"Wir haben Facebook nicht geheiratet", sagt "Guardian"-Digitalstratege

Interview22. Juni 2015, 15:41
10 Postings

Wolfgang Blau sieht die Zusammenarbeit mit Facebook als Experiment. Auch die Google-Initiative bewertet er positiv, Leistungsschutzrecht sieht er dagegen kritisch

STANDARD: Der "Guardian" veröffentlicht eigene Berichte direkt auf Facebook. Warum gehen Sie diesen Weg?

Blau: Für den "Guardian" ist Facebook nicht nur ein sehr wertvolles Werkzeug, um mit Lesern zu interagieren, sondern auch, um von neuen Lesern weltweit entdeckt zu werden. Vor allem von den Lesern, die nie aus freien Stücken zum "Guardian" gekommen wären. Facebook ist für uns längst nicht nur ein Reichweiten-Lieferant und eine zusätzliche Diskussionsplattform, sondern auch ein ‘Discovery Engine’, ein Vehikel, um den "Guardian" quasi in die Wahrnehmungszone von Lesern zu schmuggeln, die andernfalls keine ausländischen und schon gar keine linksliberalen Medien lesen würden.

STANDARD: Die These, man füttere das Biest, das einen bedroht, teilen Sie nicht?

Blau: Doch. So wie mit Google und Apple haben wir auch mit Facebook eine "Frenemy-Beziehung", also mit "Friend" und "Enemy", Freund und Gegner. Aber das Argument, wir würden nun freiwillig die Kontrolle über den Konsum unseres Journalismus an Facebook abtreten, ist nicht plausibel. Schon heute und ohne Facebooks neue "instant-articles" beginnt der Großteil aller Besuche auf unserer Website nicht auf der Homepage, sondern in einem unserer Artikel oder Videos, und wir können kaum beeinflussen, welche Artikel das jeweils sind. Wer jetzt von Kontrollverlust spricht, negiert, dass wir diese Kontrolle nie hatten.

STANDARD: Also ein Experiment auf Zeit?

Blau: Wir haben Facebook nicht geheiratet. Und selbst Ehen sind heute etwas anderes als früher. Wissen Sie, vor allem europäischen Zeitungsverlagen wird stets vorgeworfen, sie seien risikoscheu, und geraten, sie sollten sich endlich mehr wie Start-ups verhalten. Wann immer Verlage aber etwas ausprobieren, dessen Ausgang sie selbst noch nicht absehen können, wird ihnen vorgehalten, sie würden ihre Zukunft verjuxen. Was denn nun?

Wenn sich für uns als globale Nachrichtenorganisation die Chance bietet, auf Facebooks Plattform mit ihren monatlich mehr als 1.2 Milliarden aktiven Usern die internationale Leserschaft des "Guardian" zu vergrößern und dort eventuell auch noch höhere mobile Werbeeinnahmen pro User zu erzielen als derzeit auf unseren eigenen mobilen Angeboten, dann werden wir das zumindest testen.

STANDARD: Sehen Sie keine Gefahren?

Blau: Wenn wir nur Dinge ausprobieren würden, die keine Gefahr bergen, könnten wir uns auch gleich aus dem Verlagsgeschäft zurückziehen, aus dem Journalismus sowieso. Natürlich birgt das Projekt Gefahren. Zum Beispiel die, dass unsere Inhalte lediglich helfen, die emotionale Beziehung unserer Leser zu Facebook zu stärken, statt zu uns. Auch in der Wahrnehmung der Marke "Guardian" kann es zu einer Verschiebung kommen, die wir beobachten müssen: Wenn wir nicht mehr nur ausgewählte Inhalte auf Facebook posten, sondern einen Großteil unserer Tagesproduktion via Feed und in voller Länge in Facebook einspeisen, werden wir sicher Überraschungen erleben, welche Themen, Ressorts und Autoren dort am erfolgreichsten sein werden und von welchen "Guardian"-Inhalten, die wir selbst für markenprägend halten, auf Facebook wenig zu sehen sein wird. In jedem Fall aber werden wir eine Menge lernen.

STANDARD: Apple sucht nun auch Journalisten. Droht da eine neue Gefahr?

Blau: Das ganze Leben ist lebensgefährlich. Apples neue News-App, für deren kuratierte Startseite Apple gerade Redakteure einstellt, ist – zumindest aus Reichweitensicht – für Verlage eventuell noch attraktiver als Facebook. Während auf Facebook Verlagsinhalte mit der Mehrheit privat produzierter Inhalte um Aufmerksamkeit konkurrieren, will Apple in einer vorinstallierten News-App nur Verlagsinhalte präsentieren und reicht auch noch 100 Prozent der Werbeeinnahmen an Verlage weiter. Die App wird automatisch auf allen iPhones und iPads mit dem neuen Betriebssystem vorinstalliert sein, also je nach Schätzung auf bis zu 900 Millionen Geräten. Aber auch Apple ist potenziell ein Frenemy: Mit dem neuen Betriebssystem für iPhones und iPads kommt auch eine neue Version des Safari-Browsers, die mobile Ad-Blocker ermöglicht. Durchaus eine Zangenbewegung.

STANDARD: Umstritten ist auch das Google-Projekt. Der Vorwurf steht im Raum, dass sich die beteiligten Medienunternehmen mit 150 Millionen, die für die Entwicklung von Projekten zur Verfügung gestellt werden, kaufen lassen.

Blau: Seit dem Start der "Digital News Initiative" sind 65 weitere Verlage dazugestoßen, zusätzlich haben nun mehr als 1.000 europäische Verlage Interesse an einer Teilnahme geäußert. 150 Millionen klingt nach viel Geld, ist hier aber noch weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Was mich persönlich sehr viel mehr interessiert, sind Gespräche mit Google-Entwicklern und Googles Data Scientists, zum Beispiel darüber, wie sie der Branche helfen könnten, den höheren Wert von Werbung nachzuweisen, die in hochwertigen journalistischen Umfeldern geschaltet wird. Ein weiteres von vielen möglichen Themen ist die Entwicklung neuer, nutzerfreundlicherer Werbeformate für Smartphones und in Videos.

STANDARD: Hat Google Interesse an solchen Gesprächen?

Blau: Den Eindruck habe ich. Google weiß wohl auch, dass Facebooks neues "instant articles"-Projekt und Apples neues News-Projekt die Verhandlungsposition zumindest der großen Verlage stärken könnte. Google hat in letzter Zeit auch öffentlich gesagt, Fehler aus seinen frühen Jahren in Europa korrigieren zu wollen. Hinzu kommt, dass der deutsche EU-Digitalkommissar Oettinger schon zu Beginn seiner Amtszeit ankündigte, speziell Google für die Nutzung intellektueller Werte aus der EU zur Kasse zu bitten. Ob derlei Maßnahmen sinnvoll sind, steht auf einem anderen Blatt.

STANDARD: Sie spielen auf das Leistungsschutzrecht an. In Österreich hat man dieses vergangene Woche auf Eis gelegt, nachdem Google Druck gemacht hat. Was halten Sie davon?

Blau: Ich habe den Eindruck, hinter dem Leistungsschutzrecht stehen zweierlei Motivationen. Für die Mehrheit der kleinen Verlage ist es eine eher ideologische Trotzgeste, noch einmal zeigen, wer Herr im Haus ist, auch wenn sie nichts davon haben. Die ganz wenigen großen und international aktiven Verlagsgruppen hingegen, deren Tochterunternehmen in allerlei Geschäftsbeziehungen mit Google stehen, nutzen das Leistungsschutzrecht als Machtgeste gegenüber Google. Sie beweisen damit, dass sie in Europa trotz ihres schwindenden publizistischen Einflusses immer noch Parlamente für sich instrumentalisieren und Wettbewerbern das Leben ein bisschen schwerer machen können. Diesen wenigen großen Unternehmen ging es meiner Meinung nach nie ums Leistungsschutzrecht, sondern um ihre zukünftige Verhandlungsposition gegenüber den amerikanischen Plattformbetreibern in anderen Angelegenheiten. Ich frage mich oft, wie viele Parlamentarier überhaupt verstanden haben, wie sie da instrumentalisiert wurden, und ob die diversen Parteien diese Spielchen auch mitspielen würden, wenn Google ein europäisches Unternehmen wäre. Persönlich ist mir Google egal, das Internet aber nicht.

STANDARD: Warum hat der "Guardian" das Climate Publishers Network gestartet, einen Medienverbund, um über Klimawandel zu berichten?

Blau: Unser ehemaliger Chefredakteur Alan Rusbridger hat sich während seiner letzten Wochen im Amt gefragt, in welchem Themengebiet er zu wenig unternommen hat, und stellte dann fest, dass er gerne mehr in das Thema Klimawandel investiert hätte. Der Klimawandel ist die mit Abstand größte Herausforderung für unsere Generation. Als wir dann beim "Guardian" überlegten, was wir in Vorbereitung des UN-Klimagipfels im kommenden Dezember tun könnten, war schnell klar, dass wir für dieses globale Thema schlechthin auch internationale Partnerschaften mit anderen Redaktionen eingehen sollten.

STANDARD: Warum zum jetzigen Zeitpunkt?

Blau: Weil das Thema drängt und weil die großen Entscheidungen für den UN-Klimagipfel schon jetzt auf den diversen Vorbereitungsgipfeln gefällt werden.

STANDARD: Viele europäische Medien, darunter DER STANDARD, sind an Bord, aber auch "China Daily". Wie schwierig ist die Zusammenarbeit mit einem solchen Medium?

Blau: Als europäischer Journalist kommt man natürlich nicht daran vorbei, dass "China Daily" keine redaktionell unabhängige Zeitung ist. Die zwei wesentlichen Punkte sind für uns aber, dass China nicht nur Mitverursacher des Klimawandels ist, sondern auch bei der Suche nach Lösungen wichtige Beiträge leistet, etwa in der Produktion preisgünstigerer Solartechnologie. Ein globales Netzwerk von Redaktionen zum Thema Klimawandel hätte außerdem ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn darin nicht auch Journalisten aus China zu Wort kämen. Gleichzeitig haben wir den "China Daily"-Kollegen gegenüber deutlich gemacht, dass dies ein gegenseitiger Austausch sein muss und wir von China Daily erwarten, dass es auch Inhalt der anderen Projektpartner veröffentlicht. Diese Zusage hat "China Daily" gemacht. (Alexandra Föderl-Schmid, 22.6.2015; Langfassung)

Wolfgang Blau (47) ist Digitalstrategie-Direktor des britischen "Guardian" und Mitglied der Geschäftsführung von Guardian News & Media. Der Deutsche war von 2008 bis 2013 der Chefredakteur von "Zeit Online". Sein Twitteraccount: @wblau.

Nachlese
"Guardian"-Digitalchef Blau: "Können ohne Paywall höhere Erlöse erzielen"

Thema Klimawandel: STANDARD kooperiert mit internationalen Medien

  • Wolfgang Blau: "Persönlich ist mir Google egal, das Internet aber nicht."
    foto: guardian/graham turner

    Wolfgang Blau: "Persönlich ist mir Google egal, das Internet aber nicht."

  • Der STANDARD ist Mitglied des Climate Publishers Network.
    foto: afs

    Der STANDARD ist Mitglied des Climate Publishers Network.

Share if you care.