"Wir bieten hier keine Show am Heumarkt"

22. Juni 2015, 15:54
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Ein fades Rennen hat Alexander Wurz beim Österreich-Grand Prix in Spielberg nicht gesehen. Die Formel 1 braucht keine Revolution, aber Anpassungen. Die Teams sollen bei der Reform des Reglements nicht mehr mitsprechen

Wien – "Es hat wieder einmal alles gepasst", sagte Bernie Ecclestone über den verwichenen Grand Prix von Österreich, und "es ist doch das beste Zeichen, dass sich niemand über irgendetwas beschwert hat." Nun ja, des Volkes Stimme auf den halb leeren Tribünen in Spielberg und vor den TV-Geräten verlautbarte anderes als der Formel-1-Boss. Von Langweile war hier, von fehlender Chancengleichheit im Rennen dort die Rede. Sei's drum.

Am gesamten Wochenende nur noch knapp halb so viele Fans wie im Vorjahr, das ist die ernüchternde Bilanz für Spielberg. Der Formel 1 laufen die Fans weg. Kein Sport zum Anfassen sondern für einen Mittagsschlaf auf der Couch.

"Es war nicht langweilig. Es gab kurze Trockenperioden im Rennen, aber auch viel Tohuwabohu durch Boxenstopps. Das ist es, was Spielberg verspricht. Auch die Positionskämpfe im hinteren Teil des Feldes waren spannend", sagt Alexander Wurz. Der Niederösterreicher ist im Formel-1-Management angekommen, seit Ende 2014 fungiert er als Vorsitzender der Fahrervereinigung Grand Prix Drivers Association (GPDA). Wurz muss das sagen, auch in seiner Rolle als ORF-Rennkommentator.

Eine Macho-Kur

In der Dauerdebatte um eine spannendere und spektakulärere Formel 1 drängen die Teamverantwortlichen auf eine Tempoverschärfung und einschneidende Veränderungen. Wurz ortet ein Problem in der Erwartungshaltung der Zuseher. "Es gibt auch im Fußball gute und schlechte Spiele. Aber wir bieten hier keine Show am Heumarkt. Das ist purer Motorsport, kaum beeinflusst von künstlichen Faktoren."

Breitere Reifen, mächtigere Motoren, Tankstopps, aggressivere Autos: Die Formel 1 verordnet sich eine Macho-Kur. Kein Öko-Image, sondern die Lautstärke einer Heavy-Metal-Band soll es in Zukunft sein.

Wurz will das Geschäftsmodell Formel-1 dem modernen Verhalten des Konsumenten moderat anpassen. Wünsche und Anregungen holte sich die GPDA gar von Fans in über 190 Ländern in einer Studie, die noch unter Verschluss ist. Die wichtigste Maßnahme, um weitere Streitereien zumindest im Fahrerlager in Zukunft zu verhindern: "Die Teams dürfen im Reglement einfach nicht mehr mitsprechen. Sie sollen das Beste aus ihrer Situation machen." Wurz sieht die Faszination der gegenwärtigen Formel 1 in der schnellen Wandelbarkeit des Wettbewerbs. Red Bull fuhr der Konkurrenz bis vor kurzem noch mit Sekundenvorsprüngen um die Ohren, "jetzt haben sie einen hohen Rückstand. Das ist eine interessante Entwicklung, die sich aber auch ganz schnell wieder zu Gunsten des Schwächeren umdrehen kann."

"Männer, keine Jüngelchen"

Der Formel 1 fehlen die Kult-Charaktere, die Piloten sollen als Protagonisten wieder stärker in den Mittelpunkt rücken und körperlich mehr gefordert werden. "Sie sind Gladiatoren", verglich Wolff die Fahrer mit den Kämpfern im alten Rom. "Sie sollen nach den Rennen aussehen wie Rennfahrer und nicht wie eine Ballerina." Niki Lauda forderte, die Formel 1 brauche "wieder Männer, keine Jüngelchen". Alexander Wurz lacht und sagt: "Dann sollen sich Wolff und Lauda selbst ins Cockpit setzen."

Fix ist jedenfalls, dass der Formel 1-Zirkus noch immer der drittgrößte Sportevent neben der Fußball-WM und den olympischen Spielen ist. Wurz: "Wir haben halt im Moment kein Wachstum mehr. Das liegt auch an der Fernsehvermarktung in Richtung Pay-TV. Die Formel 1 bleibt ein Premium-Produkt und auch das leidet unter der Wirtschaftskrise." (Florian Vetter, 22.6.2015)

  • Alexander Wurz: "Die Formel 1 braucht keine Revolution, aber Anpassungen. "
    foto: apa/scheriau

    Alexander Wurz: "Die Formel 1 braucht keine Revolution, aber Anpassungen. "

  • In Spielberg blieben heuer einige Tribünenplätze verwaist.
    foto: apa/scheriau

    In Spielberg blieben heuer einige Tribünenplätze verwaist.

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