Strippenzieher in Frankfurt, Washington, Athen und Berlin

23. Juni 2015, 07:39
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Die Differenzen in der Griechenland-Krise sind nicht nur Folge unterschiedlicher Standpunkte, sondern auch verschiedener Zugänge

Wieder nichts: Die Eurozone konnte wenig mit den neuen Athener Reformvorschlägen anfangen. Eine Einigung wird nun gegen Ende der Woche angepeilt. Die Differenzen sind aber nicht nur Folge unterschiedlicher Standpunkte, sondern auch verschiedener Zugänge einzelner Strippenzieher. Kommission, Euroländer und Währungsfonds ziehen nicht immer an einem Strang:

Juncker | François Hollande | Angela Merkel | Christine Lagarde | Alexis Tsipras | Mario Draghi

Der Sisyphos von Brüssel
Ein Kommissionschef darf nie, nie, nie aufgeben

foto: reuters/herman

Jean-Claude Juncker war (neben Belgiens Premier Charles Michel) wohl der Einzige unter den EU-Spitzen, dem die Herabstufung des Sondertreffens zu Griechenland zum "Plaudergipfel" wenig ausmachte. Er hat nur ein paar Minuten zu Fuß, um vis-à-vis ins Ratsgebäude in Brüssel zu gehen, wo die Europäischen Räte stattfinden. Ratschef Donald Tusk musste sich Vorwürfe anhören, wozu er sie einberufen hat, wenn nichts vorliege. Machtmenschen können unangenehm werden, wenn sie sich "gepflanzt" sehen, umsonst anreisen. Auch Juncker, der 19 Jahre lang luxemburgischer Premier war, bevor er 2014 in den Chefsessel der Kommission wechselte. Keiner kennt all die Machtspielchen so gut wie er.

Meistens ist er aber ein vielsprachiger ironisch-humorvoller Gesprächspartner, selten zornig. Der Boss der wichtigsten Gemeinschaftsinstitution darf nie, nie, nie aufgeben, muss danach trachten, dass die Nationalstaaten am Ende zusammenfinden – auch in schier aussichtslosen Fällen wie Griechenland seit 2010. Deshalb nimmt sich der Christdemokrat in fast liebevoller Weise des Linksradikalen Alexis Tsipras an. Er herzt ihn öffentlich, tätschelt ihn, sagt, wo immer es geht, dass ein Grexit vollkommen ausgeschlossen ist. Wie Sisyphos im Mythos wälzt er den Stein immer wieder auf den Berg, auch wenn die Regierung in Athen mit ihm Katz und Maus spielt – etwa wenn sie am Abend verspricht, was am Morgen nicht mehr gilt. Juncker macht weiter. Denn scheitert Europa, dann wäre auch er als einer der Architekten des Euro persönlich gescheitert. (tom)

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