"Victoria": Einmal in Endlosschleife durch die Nacht

24. Juni 2015, 05:30
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Sebastian Schippers Berlin-Drama ist ein Befreiungsschlag im deutschen Kino, umgesetzt als formales Experiment: In einer einzigen Einstellung erzählt er, wie sich ein beiläufiges Zusammentreffen von Jugendlichen zur Tragödie verkehrt

Wien – Es gibt Nächte, da fällt einem das Nein sagen schwer. Da übernimmt die Eigentlichkeit dieses flachen, ziellosen Kontinuums das Kommando, es fließt einfach dahin, reißt die Menschen mit sich. In Victoria von Sebastian Schipper geht es um eine solche Nacht, die nie enden will. Victoria (Laia Costa), die Heldin des Films, ist eine junge Spanierin, die so wie viele von der Weltläufigkeit Berlins angezogen ist. In der schönen, vibrierenden ersten Einstellung des Films schält sich ihre Silhouette erst allmählich aus der Menge der Tanzenden eines Clubs heraus. Man folgt ihr, wie sie an die Bar geht, mit dem Mann am Tresen ein wenig flirtet.

Irgendwann beginnt man sich dann zu wundern, ob man vielleicht einen Schnitt verpasst hat. Aber das ist nicht der Fall, denn Schippers Film wurde in einem einzigen Take gedreht. 140 Minuten lang heftet sich die rastlose Kamera des Norwegers Sturla Brandth Grøvlen an die Protagonisten, und dies bei nicht wenigen Schauplatzwechseln. Es ist nicht die erste Arbeit dieser Art in der Filmgeschichte, doch es ist eine der bemerkenswertesten der jüngsten Zeit. Schon Hitchcock wollte Rope in einem durch drehen, was damals durch die kürzeren Filmrollen verunmöglicht wurde. Alejandro González Iñárritus Birdman täuschte das Fehlen von Schnitten bekanntlich nur vor.

Schippers Film, der nach einem Preis bei der Berlinale auch beim Deutschen Filmpreis letzte Woche mit sechs Lolas als großer Sieger hervorging, ist auch als Angriff auf ein Fördersystem gedacht, das die Kreativität hemmt, weil die Konzepte schon in der Vorbereitungsphase zu stark festgeschnürt werden. Victoria hatte ein Drehbuch von gerade mal zwölf Seiten, die Dialoge wurden in einer Probenphase improvisiert. Drei Anläufe hat der Dreh bedurft, dann habe die Balance gestimmt.

Die Geschichte einer folgenreichen Begegnung verläuft in Victoria mithin analog zu den unterschiedlichen Intensitäten einer langen Nacht. Victoria will schon nach Hause radeln, da trifft sie auf der Straße auf eine Gruppe Jungs, Sonne (Frederick Lau) und seine Kumpels Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) – echte Berliner, wie die Truppe in einer Mischung aus Deutsch und krudem Englisch nicht aufhört zu betonen. Das Mädchen – Laia Costas offenes, vertrauensvolles Spiel macht es plausibel – zögert nicht lange mitzukommen.

Überschwang und Absturz

Auf dem Dach eines Hauses inszeniert Schipper dann das bierselige Austesten von Positionen, den Überschwang und die Blödeleien zwischen Jugendlichen äußerst glaubwürdig. Doch irgendwann wird auch deutlich, dass es für dieses sich selbst überlassene Performen noch einen Richtungswechsel braucht – und wenn er nur darin besteht, dass Sonne, dem Frederick Lau eine an den jungen Marlon Brando erinnernde Schnoddrigkeit verleiht, eine weitere Schlagseite gewinnt; oder dass Victoria, die neue Schwester in der Bande, eine echte Initiation bestehen muss.

Schipper entscheidet sich nach einem weiteren Zwischenspiel für Letzteres, er lässt den Film von der Beiläufigkeit in eine Geschichte der Zwangsläufigkeit münden. Aus dem so unbefangen wie unbekümmerten Miteinander der Jugendlichen erwächst eine Situation, in der plötzlich viel weniger überzeugende Gangster mit Waffen herumfuchteln.

Victoria wird zu einem anderen Film, und auch dieser hat unbestritten kraftvolle Momente. Doch der Überhang an Dramatik entspringt zu deutlich der formalen Idee und zu wenig der Logik der Erzählung. Zu viele Räder müssen ineinander greifen, damit die Geschichte dieser Nacht ihr außergewöhnliches Ende findet. (Dominik Kamalzadeh, 24.6.2015)

Ab 26.6. im Kino

  • Zwei Wege, die sich schicksalhaft kreuzen: Victoria (Laia Costa) und Sonne (Frederick Lau), Titelheldin und Begleiter aus Sebastian Schippers Filmdrama.
    foto: polyfilm

    Zwei Wege, die sich schicksalhaft kreuzen: Victoria (Laia Costa) und Sonne (Frederick Lau), Titelheldin und Begleiter aus Sebastian Schippers Filmdrama.


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