Männermode Mailand: Das Leben in Rosarot

23. Juni 2015, 15:23
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In Mailand, da tut sich was. Zumindest während der Modewochen wird da am Aufweichen der Geschlechtergrenzen gearbeitet. Nach Prada ist jetzt auch Gucci auf den Geschmack gekommen

Vor einem halben Jahr hatte Alessandro Michele innerhalb einer Woche die Männerkollektion seiner Vorgängerin Frida Giannini übernehmen müssen. Die war kurzfristig entlassen worden. Jetzt knüpfte er an seine Anfänge an. Bei Gucci verschwammen (wie am Sonntag bei Prada) zunehmend die Geschlechtergrenzen, Alessandro Michele will eben mehr als nur die "Farbe der Saison" vermitteln.

Jede Menge weibliche Models liefen über den Laufsteg, die Männer trugen wie zuletzt Schluppenblusen, Anzüge mit Blumenmuster, Papageien auf Spitzenhemden und Bienen auf der Brust. Die Siebziger Jahre-Silhouetten wurden diesmal noch schärfer herausgearbeitet: Mit langgezogenen Krägen und Schlaghosen.

foto: apa/epa/bazzi/ap/calanni
Gucci

Auch bei Giorgio Armani gings auf dem Laufsteg entspannt zu. Mit weit geschnittenen, hoch sitzenden Bundfaltenhosen. Daneben – wohl für die Fahrradfahrer, ein Armani-Rad mit überbreiten Reifen wurde von einem Model über den Laufsteg geschoben – gabs Modelle in Dreiviertellänge, einige Hosensäume wurden in die Schuhriemen gesteckt, um wie Pluderhosen zu wirken. Obenrum wurde großzügig gestapelt, leichte Karos, Puder-, Grau- und Blautöne. Bei Männern wie bei Frauen: Blazer immer wieder über Westen über T-Shirts geschichtet.

foto: ap/calanni/apa/epa/bazzi
Giorgio Armani

Locker lassen: Silvia Venturini Fendi ließ bei Fendi diesmal viel Volumen auflaufen. Weite Hosen und bequeme Shorts, dazu kastige Shirts mit Polokrägen. Sie habe ohne Thema und ohne Moodboard gearbeitet, ließ die Designerin verlautbaren, es gehe in dieser Kollektion rein ums Funktionale.

Ganz so reduziert lief es dann doch nicht ab. Es gab Wildledermäntel und Lederparkas mit überschnittenen Ärmeln, darunter golden und bronze schimmernde Shirts, Visor Caps aus Leder, übergroße aufgesetzte oder abgesteppte Taschen, zwischendurch schmuggelte sich ein kleinteiliges Granit-Muster als Hingucker hinein. Das war so ähnlich schon in der Resort-Kollektion der Frauen zu sehen gewesen – an einer Handtasche.

foto: ap/aresu
Fendi

Am Schluss stand Kean Etro, verantwortlich für die Männerkollektion von Etro, mit den Models in einem Rund, man reichte sich die Hände. So was passiert, wenn ein Designer seine Kollektion dem Ei als Ursprung des Lebens widmet. Dabei hat Etro eigentlich so manchem Modehaus, das gerade das Dekorative für die Männer wiederentdeckt, so einiges voraus. Etro lebt schon lange von Paisley und Blumenmustern, diesmal mit Elementen indigener australischer Kunst vermengt. Die wohl schönsten Looks: in beerigen Sorbet-Tönen, gleich zu Beginn. Denn ja, auch Männer können sowas tragen.

foto: apa/epa/del zennaro/ap/aresu
Etro

Gender Trouble, Männer in Schluppenblusen? Am Set von Moncler Gamme Bleu ganz weit weg. Designer Thom Browne schickte seine Models auf Rudertour, allerdings eine der gesitteten Art.

Die akkurat gescheitelten Models steckten in weißen Kniestrümpfen, maximal knielangen Hosen. Dazu Blazer, diesmal ganz im Zeichen des Wettkampfs in allen möglichen übereinander geschichteten Streifenvariationen. Die Schnitte? Angelegt an Moncler-Modelle aus den Fünfzigern. Ganz klar, damals da war die Welt ja auch noch in Ordnung.

foto: moncler
Moncler Gamme Bleu

Keine Frage, die Zwillingsdesigner Dean und Dan Caten haben sich für ihre Sommerkollektion was einfallen lassen. Das Hashtag #deepsurf zum Beispiel. Und natürlich die Ganzkörpertattooanzüge, in denen ein Teil der Models zum Schluss eine Runde drehte. Viel ist bei Dsquared2 nämlich nie genug. Also gab’s diesmal über Tätowierungen zum Überziehen Netzhemden, Baggy-Jeans, pinke Bermudashorts über Leggings. Und en top: aufgestellte Eierwärmer-Mützen. So viel steht fest: die tätowierten Streetstyle-Rucksackträger von Dsquared2 sind zwar in der weiten Welt unterwegs, werden aber Tomas Maiers spirituellen Bottega-Luxus-Nomaden wohl niemals begegnen.

foto: ap/aresu/apa/epa/del zennaro
Dsquared2

(Anne Feldkamp, 23.6.2015)

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