Amokfahrt in Graz: Rätsel um unbekannte Tote

23. Juni 2015, 15:29
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Identität eines der Amokfahrt-Opfer in Graz noch nicht bekannt, Frau laut Ermittlern etwa 25 Jahre alt gewesen

Graz – Als am Samstag der Propst der Grazer Stadtpfarrkirche dem Vater des getöteten Buben Beistand leistete, indem er mit ihm gemeinsam beim Leichnam des Vierjährigen wachte, lag ganz in der Nähe der Körper eines anderen Opfers der Amokfahrt völlig allein in der Herrengasse. Es handelt sich um eine Frau, deren Identität immer noch nicht geklärt ist. Sie sei etwa 25 Jahre alt gewesen, als sie starb, so die Behörden. Sie habe eine blaue Jeansjacke, ein schwarz-weiß gestreiftes T-Shirt, schwarze Jeans, schwarze Socken, dunkle Leinenschuhe und eine weiße Uhr getragen.

Hartnäckig hielt sich auch in Ermittlerkreisen das Gerücht, es handle sich um eine der Bettlerinnen, die regelmäßig in der Herrengasse sitzen. Die erste Bettlerin, die man hinter ihrer Identität vermutete, saß mittlerweile aber wieder vor der Kirche. Staatsanwalt Christian Kroschl sagt dem STANDARD auch am Dienstag, dass man weiterhin keine Ahnung habe, wer die Frau ist. "Es wird aber überlegt, ein Foto von ihr zu veröffentlichen."

"Bettlerin wäre nicht allein gekommen"

Aus Kreisen der Vinzenzgemeinschaft des Armenpfarrers Wolfgang Pucher kommen nun starke Zweifel, dass es sich um eine Bettlerin gehandelt haben soll, wie dem STANDARD die Koordinatorin der Vinziwerke, Nora Musenbichler, erzählt: "Wenn es eine Bettlerin wäre, die von außen nach Graz kommt, wäre sie nicht allein gekommen", sagt Musenbichler, "außerdem tragen unsere Bettler alle immer einen Ausweis bei sich". Musenbichler habe schon bei rumänischen und bulgarischen Bettlerinnen nachgefragt, ebenso im Vinzischutz, doch überall bekam sie dieselbe Auskunft: "Es geht niemand ab." Die Vinzenzgemeinschaft ist mit den allermeisten Bettlern in Graz immer in Kontakt und betreut sie teilweise.

Pfarrer Wolfgang Pucher selbst habe schon ein Foto der toten Frau bekommen, könne sie aber auch nicht identifizieren, so seine rechte Hand Musenbichler. "Natürlich könnte es eine Bettlerin gewesen sein", räumt Musenbichler ein, "das könnte aber genauso eine Austauschstudentin gewesen sein oder einfach eine junge Frau, die einen Ausflug gemacht hat und vor der niemand wusste, dass sie an diesem Tag in Graz war". Musenbichler habe bisher lediglich die Information, dass die Frau keinerlei Schmuck getragen habe und ausschließlich preisgünstiges Gewand einer großen Modekette. "Aber das trifft ja auch auf zwei Drittel der Bevölkerung zu", sagt Musenbichler. Jedenfalls sei es für die Vinzi-Koordinatorin "eine Wahnsinnsvorstellung, dass du tagelang niemandem abgehst – aber wir wissen, dass es auch bei uns genug Leute gibt, die überhaupt kein soziales Netzwerk haben. Das ist einfach sehr traurig."

Abschiedszeremonie in der Moschee

Für den 28-jährigen Mann, der vor den Augen seiner Frau und des Grazer Bürgermeisters Siegfried Nagl als erstes Opfer getötet wurde, gab es am Dienstag eine Abschiedszeremonie in der Moschee. Danach soll sein Leichnam in seine frühere Heimat Bosnien überstellt werden. Der Mann war Mitarbeiter des Sozialamtes der Stadt und hatte vor zwei Wochen nach muslimischem Ritus geheiratet. Seine 25-jährige Ehefrau ist nach wie vor im Krankenhaus. Zunächst hatte es am Dienstag geheißen, alle bei der Amokfahrt Verletzten seien außer Lebensgefahr. Dienstagnachmittag hieß es aber seitens des Landeskrankenhauses, zwei Erwachsene befänden sich nach wie vor in kritischem Zustand. (Colette M. Schmidt, 23.6.2015)

  • Überall entlang der Herrengasse finden sich solche Inseln mit tausenden Kerzen. Auch an der Stelle, wo die noch immer unbekannte Frau starb.
    foto: schmidt/standard

    Überall entlang der Herrengasse finden sich solche Inseln mit tausenden Kerzen. Auch an der Stelle, wo die noch immer unbekannte Frau starb.

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