Klimaexpertin: "100 Millionen Bäume jährlich für Junkmails"

Interview25. Juni 2015, 12:24
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Reduktion des Fleischkonsums, Recycling und Apps sind für die ehemalige US-Staatssekretärin für Energie Kristina Johnson zentrale Hebel für den Klimaschutz

STANDARD: Nicht nur Geld und Wohlstand sind global gesehen sehr ungleich verteilt, sondern auch der Zugang zu und Verbrauch von Energie. Die US-Amerikaner machen fünf Prozent der Weltbevölkerung aus, verbrauchen aber ein Viertel der Energie – welche Konsequenzen sollten daraus gezogen werden?

Johnson: In mancherlei Hinsicht denke ich, dass der ökologische Fußabdruck der US-Amerikaner sogar noch größer ist – wenn wir etwa die energieaufwendige Industrie dazurechnen. Wir haben die Verantwortung, unseren Kohlenstoffdioxid-Ausstoß zu verringern – um 83 Prozent bis 2050. Das Ziel der Regierung von Barack Obama ist zudem, einen Anteil von 80 Prozent Ökostrom bis 2035 zu erreichen. Die nächsten Wahlen in den USA werden entscheidend sein dafür, wie es weitergeht in der Klimapolitik. Wir sollten Vorreiter dabei sein, den Kohlenstoff-Fußabdruck zu reduzieren und vermehrt erneuerbare Energien einzusetzen. Denn wenn wir nicht Vorreiter dabei sind, hat auch der Rest der Welt alles Recht, den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß nicht zu drosseln. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt eine Green Energy Company führe.

STANDARD: Bevor Sie in die Wirtschaft gewechselt sind, waren Sie 2009 und 2010 als Staatssekretärin für Umweltangelegenheiten im Kabinett von Obama tätig. Dieser ist mit sehr ambitionierten Zielen angetreten – doch was konnte er tatsächlich in Bezug auf den Klimaschutz durchsetzen?

Johnson: Ich denke, die Bilanz ist gut. Wir sind in den Jahren seiner Amtszeit um das Sechsfache sauberer geworden: Bei den erneuerbaren Energien haben wir uns von zwei Gigawatt jährlich auf zwölf Gigawatt gesteigert – das ist phänomenal in so einer kurzen Zeit. Seit den 1980er-Jahren dauerte es 25 Jahre, um zwei Gigawatt grüne Energie zu erreichen, und nun haben wir in sechs Jahren zehn Gigawatt geschafft.

STANDARD: Wie konnte dieser Zuwachs erreicht werden?

Johnson: In meinen Augen liegt es am American Recovery and Reinvestment Act, den Obama unmittelbar nach seiner Amtseinführung 2009 auf den Weg brachte. Windkraft ist seither um 15 Prozent gestiegen: Als ich mein Amt 2009 antrat, erzeugten wir 40 Megawatt an Windenergie jährlich, jetzt sind wir bei 65 Megawatt. Eine weitere Aktion, die Obama durchgesetzt hat, war, die Forschungsgelder für die Entsorgung von nuklearen Abfällen zu verdreifachen. Außerdem wurde bei der Modernisierung von Gebäuden angesetzt – mit einer Investition von fünf Milliarden Dollar. Das ist zentral, denn über 60 Prozent unseres Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes kommen von Gebäuden.

STANDARD: Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, wird eine Vielzahl an Maßnahmen vorgeschlagen. Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Faktoren?

Johnson: Ich bin sehr froh, dass Sie das fragen, denn meiner Meinung nach kann der wichtigste Beitrag nur auf der individuellen Ebene geschehen, vor allem in den entwickelten Ländern, wo wir so viel Energie verschwenden. Es ist wirklich eine Sünde – und diese Studien sind kaum bekannt -, dass wir in den Vereinigten Staaten zwischen 25 und 40 Prozent im Lebensmittelsektor verschwenden. Ein Grundproblem ist, dass wir zu viel Fleisch essen. Ein Beispiel: Die US-Amerikaner essen 50 Milliarden Hamburger pro Jahr – das sind drei Hamburger pro Person pro Woche. Wenn wir das um nur ein Drittel reduzieren, würden dadurch 50 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid weniger emittiert werde. Wenn wir eine Strecke pro Woche weniger mit dem Auto fahren und stattdessen zu Fuß gehen, würde das weitere 50 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid bringen. Das ist jeweils nur ein Prozent, weil wir jährlich fünf Milliarden Tonnen in die Atmosphäre bringen – aber mehrere solche Maßnahmen über längere Zeit brächten einen wesentlichen Beitrag.

STANDARD: Wo kann der Einzelne neben Ernährung und Verkehr weiters ansetzen?

Johnson: Ein weiteres wichtiges Thema ist Recycling: In den USA werden derzeit etwas mehr als 50 Prozent der Abfälle recycelt, aber es könnten 85 Prozent sein. Auch Apps können uns dabei helfen, ressourcenschonender zu leben, zum Beispiel solche, bei denen Junkmails gemeldet werden können und man dann von der Mailingliste entfernt wird – das ist eine meiner Lieblingsapps derzeit. Junkmails sind in den USA ein riesiges Problem: 100 Millionen Bäume werden jedes Jahr für Junkmails verbraucht.

STANDARD: Der wissenschaftliche Befund, dass der Mensch zur Klimaerwärmung beiträgt, ist sehr klar – warum werden die Maßnahmen, die die Wissenschafter für notwendig halten, dennoch kaum oder nur schleppend umgesetzt?

Johnson: Das ist ein großes Problem, und eine wichtige Maßnahme wäre, Geld aus der Politik herauszubekommen. Es gibt sehr starke Interessen gegen grüne Energie von Menschen aus der Öl- und Gasindustrie, die sehr wohlhabend sind. Durch die existierenden Mechanismen ist es ihnen erlaubt, Milliarden zu investieren, um Wahlen zu gewinnen. Es gibt daher viele Fehlinformationen über den menschlichen Beitrag zum Klimawandel, die danach trachten, die tatsächlichen Fakten aus der Debatte herauszuhalten.

STANDARD: Warum können sich diese falschen Informationen so hartnäckig halten?

Johnson: Das hat viel mit Risikoabschätzung und Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun. Dass so wenig gegen den Klimawandel getan wird, liegt auch daran, dass es vielen Menschen schwerfällt, Wahrscheinlichkeiten zu verstehen. Wenn ich Vorträge halte, frage ich immer, wie viele Leute glauben, dass der Mensch einen wichtigen Faktor beim Klimawandel spielt. Mehr als die Hälfte der Leute heben dann die Hände. Unter Wissenschaftern sind es 99 Prozent. Wenn ich dann frage, wie viele etwas gegen dieses Risiko tun, hebt vielleicht ein Drittel die Hand. Wir müssen also daran arbeiten, Wahrscheinlichkeiten zu verstehen. Wenn es nur eine 1:6-Chance gibt, dass der Mensch den Klimawandel mitverursacht, wollen wir nicht russisches Roulette spielen. Mit einer Pistole würde das niemand tun, beim Klimawandel sind uns die Konsequenzen nicht so bewusst. Wenn man Wahrscheinlichkeiten verstanden hat, will man etwas tun, um katastrophale Ereignisse abzuwenden.

STANDARD: In Technologiekreisen hört man immer öfter das Schlagwort Smart Cities als Antwort auf Klimafragen. Welche Bedeutung hat das Konzept Ihrer Ansicht nach in diesem Bereich?

Johnson: Ich glaube, dass Konzepte wie Smart Cities, Responsive Cities und Adaptive Cities für Klimafragen wirklich zentral sind. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind wiederum Apps. Wir verschwenden unglaublich viel Energie dafür, dass wir im Stau stecken bleiben. Wenn wir eine App hätten, die je nach Verkehrsaufkommen die beste Route vorschlagen würde, brächte das tonnenweise Einsparungen an Kohlenstoffdioxid. So eine App, die alle Verkehrsströme berücksichtigt, existiert heute noch nicht – sie wird aber in Zukunft existieren.

STANDARD: Wie unterscheiden sich die Konzepte der Smart City und der Responsive City?

Johnson: Es geht vor allem um unterschiedliche Betonungen. Wenn ich Smart City höre, denke ich daran, wie sich das Licht in den Gebäuden abgestimmt auf das Außenlicht verändert. Bei Responsive Cities geht es vor allem darum, daran beteiligt zu werden, wie manche Entscheidungen getroffen werden. Wir müssen bedenken, dass es nicht einfach ist, den eigenen Lebensstil zu ändern. Das Leben kann manchmal sehr fordernd sein, und natürlich fragen sich die Leute dann: Aber was bringt mir das, Klimaschutzmaßnahmen zu setzen? Deswegen ist es sehr wichtig, klarzumachen, wie wir alle von einem Rückgang der Kohlenstoffdioxid-Emissionen profitieren.

STANDARD: Sie waren sehr aktiv im akademischen Bereich engagiert, im politischen und nun auch in der Wirtschaft. Wie gehören diese Bereiche für Sie zusammen?

Johnson: Meine Leidenschaft aktuell ist es, Kohlenstoffdioxid-Emissionen zu reduzieren. Dabei interessiert mich, wie die Politik arbeitet und auch wie wir Investitionen dazu initiieren können. Der Bildungsaspekt daran ist, die Arbeitskräfte auszubilden, die wir künftig für diese Herausforderungen brauchen. Mein Weg ist der Versuch, all das zusammenzubringen. (Tanja Traxler, 24.6.2015)


Kristina Johnson, geboren 1958 in Denver, Colorado, hat Elektrotechnik an der Stanford University studiert. Als Studentin wollte sie professionelle Hockeyspielerin werden, jedoch wurde ein Hodgkin-Lymphom, ein bösartiger Tumor des Lymphsystems, bei ihr diagnostiziert. Sie verlegte ihren Fokus auf den akademischen Bereich, wo sie zu einer der führenden US-Forscherinnen in den technischen Wissenschaften wurde, vor allem im Bereich von Optoelektronik und Spektroskopie machte sie sich einen Namen. Sie hatte Leitungsfunktionen an der Hopkins University und der Duke University inne. 2009 wurde sie Staatssekretärin für Energie in der Regierung Obama, Ende 2010 legte sie das Amt nieder. Aktuell ist Johnson vor allem in der Energiebranche tätig. Vergangene Woche war sie in ihrer Funktion als Mitglied des Forschungsstrategischen Beirats des Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien.

  • Die wichtigsten Beiträge zum Klimaschutz finden auf individueller Ebene statt, ist Kristina Johnson überzeugt: "Vor allem in den entwickelten Ländern, wo wir so viel Energie verschwenden."
    foto: christian fischer

    Die wichtigsten Beiträge zum Klimaschutz finden auf individueller Ebene statt, ist Kristina Johnson überzeugt: "Vor allem in den entwickelten Ländern, wo wir so viel Energie verschwenden."

  • 100 Millionen Bäume werden jedes Jahr für Junkmails verbraucht, sagt Kristina Johnson, doch Apps können uns dabei helfen, ressourcenschonender zu leben. Zum Beispiel solche, bei denen Junkmails gemeldet werden können und man dann von der Mailingliste entfernt wird.
    foto: epa/mast irham

    100 Millionen Bäume werden jedes Jahr für Junkmails verbraucht, sagt Kristina Johnson, doch Apps können uns dabei helfen, ressourcenschonender zu leben. Zum Beispiel solche, bei denen Junkmails gemeldet werden können und man dann von der Mailingliste entfernt wird.

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