und ökonomischen Rahmenbedingungen her herrschen in Dänemark und Österreich relativ ähnliche Grundvoraussetzungen – beide Länder sind nicht besonders einwohnerstark: In Dänemark leben 5,6 Millionen Menschen, in Österreich 8,6 Millionen. Und mit einem Bruttoinlandsprodukt von 33.687 Euro pro Kopf lag Dänemark 2014 nur knapp hinter Österreich mit 34.455 Euro pro Kopf.

Wenn man aber Indikatoren zur Bewertung des Forschungsstandortes vergleicht, ist das südskandinavische Land der Bergrepublik in vielem überlegen. Im europäischen Innovationsranking Innovation Scoreboard lagen die Dänen im Vorjahr auf Platz zwei hinter Schweden und bildeten gemeinsam mit Finnland und Deutschland die Top-Gruppe der sogenannten Innovation-Leaders. Österreich kann sich dagegen mit Platz zehn nur zu den Innovation-Followers zählen.

Bei den zahlreichen Faktoren, die in dieses Ranking eingehen, konnte Dänemark vor allem mit einer enormen Publizier-Aktivität der Forscher punkten, mit intensiven Public-private-Cooperations und einer nach außen recht offenen Exzellenzkultur: Das Bemühen, erworbenes Wissen geheim zu halten, steht hier Kooperationen offenbar weniger oft im Weg als in anderen Ländern.

Ein gutes wissenschaftliches Zeugnis stellen Dänemark auch etliche Hochschulrankings aus. Im letzten Shanghai Ranking, bei dem auch wiederum Publikationen in prestigeträchtigen Journals wie Nature oder Science, aber auch Nobelpreise eingerechnet wurden, landete die Universität Kopenhagen auf dem 39. Platz, die Universität Aarhus auf Platz 74. Die beste österreichische Hochschule – die Universität Wien – fand sich dagegen nur in der Gruppe von Platz 151 bis 200.

Doch was macht Dänemark zum Innovationsmusterschüler? Je nachdem, wo man ist und wen man fragt, bekommt man darauf in Kopenhagen recht unterschiedliche Antworten zu hören, denen einzig gemein ist, dass sie sich streng messbaren Kriterien entziehen. So werden unter anderen die Stichworte flache Hierarchie und gute Work-Life-Balance am häufigsten als entscheidende Innovationsfaktoren genannt: dass sich in der Regel alle sofort per du ansprechen – nur die Angehörigen des beliebten dänischen Königshauses zählen dabei zu den wenigen Ausnahmen -, nicht einmal in den Ministerien Krawatten obligatorisch sind und es ganz selbstverständlich sei, dass die Dänen um vier Uhr das Büro verlassen – per Rad versteht sich -, um die Kinder abzuholen. Das klingt zwar alles sympathisch, aber ob das schon die Wurzel der dänischen Innovationskraft sein kann?

Als könnten sie ihr Glück selbst nicht so recht fassen, haben die Dänen Studien beauftragt, die ermitteln sollen, was die dänische Forschung so innovativ macht. Da endgültige Ergebnisse noch ausstehen, müssen sich die Besucher aus Österreich mit einigen Einschätzungen begnügen – und diese ergeben ein diverses Bild.

So nennt ein Oberösterreicher, der in Dänemark studiert hat, die Zuschüsse für Studierende als wesentlichen Faktor: "Jeder Student bekommt hier 700 Euro pro Monat und muss davon keinen Cent zurückzahlen." Für einen Mitarbeiter der Forschungsförderagentur Danish Agency for Science, Technology and Innovation (Dasti) ist ein ganz anderer Grund verantwortlich: "Wir sind einfach nur sehr ehrgeizig, die Schweden zu schlagen" – nämlich im Innovationsranking. Ein Projektleiter, der am Danish Technology Institute tätig ist, hat eine weitere Erklärung parat: "Geld ist nicht alles, es geht vor allem auch um effektive Förderstrukturen."

Tatsächlich liegt Dänemark mit einer aktuellen Forschungsquote von 3,1 Prozent bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung nur knapp vor Österreich mit 2,8 Prozent, und die zunehmende top-down verordnete Verschlankung der ohnehin schon straffen Strukturen wie die Zusammenlegung von Universitäten und Spitälern wird von der Bevölkerung gut aufgenommen. So stellt sich bei den ACR-Vertretern bereits am ersten Tag in Kopenhagen der Wunsch nach einer Verschlankung der österreichischen Forschungsförderung nach dänischem Vorbild als einheitlicher Tenor ein.

18 Prozent Professorinnen

In der dänischen Forschungspolitik gibt es aber auch einige Schattenseiten. "Wir sind zwar sehr gut im Innovation Scoreboard, aber wie können wir das wirtschaftlich verwerten?", fragt sich etwa Kåre Nordahl Larsen, Konsulent bei Dasti. So liegt eine der Schwachstellen der dänischen Wissenschaftskultur darin, dass zwar sehr viel und hochwertig publiziert wird, daraus aber nicht unbedingt kommerzialisierbare Anwendungen entstehen.

Ein weiteres Problem betrifft die Durchlässigkeit des Systems für Frauen: Während sich bei den Studienanfängern ähnlich wie in Österreich Frauen mit 56 Prozent in der Mehrheit befinden, dünnt deren Anteil nach oben hin aus: Unter den Uniprofessoren gibt es gar nur 18 Prozent Frauen. Gemeinsam mit Österreich, wo es 22 Prozent weibliche Professoren gibt, zählt Dänemark in diesem Bereich zu den Schlusslichtern in Europa – eine Paradoxie angesichts der angeblich so familienfreundlichen Rahmenbedingungen. Auch dazu gibt es laufende Studien, die die Wurzel des Problems klären sollen, aber noch keine endgültigen Antworten.

Paradox erscheint auch das Verhältnis der Dänen zum Essen: Dieses zählt durch die starke Schweinezucht zu den Hauptwirtschaftsfaktoren. Während in Supermärkten Bioprodukte zunehmend herkömmlich produzierte Erzeugnisse verdrängen, geht in der Schweinezucht alles noch konventionell zu. In keinem anderen Land werden pro Einwohner so viele Schweine geschlachtet wie in Dänemark. Allein in einem Schweinezuchtbetrieb sind es 110.000 pro Woche – dass dabei von Bio oder Freilandhaltung keine Spur ist, löst bei den Dänen wenig Bedauern aus.

Die wissenschaftlichen Zugpferde der Dänen sind jedoch Lifesciences und Pharmazie. Mit über 400 Unternehmen stellt der Life Sciences Cluster genannte Medican Valley um Kopenhagen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Auch große Teile der Forschungsförderungen fließen in diesen Bereich.

Mit eigenen Programmen, in deren Rahmen sogenannte Innovation Agents Einrichtungen besuchen und Vorschläge erarbeiten, wie die Innovation gefördert werden kann, versuchen die Dänen ihre Exzellenz noch weiter zu steigern. Ein Problem, dem die Innovation Agents häufig begegnen, ist, wie die relativ niedrigen Investitionen in Forschung und Entwicklung aus dem Privatsektor gesteigert werden können, erzählt einer der Agents. Und die Diskussion darüber, wie diese Probleme angegangen werden können, mutet dann beinahe so an, als ginge es um Österreich. (Tanja Traxler aus Kopenhagen, 24.6.2015)


Die Reise nach Kopenhagen erfolgte auf Einladung der Austrian Cooperative Research.

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