Bluttat in Charleston: Streit um Südstaaten-Flagge entbrannt

Hintergrund22. Juni 2015, 09:41
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Attentäter ist auf Fotos mit Kriegsfahne zu sehen. Banner weht auf dem Kapitol der Stadt, für Obama "gehört es in ein Museum"

Charleston – Ist sie ein Symbol des Hasses oder kultureller Identität? Der Attentäter von Charleston, der 21-jährige Dylann Roof, ist auf Fotos im Internet oft mit einer Kriegsflagge der Konföderierten zu sehen. Das Auto, in dem er nach der Tat gestellt wurde, hatte ein Konföderierten-Nummernschild. Das Massaker in einer Schwarzen-Kirche in der Stadt im US-Bundesstaat South Carolina mit neun Toten hat deshalb eine neue Debatte über das Banner aus dem Bürgerkrieg (1861–1865) ausgelöst. Es weht auf dem Gelände des Kapitols der Stadt. In der Vergangenheit waren immer wieder Forderungen laut geworden, es zu entfernen.

Als Reaktion auf die Bluttat waren die US-Flagge und die Flagge des Staates South Carolina vor dem Parlament in Columbia auf Halbmast gesetzt worden – nicht aber die rote Südstaaten-Flagge mit dem blauen Sternenkreuz. Dazu hätte das Parlament von South Carolina seine Zustimmung geben müssen, lautete die offizielle Begründung.

foto: foto: jason miczek
Die Flagge der USA und des Staates South Carolina wurden in Charleston auf Halbmast gesetzt – jene der Konföderierten hingegen nicht.

Tausende Menschen zogen am Samstag zu der Flagge und verlangten ihre Entfernung. "Wir können uns nicht länger leisten, diese Flagge hier stehen zu lassen", sagte die 95-jährige Aktivistin Sarah Leverette. Die Fahne sei ein Leuchtsignal für diejenigen, die "bösen Überzeugungen" verhaftet blieben – so wird sie etwa vom rassistischen Ku-Klux-Klan (KKK) genutzt. Mehr als 480.000 Menschen hatten bis Sonntagabend (Ortszeit) ihren Namen unter eine Online-Petition gegen die Flagge gesetzt.

US-Medien entdeckten am Samstag die Website lastrhodesian.com, auf der Roof auf Fotos mit Feuerwaffen und beim Verbrennen der US-Flagge zu sehen ist. "Ich habe Charleston ausgewählt, weil die Stadt (...) zeitweise den landesweit höchsten Anteil von Schwarzen im Vergleich zu Weißen hatte", heißt es in einem Text. "Wir haben keine Skinheads, keinen wirklichen KKK, niemand, der irgendetwas tut außer im Internet reden. Jemand muss den Mut haben, es in der wirklichen Welt zu tun, und ich schätze, dass ich das sein muss." Es folgen Hasstiraden gegen Schwarze, Hispanics und Juden.

foto: ap
Dylann Roof mit der Konföderierten-Flagge.

Ob es sich bei dem Verfasser um Roof handelt, wurde von den Behörden noch überprüft. US-Medien berichteten, die Internetseite sei im Februar unter seinem Namen registriert worden. Der Name "letzter Rhodesier" bezieht sich auf den vom südafrikanischen Apartheidregime unterstützten Staat Rhodesien, dem heutigen Simbabwe.

Kritiker sehen sich dadurch in ihrer Auffassung bestärkt, dass die Flagge ein Symbol des Rassismus und Hasses sei. Sie repräsentiere die damalige Bereitschaft der Südstaaten, in den Krieg zu ziehen, um die Sklaverei beibehalten zu können. Befürworter – vor allem Weiße im Süden der USA – betrachten das Banner dagegen als ein Symbol kultureller Identität, südlichen Stolzes und eines wichtigen Teils der Geschichte.

foto: jason miczek
Proteste in Charleston gegen die Konföderierten-Flagge.

Eigentlich war die rote Fahne mit dem blauen Andreaskreuz und den weißen Sternen darauf nicht die Flagge der abtrünnigen Südstaaten, sondern die Flagge eines Teils ihrer Truppen im Feld. Doch sie wurde in den USA wie in Übersee zu einem Symbol der Konföderierten.

In Charleston wurde die Flagge 1962 – inmitten der US-Bürgerrechtsbewegung – zunächst über der Kuppel des Kapitols aufgezogen. Nach einem Massenprotestmarsch wurde sie 2000 an einen Platz nahe eines Konföderierten-Kriegsdenkmals auf dem Kapitolgelände verlegt. Der "Washington Post" zufolge sprachen sich bei einer Umfrage 2014 73 Prozent der Weißen in South Carolina für die Flagge aus, 63 Prozent der Schwarzen dagegen.

foto: foto: jason miczek
Ein Demonstrant weist daraufhin, dass der Ku-Klux-Klan die Konföderierten-Flagge verwendet.

Auch in anderen südlichen US-Staaten gab es immer wieder Kontroversen um das Banner, so in Florida, Georgia und Mississippi. In Florida wurde die Fahne während der Gouverneursamtszeit des jetzigen republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Jeb Bush vom Kapitol in Tallahassee entfernt. Der bekräftigte am Wochenende via Twitter seine Position. Mississippi ist der "Washington Post" zufolge der einzige Staat, dessen Staatsbanner noch eine Konföderierten-Kriegsflagge integriert hat.

Neben Bush forderte auch der ehemalige republikanische US-Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney auf Twitter, die Konföderierten-Flagge abzuhängen. Zustimmung erhielt er dabei von US-Präsident Barack Obama.

Außerdem fand Obama nach Angaben eines Sprechers ebenfalls, dass die umstrittene Fahne in Charleston "in ein Museum gehört". Auch der Präsident der Schwarzenorganisation NAACP, Cornell Brooke, forderte: "Die Fahne muss weg."

Dagegen sagte Mississippis Ex-Gouverneur Haley Barbour laut Medienberichten, die Fahne habe absolut nichts mit dem Massaker zu tun. "Sie ist Teil der Geschichte, genau wie George Washington, Thomas Jefferson und Andrew Jackson, die alle Sklavenbesitzer waren. Werden wir jetzt den Namen des Washington-Denkmals (in Washington) ändern?" (APA, red, 22.6.2015)

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