Anarchie und Anmut

22. Juni 2015, 15:07
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Die Symphoniker und Herbert Blomstedt im Musikverein

Wien – Mit einem Kontrastprogramm machten die Wiener Symphoniker zum Saisonschluss die 100 Konzerte voll: mit Beethovens fideler vierter Symphonie und der düsteren Fünften von Carl Nielsen. Die 1922 uraufgeführte Symphonie des Dänen ist ein eigenwilliges Werk: gezeichnet von den Schrecknissen des Ersten Weltkriegs, geprägt vom Widerstreit von Zartheit und Zerstörung.

Die Bratschen beginnen mit einem zarten Wellengekräusel kleiner Terzen, bald schon übernimmt die Pauke das Kommando und präsentiert dasselbe Intervall im Marschschritt. Das Schlagzeug, der Kriegstreiber im Orchestergeschehen, wird angeführt von der Kleinen Trommel. Wieder und wieder schießt sie in idyllischen Momenten quer, mutiert sogar zur Anarchistin und stört die braven Klangmassen mit improvisierten Aktionen "im eigenen Tempo".

Der Dirigent hat zu tun in diesem komplexen Werk, doch Herbert Blomstedt lotste die Symphoniker mit der Übersicht eines Klangschlachtenlenkers durch das Getümmel, ohne Zuhilfenahme der Partitur. Beethovens vierte Symphonie kennen die Damen und Herren des Konzertorchesters natürlich deutlich besser.

Mit ruckartigen Bewegungen seiner Arme trieb der 87-Jährige die Musiker hier an, animierte die Holzbläser lächelnd zum befreiten Aussingen ihrer Solostellen und gratulierte den Streichern danach zu ihren flinken Sechzehntelläufen im Finalsatz. Begeisterung beim Sonntagabendkonzert im Musikverein. (end, 22.6.2015)

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