"Cardillac": Erinnerungen an den Anfangszauber

23. Juni 2015, 17:02
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Paul Hindemiths "Cardillac" glänzt an der Wiener Staatsoper nach wie vor

Wien – Nicht jedem Anfang wohnt zwangsläufig Theaterzauber inne. Was die Premieren der Wiener Staatsoper anbelangt, die bisher unter der planenden Obsorge von Dominique Meyer ihren Weg ins Repertoire suchten, war allerdings tatsächlich von einem quasi magischen Einstand zu berichten. Franz Welser-Möst war 2010 der frische Generalmusikdirektor des Hauses; einer, der Paul Hindemiths Cardillac konzise dirigierte.

Dann: Von nahenden Zwistigkeiten zwischen Welser-Möst und Meyer (etwa um die geplanten Mozart-Deutungen des französischen Regisseurs Jean-Louis Martinoty) war noch keine Rede. Und die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf war ein zauberhaft choreografiertes Porträt einer besessenen, mörderischen Goldschmiedseele, die von ihren Kunstgeschöpfen nicht lassen konnte.

Mittlerweile ist Franz Welser-Möst längst im Zwist aus dem Haus geschieden. Und die Magie dieser ersten Premiere vermochte nicht vollends auf die kommenden Produktionen auszustrahlen.

Ihre kühle Aura wie Eleganz hat diese Version der Hindemith-Oper allerdings bis zum heutigen Tag bewahrt. Selbstverständlich spricht das für die hohe Qualität des "Alltags", zu der dieses Repertoirehaus verpflichtet ist. Und diese bezeugt natürlich auch die Verdienste des Direktors, der für die aktuelle Aufführungsserie Ersatz finden musste. Für den abgesprungenen Welser-Möst fand er den versierten Könner Michael Boder.

Lyrische Intensität

Boder entfaltet mit dem Staatsopernorchester die polyfone Sachlichkeit dieser Partitur kultiviert und mit (selbst in drängenden Brutalmomenten) kontrollierter Emphase; auf der Bühne steht ihm eine in weiten Teilen premierenwürdige Besetzung zur Verfügung: Angela Denoke (als Tochter) ist der Inbegriff lyrischen Wohlklangs bei gleichzeitig alles durchdringender Intensität. Und Tomasz Konieczny (als Cardillac) verfügt über nötige Timbreschärfe und Präsenz, Gefahr und düstere Besessenheit ohne Aktionismus zu transportieren.

Des Weiteren: Intensiv, aber bisweilen angestrengt Herbert Lippert (als Offizier), robust Wolfgang Bankl (als Goldhändler), von imposanter Klarheit der Linien und Töne aber Matthias Klink (als Kavalier), während Olga Bezsmertna (als Dame) wie auch der Staatsopernchor solide wirkten.

Bewundernswert aber auch, wie gut Bechtolfs (das Puppenhaft-Maschinelle der Figuren forcierende) Regie nach wie vor funktioniert, wie delikat sie daran erinnert, was gestaltende Regie sein könnte. (Ljubiša Tošić, 23.6.2015)

Wiener Staatsoper, 25., 29.6, 20.00

  • Besessener Goldschmied – Tomasz Konieczny.
    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    Besessener Goldschmied – Tomasz Konieczny.

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