Graz, eine Stadt im Ausnahmezustand

Reportage22. Juni 2015, 18:01
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Auch zwei Tage nach der Amokfahrt lebt Graz nach wie vor im Ausnahmezustand. In der Herrengasse und auf dem Hauptplatz brennen tausende Kerzen zum Gedenken an die Toten und Verletzten. Der Amoklenker hatte in der Vergangenheit schon Kontakt mit der Polizei

Graz – Dieser Montag ist anders. Anders als alle Montage zuvor. Es scheint, als ob Graz einen Gang zurückgeschaltet hat. Der Schock vom Wochenende hat sich wohl etwas gesetzt, die Sprachlosigkeit ist geblieben. Wer nicht unbedingt muss, versucht die Grazer Herrengasse und den Hauptplatz zu meiden, um der bedrückenden Stimmung auszuweichen.

Die Fußgängerzone entlang der Herrengasse, dort wo der Amokfahrer unter hunderten Augenzeugen Passanten mit seinem Geländewagen getötet oder schwer verletzt hat, werden immer neue Kerzen angezündet, Blumen und kleine Zettel mit Botschaften an die Opfer hinterlegt. Passanten bekreuzigen sich, beten, weinen.

"Die Bettlerin ist weg"

Betreuer des Kriseninterventionszentrums haben sich in der ganzen Fuzo verteilt und bieten ihre Hilfe an. Bis Mittag ersuchen rund 200 Passanten um psychologische Unterstützung. Sie waren großteils Augenzeugen des horriblen Geschehens am Samstagmittag, wie der 26 Jahre alte Amoklenker – als sich die City mit Flaneuren, Touristen, Schanigartenbesuchern und Einkaufsbummlern gefüllt hatte – mit seinem Geländewagen in die Menge gerast und dabei 36 Passanten zum Teil schwer verletzt und drei getötet hatte. Zwei Opfer schweben nach wie vor in Lebensgefahr.

Es sind vor allem auch die Angestellten der Shops in der Herrengasse, die die Bilder des Sterbens verarbeiten müssen. "Sie ist immer da, direkt gegenüber von mir gesessen", sagt die Verkäuferin eines Süßwarengeschäftes vis-à-vis der Stadtpfarrkirche, dem Ort, wo der vierjähriger Bub und eine Bettlerin starben. "Sie war ja schon fast eine Bekannte, sie saß jeden Tag da, und jetzt ist sie auf einmal weg. Seit Samstag hat sich alles relativiert. Graz wird Monate brauchen, um das zu verarbeiten", sagt die Frau und bietet Süßes an. "Das braucht man in diesen Stunden".

Suche nach Motiv

In den Gesprächen unter Passanten dreht sich an diesem Montag alles um diese eine Frage: Was ist da passiert, wie konnte dieser junge Mann, noch dazu mit einem Lächeln, wie Augenzeugen berichten, dieses Massaker anrichten? Die ermittelnden Beamten können darauf noch keine schlüssige Antwort geben. Ihnen bleibt vorläufig nur die vage Einschätzung einer Polizeiärztin einer "Psychose nach einer Wegweisung". Es wird erst mit einem psychiatrischen Gutachten versucht, dem Motiv näherzukommen. Mittlerweile wurde auch die Ehefrau des Amoklenkers einvernommen, die Mutter zweier Kinder, die von dem 26-Jährigen getrennt lebt, soll aber keine wesentlichen Hinweise auf die Motive geliefert haben.

Der Täter war nach Gewalttätlichkeiten von der Familie weggewiesen worden. Das war Ende Mai. Was in der Zwischenzeit passierte, "darüber haben wir keine Kenntnis", sagt Staatsanwalt Christian Kroschl. Auch nicht über seine familiären Umstände kann oder will die Staatsanwaltschaft Auskunft geben. Unterdessen werden dennoch einige Details aus der jüngeren Vergangenheit des Amokfahrers bekannt.

Neue Details

Der Amoklenker und seine Eltern hatten schon mehrmals Kontakt mit der Polizei, im Vorjahr sei ihm eine Waffe, die er legal besessen hatte, abgenommen worden, sagt Ermittler im Standard-Gespräch. Ein religiöses Motiv sei "so ziemlich" auszuschließen, da weder der Täter noch seine Familie, die aus dem bosnischen Kriegsgebiet geflüchtet waren, "besonders gläubig" seien. Sie orientierten sich auch nicht an religiösen Feiertagen, heißt es.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat sich unterdessen für sein – später geändertes – Facebook-Posting zur Amokfahrt in Graz gerechtfertigt. Er habe "vorschnell" Medienberichte zusammengefasst. Und daraus geschlossen, dass ein religiös begründetes Attentat vorliegen könnte.

Für kommenden Sonntag plant die Stadt Graz einen Trauerzug – zum Teil entlang der Route des Amoklenker – durch die Innenstadt. Für eine Woche wird an den 17 Grazer Stadteinfahrten jede Ortstafel mit einem schwarzen Trauerflor versehen. (Walter Müller, 23.6.2015)

  • Tausende Menschen trugen sich im Grazer Rathaus im Kondolenzbuch ein. In der Innenstadt bieten immer noch Interventionsteams psychologische Hilfe an.
    foto: apa/scheriau

    Tausende Menschen trugen sich im Grazer Rathaus im Kondolenzbuch ein. In der Innenstadt bieten immer noch Interventionsteams psychologische Hilfe an.

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