Der Habicht: Ein scheuer, treuer Opportunist

24. Juni 2015, 16:41
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Er hat noch immer den Ruf eines Jagdschädlings, dabei sind schwindende Grünflächen die größere Bedrohung für Rebhühner oder Fasane

Wien – Es gibt Beobachtungen, die man sein Leben lang nicht vergisst: Die Sumpfsenke liegt eingeklemmt zwischen Wald und Wiese. Am Rand stehen einige Schwarzerlen, dahinter Weidengebüsch. Ein Dschungel in Westentaschenformat. Plötzlich erklingt der scheppernde Warnruf einer Amsel. Der schwarze Vogel schießt hinter den Bäumen hervor, steigt steil in die Höhe und setzt mit einer scharfen Kurve wieder zum Sturzflug an. Ihm dicht auf den Fersen ist ein größeres Tier mit gestreiftem Bauchgefieder und kurzen, kräftigen Flügeln. Beide verschwinden zwischen den Weiden. Die ganze Szene hat keine drei Sekunden gedauert, der Ausgang des Dramas bleibt ungewiss.

Der Anblick eines jagenden Habichts ist ein seltenes Erlebnis. Und das aus verschiedenen Gründen. Zum einen sind die Greifvögel schon vor Jahrzehnten rar geworden. Aktuellen Schätzungen zufolge leben in ganz Österreich maximal 2500 Habicht-Brutpaare. Flächendeckende Zählungen gibt es allerdings nicht, wie der Biologe Remo Probst von der Vogelschutzorganisation Bird Life Austria betont. Es herrsche hier dringender Forschungsbedarf. Mit größerem Zeitaufwand. "Der Habicht ist schwierig zu studieren", sagt Probst. Ein scheuer Waldbewohner eben, den man nur schwerlich zu Gesicht bekommt.

Accipiter gentilis lautet sein zoologischer Name. Anders als Bussarde, Wanderfalken oder Adler kreist der Habicht normalerweise nicht am Himmel, sondern lauert seiner Beute von Bäumen und Hecken aus auf. Von dort kann er blitzschnell starten und die Verfolgung aufnehmen. Er nutzt den Überraschungseffekt, erklärt Probst. Dank ihrer großen Wendigkeit können die Greife sogar im Unterholz jagen. Interessanterweise sind die Habichtweibchen mit einer Länge von bis zu 60 Zentimetern deutlich größer als ihre männlichen Artgenossen. Möglicherweise hängt dies mit der Arbeitsteilung eines Habichtpaares bei der Brutpflege zusammen, meint Probst.

Agiler Futterbeschaffer

In den ersten drei Wochen nach dem Schlüpfen werden die Jungvögel im Nest von der Mutter betreut und auch gegen schlechtes Wetter geschützt. Das Männchen versorgt derweil die ganze Familie mit Nahrung. Durch seine geringere Größe ist er besonders agil und überaus effizient bei der Futterbeschaffung. Viele kleinere Beutetiere machen schließlich schneller satt als nur ab und zu ein dickerer Brocken. Die schleppt später das Weibchen heran.

Habichte verpaaren sich fürs Leben und sind, zumindest im größten Teil Europas, das ganze Jahr über in ihrem Revier präsent. Die Greife kommen auch in Sibirien, Teilen Chinas sowie auf dem nordamerikanischen Kontinent vor. Nicht immer leben sie im Wald. Vor allem in Russland besiedelt Accipiter gentilis auch sehr offene Landschaften. Seit den Siebzigern haben sich Habichte zunehmend sogar in Städten niedergelassen, darunter Moskau, Hamburg und Amsterdam. Die größte urbane Population beherbergt Berlin mit rund 100 Brutpaaren. Die zahlreichen Tauben bieten eine ideale Nahrungsgrundlage. In Wien haben einige Paare in den Randbezirken am Wienerwald und in der Lobau ihr Revier abgesteckt. In die innere Stadt sind sie jedoch noch nicht vorgedrungen.

Bird Life Austria und deutsche Naturschutzverbände haben den Habicht gemeinsam zum "Vogel des Jahres 2015" gekürt. Die Wahl steht stellvertretend auch für andere gefährdete Greifvögel, erklärt Remo Probst. Der Hintergrund: Noch immer werden die gefiederten Jäger illegal verfolgt. Noch immer gibt es einzelne Grünröcke, die sie gezielt mit ihren Flinten vom Himmel holen oder ihnen durch das Auslegen von Giftködern ein qualvolles Ende bereiten. Auch manche Taubenhalter und Geflügelzüchter sehen den Habicht lieber tot als lebendig – und helfen diesbezüglich nach. Dass die Tiere ganzjährig geschützt sind, wird dabei geflissentlich ignoriert. In Niederösterreich erteilten die zuständigen Behörden von 2008 bis Mai 2014 allerdings Ausnahmegenehmigungen für den Abschuss von Habichten und Mäusebussarden. "Eine totale Katastrophe", meint Probst. Diese Praxis sei zwar vorerst beendet worden, aber vielleicht werde die Jägerlobby noch mal einen Neustart beantragen.

Neues Beuteschema

Was steckt dahinter? Vermutlich ein archaischer Futterneid. Der Habicht, so heißt es oft, dezimiere das Niederwild. Zu viele Fasane und Rebhühner würden ihm zum Opfer fallen. Er sei also ein Jagdschädling. Nun stimmt es, dass fast überall ein dramatischer Rückgang der Rebhuhnbestände stattgefunden hat und Habichte diese Vögel durchaus auch fressen. Doch nicht die Greife sind schuld am Rebhuhnschwund, sondern in erster Linie ist es die hochintensivierte Landwirtschaft. Es gibt immer weniger unbeeinträchtigte Grünstreifen, Hecken und Brachland. Massive Pestizideinsätze töten Wildkräuter und Insekten. Die Folge: Vor allem junge Rebhühner finden nicht genug Futter. Auch andere Niederwildarten haben in der Agrarlandschaft kein gutes Auskommen mehr. Die Felder werden leer.

Accipiter gentilis indes ist ein Opportunist. Der Habicht nimmt, was er am leichtesten bekommen kann. "Er ist aufs Energiesparen eingestellt", betont Remo Probst. Genau deshalb machen die Greifvögel oft Jagd auf Krähen. Die gibt es meist noch reichlich – was übrigens auch wieder viele Jäger verärgert. Habichte sind sehr wohl in der Lage, Krähenpopulationen kurzzuhalten, sagt Probst. Wenn man sie lässt, natürlich. Die letzten Rebhühner dagegen werden die gestreiften Jagdflieger wohl kaum erlegen. Viel zu aufwendig. Abgesehen davon: Ist es wirklich sinnvoll, eine seltene Vogelart auszurotten, um eine andere zu schützen?

Wie anpassungsfähig Habichte in Bezug auf ihr Beuteschema sein können, hat im vergangenen Jahr eine finnische Studie aufgezeigt (Oecologia, Bd. 176, S. 781). In den skandinavischen Wäldern waren Raufußhühner-Spezies (Tetraonidae) wie das Birkhuhn einst die Hauptbeute der Greife. Die Bestände dieser Vögel haben ebenfalls abgenommen, hauptsächlich infolge forstwirtschaftlicher Eingriffe. Seit den Sechzigern beobachten Experten deshalb, wie finnische Habichte zunehmend auf andere Tierarten als Nahrungsquelle zugreifen. Die Männchen stellen vermehrt kleineren Vögeln nach, die Weibchen Säugern, darunter auch Hasen.

Die Umstellung hat sich erstaunlicherweise auch schon in der Anatomie der Habichte niedergeschlagen. Beide Geschlechter sind kleiner geworden. Anhand von Skelettvergleichen konnten die finnischen Biologen zudem vor allem bei männlichen Exemplaren Veränderungen am Brustbein nachweisen – dort, wo die Flugmuskulatur ansetzt. Diese sind vermutlich als Anpassung an die Jagd auf langsamere, aber wendigere Beutetiere zu verstehen. Evolution im Eiltempo. (Kurt de Swaaf, 24.6.2015)

  • Der Habicht lauert seiner Beute von Bäumen und Hecken aus auf, er nutzt den Überraschungseffekt und ist wendig genug, um sogar im Unterholz zu jagen.
    foto: picturedesk.com / vario images / mcphoto

    Der Habicht lauert seiner Beute von Bäumen und Hecken aus auf, er nutzt den Überraschungseffekt und ist wendig genug, um sogar im Unterholz zu jagen.

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