Statt zu sudern lieber in die Politik gehen

Userkommentar24. Juni 2015, 11:51
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Politische Diskussionen in sozialen Netzwerken – und was man daraus lernen kann. Aus der Sicht eines 16-Jährigen

Wir leben in seltsamen Zeiten. Es ist ein Trend geworden, Leute zu beschimpfen, weil sie eine Meinung haben. Links und Rechts bekämpft sich mit Argumenten aus den eigenen Parteiblättern. Die "Tagespresse" wird zum Medium, dessen Artikel am meisten der Wahrheit entsprechen. Und alles wird immer schneller, aggressiver, unsachlicher.

Als Jugendlicher beschleicht mich das Gefühl, ich bekomme mehr von Politik mit als der Durchschnittspensionist – auch wenn der jeden Tag die "Zeit im Bild" schaut. Weil ich rund um die Uhr "hinterm Kastl pick" und "überhaupt nimma vorschau". Mag sein, dass ich etwas zu viel Zeit mit dem Handy verbringe. Andererseits verbergen soziale Netzwerke ungeahnte Möglichkeiten – vor allem, wenn man politische Diskussionen verfolgt. Für alle Nicht-Facebook- beziehungsweise Twitter-User: Man sucht solche Diskussionen nicht. Man findet sie.

Inhaltsleere Argumente

Das Erstaunlichste für mich ist, dass man durch diese Diskussionen – und ein wenig Nachdenken – irgendwann erkennt, dass beide Seiten gleich wenig recht haben. Denn während sich beide Wählergruppen gegenseitig mit Schimpfwörtern überschütten, dabei ein inhaltsleeres Argument nach dem anderen von sich geben und dann ohnehin fast immer die Diskussion herauskommt, wer nun eigentlich der Dümmere von beiden sei, frage ich mich, wo eigentlich Niveau und Gesprächskultur geblieben sind.

Wie kann es bitte Alltag geworden sein, dass man Dinge wie "Der sture Trottel verharrt ja sowieso auf seiner blöden Meinung!" oder "Du Idiot, lern einmal selber richtig Deutsch!" auf seiner Facebook-Chronik sieht? Überlegt denn niemand, was er tut?

Gut. Mich persönlich nervt es auch, wenn Menschen nicht auf Rechtschreibung achten. Trotzdem hilft es nichts, einer Person zu sagen, dass sie nichts zu sagen hat, solange sie Beistrichfehler macht. Davon ist noch keiner aufgestanden und hat gesagt: "Hey, hast recht! Dann wähle ich von jetzt an halt nur mehr die KPÖ." Ist nie passiert. Wird nie passieren.

Sachlich bleiben!

Genauso wenig hilft es, wenn man FPÖ-Wählern ständig Statistiken zuschießt, die besagen, dass sie alle blöd sind, weil Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau eher dazu tendieren, die FPÖ zu wählen. Ja, es stimmt schon, dass Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau eher ihr Kreuz bei der FPÖ machen. Aber weder kann man alle Leute in Unis schicken und hoffen, dass sie auf der Stelle eine grüne Parteimitgliedschaft erwerben, noch kann man daraus schließen, dass alle Wähler, die nicht FPÖ wählen, hochintelligente Wunderkinder sind.

An alle da draußen, die die FPÖ nicht in der nächsten Regierung sehen wollen, und ich kann euch versprechen, ich bin einer von euch: Die Blauen zu beschimpfen und dann zu sagen, dass sie alle kein Niveau haben, ist eindeutig nicht der richtige Weg. Bewahrt Ruhe und bleibt sachlich!

Sudern bringt nichts

Zugegeben: Manche Menschen werden immer Blau wählen. Das ist auch gut so. Eine Demokratie, die nur eine richtige Meinung zulässt, ist nun einmal keine Demokratie. Aber der Großteil der heutigen FPÖ-Wählerschaft sind nicht deren Kernwähler, sondern irgendwann Umgesprungene. Ihre Argumente sind meistens gar nicht einmal so schwer zu entkräften: Wer einmal kurz Reise zum Supermarkt spielt – dort wo es angeblich den Hausverstand gratis zum Sackerl dazu gibt –, der kann mehr bewirken, als er denkt.

Österreich ist das Land der Suderanten. Doch sudern über eine politische Partei bringt gar nichts. Also: Wenn Du eine Partei gefunden hast, die Dich anspricht, dann geh einfach auf sie zu. Mach mit! Politik betreiben zu dürfen ist ein Privileg, das nicht vielen auf der Welt zuteil wird. (Lorenz Scharfmüller, 24.6.2015)

  • Diskussionen in sozialen Netzwerken: Bewahrt Ruhe und bleibt sachlich!
    foto: ap/jeff chiu

    Diskussionen in sozialen Netzwerken: Bewahrt Ruhe und bleibt sachlich!

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