Marlene Streeruwitz: Zwischenruferin mit Sinn für Ironie

27. Juni 2015, 18:00
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Von der Dramatikerin zur gefeierten Prosa-Autorin: Die österreichische Autorin wurde am Sonntag 65 Jahre alt

Wien – Asyl, Bankgeheimnis, Registrierkassen – in den vergangenen Monaten hatte Marlene Streeruwitz wieder viel Anlass, im heimischen Feuilleton Stellung zu beziehen. Griechenland, Literaturbetrieb, Feminismus – diese Themen hat die österreichische Autorin in einem Kraftakt 2014 gleich doppelt zwischen Buchdeckel gebannt. Am 28. Juni wurde die streitbare Wortsetzerin mit Affinität zum Punkt 65 Jahre alt.

Große analytische Kompetenz

"Mit energischer Beharrlichkeit vor allem die Interessen der Frauen verfechtend, entwirft sie mit großer analytischer Kompetenz und mit souveräner Sprechkraft Figuren- und Handlungsmodelle des zeitgenössischen Lebens", hieß es 2009 treffend zur Begründung des Droste-Literaturpreis der Stadt Meersburg. Dies unternimmt Streeruwitz nicht nur als Dramatikerin, Prosa- und Hörspiel-Autorin, sondern auch in Reden und Zeitungsartikeln als pointierte Kommentatorin des politischen und gesellschaftlichen Geschehens. Sie war eine der prominentesten Gegnerinnen der schwarz-blauen Regierung, Eröffnungsrednerin der Diagonale 2004 und sorgte 2009 mit ihrer Kritik an den Salzburger Festspielen ("eine elitäre, reaktionäre Einrichtung") für Aufsehen. Ihre Romanheldin Nelia Fehn ließ sie im Vorjahr sagen: "Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab."

Marlene Streeruwitz wurde am 28. Juni 1950 in Baden bei Wien geboren, studierte Slawistik und Kunstgeschichte, arbeitete als Journalistin bei einer Öko-Zeitschrift ("Natur ums Dorf") und für Aktionen der Landschaftswiederherstellung. Ab 1986 trat sie mit literarischen Veröffentlichungen und als Verfasserin von Hörspielen in Erscheinung.

Erste Erfolge als Bühnenautorin

Die Uraufführungen von "Sloane Square." und "Waikiki-Beach." am Kölner Schauspielhaus brachten ihr 1992 den Titel "Nachwuchsautorin des Jahres" der Zeitschrift "Theater heute" ein. Ihre Stücke sind ein souveränes, freies Spiel mit Zitaten, Figuren und Situationen quer durch Welt- und Literaturgeschichte. "New York. New York.", "Elysian Park.", "Ocean Drive.", "Bagnacavallo." und andere Stücke sind gleichzeitig aber auch eine Herausforderung für herkömmliches Theaterverständnis und traditionelle Bühnenregie. In den 1990er-Jahren betätigte sich Streeruwitz am Schauspielhaus Wien (u. a. bei "Die Donau" von Maria Irene Fornes) und am Schauspiel Köln auch selbst als Regisseurin, später vor allem als Hörspielregisseurin. In "Hotel" von Jessica Hausner hatte Streeruwitz auch einen Filmauftritt als strenge Hoteldirektorin.

Ihr Roman "Entfernung." kam 2011 in einer Dramatisierung am Schauspielhaus Wien heraus. Dass sie in den vergangenen Jahren hauptsächlich Prosa veröffentlicht hat, liegt laut Streeruwitz auch an ihren Theaterstücken, die sich "gegen das Postregie-Regietheater" richten und eine "korrekte Übernahme des Texts" verlangen, wie sie damals im APA-Interview meinte. Dies entspreche derzeit einfach nicht der aktuellen Mode, wie sie etwa auch in Wien herrsche

Erster Roman "Verführungen." schlug ein

1996 erschien ihr erster Roman "Verführungen.", der ihr den Mara-Cassens-Preis einbrachte. In der für sie typischen, schmucklosen, stakkatoartigen Sprache erzählt sie darin die Geschichte einer allein erziehenden 30-jährigen Frau, die sich mit wechselndem Erfolg durch den Alltag kämpft. Im Jahr darauf folgte "Lisa's Liebe.", ein dreibändiger "literarischer Groschenroman" über eine Frau auf der Suche nach der großen Liebe.

Streeruwitz widmete sich in der Folge zunehmend dem Prosaschreiben – u. a. erschienen der Roman "Nachwelt." (1999), die Erzählung "Majakowskiring." (2000) und die Romane "Partygirl." (2002) und "Jessica, 30." (2004). In "Kreuzungen." (2008) lieferte sie eine sarkastische Spiegelung von übersteigertem Macht- und Männlichkeitswahn, bei der das neurotische Innenleben eines superreichen Geschäftsmannes nach außen gestülpt wird. "Das wird mir alles nicht passieren ... Wie bleibe ich Feministin." hieß im Jahr 2010 eine Sammlung alltäglichen, archetypischen Scheiterns. In "Die Schmerzmacherin." (2011) absolviert eine junge Frau eine Ausbildung zur Angestellten eines internationalen Sicherheitsunternehmens, wird aber mit beinharten Trainings und undurchschaubaren Vorgängen konfrontiert, denen sie sich nicht gewachsen fühlt.

Spiel mit Codes des Literaturbetriebs

Der Roman brachte Streeruwitz eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis. Das Thema Deutscher Buchpreis ließ sie in der Folge nicht mehr los. 2014 landete sie mit "Nachkommen." einen literarischen Coup: In dem Buch reist die für den Buchpreis nominierte Protagonistin Nelia Fehn mit ihrem Debüt-Roman "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" nach Frankfurt, wo sie tiefe Einblicke in die Literaturbetriebsmaschinerie erhält. "Nachkommen." schaffte es immerhin auf die Longlist – mehr Ironie geht nicht. Kurz vor der Buchmesse legte Streeruwitz dann Nelia Fehns Roman selbst vor – das wohl am besten angekündigte Romandebüt der Saison konnte sich sehen lassen. (APA, 28.6.2015)

  • Auch 2014 in aller Munde: Ihr Roman "Nachkommen." sezierte die Mechanismen des Deutschen Buchpreises.
    foto: georg hochmuth

    Auch 2014 in aller Munde: Ihr Roman "Nachkommen." sezierte die Mechanismen des Deutschen Buchpreises.

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