Festival der Regionen: Arbeiten für Kunst und Leben

22. Juni 2015, 17:03
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Außerhalb städtischer Ballungszentren findet alle zwei Jahre in Oberösterreich das renommierte Kunst- und Kulturfest statt. Bis kommenden Sonntag beschäftigt es sich mit "Schichtwechsel – Hackeln in Ebensee"

Ebensee – Die Spuren der Künstler sind allgegenwärtig im Ort, der durch Installationen, Performances, Ausstellungen und Diskussionen belebt wird – da können auch der Regen und die kühlen Temperaturen am ersten Wochenende wenig daran ändern.

Eine Ortsbegehung zwischen Tradition und Moderne, Hacklersolebädern in der Ex-Direktorenvilla und künstlichen Baugruben. 35 Projekte gab das Festivalteam um Gottfried Hattinger in Auftrag, rund achtmal so viel wurden eingereicht. An etlichen Programmpunkten arbeiten auch (Ex-)Ebenseer mit.

Ebensee hat eine lange und wechselvolle Geschichte: Gegründet wurde der Ort im 17. Jahrhundert nach dem Bau einer Soleleitung vom Hallstätter Salzberg zum Traunsee-Südufer. Wo das Festivalzentrum errichtet wurde, standen früher Gebäude der Saline. Jetzt sammeln sich bei Einbruch der Dunkelheit auf dem Platz vis-à-vis dem Gemeindeamt junge Nachwuchsbands aus der Region zur klingenden Nachtschicht. Das Programm stellte der Ebenseer Musik Club zusammen, Mitarbeiter Christoph Loidl zupft in der Mundart-Stoner-Rock-Combo Chango den Bass.

Miteinander

In puncto avancierte Rockmusik gehört Ebensees Kino-Kulturverein seit Jahrzehnten zu den ersten Adressen in Österreich. Beim Festival der Regionen darf eine jüngere Generation lautstark aufzeigen, das Publikum freut die Tatsache, dass "endlich wieder etwas los ist". Die Große Parade, vergangenen Samstag von der italienischen Künstlerin Marinella Senatore mit zahlreichen lokalen Kapellen, Chören und Vereinen inszeniert, wurde trotz Sauwetters zum Event für alle Bewohner.

"Es zeigt sich, dass in Ebensee Tradition und Avantgarde nicht nur neben-, sondern sogar miteinander existieren können", sagt Wolfgang Quatember, Leiter des Zeitgeschichte-Museums Ebensee. Er lädt im Rahmen des Festivals mit Tochter Kathrin zur Fahrradtour zu ehemaligen sowie noch bestehenden Industriestandorten. Hier ist auch die historisch gewachsene Arbeiterkultur noch nicht gänzlich verschwunden. Im letzten Arbeiterheim des Bezirks diskutieren Wissenschafterinnen und Künstlerinnen über die prekäre Lage der Frauen in der heutigen Arbeitswelt, über unbezahlten Arbeit im Privatbereich und verschärfte Ausbeutung von Migrantinnen.

Soziale Bruchlinien

Neben der Arbeiterbewegung gehört die NS-Zeit zu den Forschungs- und Sammlungsschwerpunkten des Zeitgeschichte-Museums. Im Rüstungsstollen des KZ Ebensee erinnert Daphna Weinsteins kontemplative Klanginstallation Ahammm...A Choir Of Breathing Jars an die Gräuel. Die Feuchtigkeit wirkte sich aber derart ungünstig auf die Elektrik aus, dass der "Chor" zu Festivalbeginn stumm blieb.

Eines der spannendsten Projekte – Überlagerungen – bringt eine Siedlung weitab vom Ortskern ins öffentliche Bewusstsein. Dort wohnten während der NS-Zeit Techniker, später dann Displaced Persons. Die Ischlerin Marlene Rutzendorfer sowie die gebürtigen Ebenseer Rudolf Stueger und Bernhard Hachleitner haben die Geschichte dieses Lagers recherchiert und seinen letzten Bewohnern eine Stimme gegeben.

So werden soziale Bruchlinien und Ausgrenzungsmechanismen sichtbar gemacht – und deklassierte Außenseiter erstmals ernst genommen. Laut Museumsleiter Quatember eine Manifestation des eigentlichen Festivalthemas: der Ort Ebensee und die Identität seiner Bewohner.

Auch aktuelle Probleme werden auf ironische Weise thematisiert: Da das Seeufer nicht direkt an den Ort angebunden ist, tragen Susanne Mariacher und Helene Schauer den See eimerweise ins Zentrum. Der deutsche Künstler Dirk Schlichting hat bei einer Unterführung vom Ortskern zum See, die absurderweise auf einer Verkehrsinsel endet, ein Häuschen aufgestellt: das Stiegenmuseum, eine temporäre Museumsinsel für Ebensee. Mittwoch und Donnerstag steht die Proletenpassion 2015 ff auf dem Programm.

Es ist die Neuinterpretation und inhaltliche Weiterschreibung der Proletenpassion, die von Heinz R. Unger und den Schmetterlingen 1976 bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde. (Gerhard Dorfi, 22.6.2015)

  • Soziale Bruchlinien thematisieren Ivan Petkov und Simon Wilhelm mit der Installation "Hacklerbad".
    foto: festival der regionen

    Soziale Bruchlinien thematisieren Ivan Petkov und Simon Wilhelm mit der Installation "Hacklerbad".

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