"Natural Resistance": Im Wein die Wahrheit suchen

23. Juni 2015, 05:30
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Jonathan Nossiter besucht in seinem Dokumentarfilm eigensinnige italienische Winzer, die sich unverdrossen gegen Richtlinien und Verordnungen zur Wehr setzen. Mit Erfolg

Wien – Irgendwo hinter der nächsten Hügelkette besitzt ein britischer Popstar ein Anwesen. Und dahinter ein anderer ein Landhaus. Dass sich der Reichtum die schönsten Plätze sichert, ist ein in Touristenregionen bekanntes Phänomen, das in der Toskana ausnahmsweise auch einen Vorteil hat: Für den kommerziellen Weinbau interessieren sich die Prominenten hier nämlich nicht.

Denn die intensive Nutzung der Böden hat ihre Spuren hinterlassen, der Druck auf die Winzer steigt. Für seine Vermarktung und den entsprechenden Absatz wird eine normierte Farbe des Weins ebenso vorausgesetzt wie eine standardisierte Qualität nach strengen Richtlinien. Der Prozess der Vereinheitlichung hat auch beim Weinanbau längst für neue Verhältnisse gesorgt.

Auf den ersten Blick scheint Natural Resistance von Jonathan Nossiter wie ein später Nachtrag zu den zahlreichen globalisierungskritischen Dokumentationen der vergangenen Jahre, deren Anliegen es oft war, mittels ausdrucksstarker Bilder ein Bewusstsein für die industrielle Nahrungsmittelproduktion und den damit einhergehenden Verlust von Artenvielfalt und Nachhaltigkeit zu schaffen. Dies liegt auch daran, dass der Filmemacher und Sommelier vor zehn Jahren mit Mondovino bereits einen derartigen Film vorgelegt hat, in dem er die globalen Umbrüche im Weinanbau nachzeichnete und – keineswegs unparteiisch – die ideologischen Schulen aufeinanderprallen ließ.

Moderne Einzelkämpfer

Doch in Natural Resistance ist ihm die Welt außerhalb der lichtdurchfluteten Weinstöcke und der schattigen Holztische, an denen sich die Winzer zum Diskutieren und Trinken versammeln, reichlich egal. Vielmehr zeigt Nossiter die wenigen Weinbauern, die er im Laufe seiner Italienreise – vom Piemont über die Emilia Romagna bis in die Marken – meist auf Spaziergängen begleitet, als widerständische, moderne Einzelkämpfer, deren gemeinsame Feinde allenfalls das DOC-Qualitätssiegel und neue EU-Richtlinien sind.

Denn Nossiter interessiert sich weniger für Konservierungsstoffe und Sulfate als für die Erzählungen dieser unterschiedlichen Frauen und Männer, deren Biografien erst langsam und bruchstückhaft zum Vorschein kommen, vereinzelt sogar im Dunkeln bleiben. Der Zusammenhalt stiftende Widerstand gegen Normen und Regulierungen führt dabei unweigerlich zu Fragen nach der eigenen Toleranz. Und so kann es schon vorkommen, dass die Nichte einer Winzerin, die von ihrem kommerziell ausgerichteten Studium der Agrartechnologie berichtet, für Nossiter einen Augenblick lang zu einer Verbündeten wird: Er habe ein Jahr in Hollywood gearbeitet, so der Filmemacher, um zu entdecken, wo er nicht hingehöre. Man muss eben auch über die Massenware Bescheid wissen, um Einzelstücke herstellen zu können.

Das trifft auch auf die von Chaplin bis Pasolini reichenden Filmausschnitte zu, mit denen Nossiter wiederholt die Ausführungen der Winzer unterbricht. Diese kurzen Szenen verweisen als Kommentar auf ein anderes, bedrohtes Erbe, und zwar auf jenes einer vielfältigen Filmkultur. Nicht zufällig wird im längsten Intermezzo aus Mario Monicellis Il marchese del grillo der Revoluzzer geköpft. Ein Fallbeispiel. (Michael Pekler, 23.6.2015)

Ab 26.6. im Kino

  • "Wir ernten, was die Erde entfaltet": Corrado Dottori und Valeria Bochi zwischen ihren Reben.
    foto: stadtkino filmverleih

    "Wir ernten, was die Erde entfaltet": Corrado Dottori und Valeria Bochi zwischen ihren Reben.

  • stadtkino filmverleih
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