Euro-Club: Eine verhängnisvolle Geschichte

Essay21. Juni 2015, 18:19
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Griechenland wurde aus politischen Gründen in den Euroraum geholt. Es lebte lange seine Träume aus, trickste mit Zahlen, war ein beliebtes Ziel der Bürger

Als der Euro 1998 nach Europa kam, hatte Griechenland kein Problem mit den Partnern. Für Millionen Europäer war die "Wiege der abendländischen Kultur" das Gegenbild zu den Sorgen des Alltags: ein Sehnsuchtsland. Mit traumhaften Inseln und Stränden. Besonders galt das für die Deutschen und die Österreicher, Menschen aus den zentralen Wohlstandsländern der Union.

Der Italienurlaub war schon etwas fad geworden. Aber Griechenland, erst seit 1974 eine Demokratie mit Militärdiktaturvergangenheit, seit 1981 EU-Mitglied, hatte stark aufgeholt – aus EU-Töpfen der Agrarpolitik wie Strukturfonds großzügig subventioniert.

Ein Glück. An den Küsten Ex-Jugoslawiens war es nicht so gemütlich. Da tobten seit 1991 vier Bürgerkriege. Die Nachtseite des Kontinents. 1999 führte die Nato den ersten heißen Krieg ihrer Geschichte gegen Serbien wegen des Kosovo, als hunderttausende Albaner auf der Flucht waren. Griechenland hingegen war ein Ort der schönen Stabilität geworden.

Udo Jürgens hatte es mit "Griechischer Wein" vorausgesungen, Essen und Trinken "beim Griechen", die Sehnsucht, die Liebe, der Sirtaki. Die Austropopper STS zogen 1985 nach, besangen den Traum, dass wir "irgendwann dann durt" bleiben, auf der Insel.

Das waren Schlager, die Anfang 2002, als der Euro in elf EU-Staaten nicht nur Buchgeld war, sondern in Geldscheinen aus Bankomaten sprudelte, oft gespielt wurden. Heute schimpft die Mehrheit auf "die Griechen", die Bild sogar auf "die faulen Griechen".

Wie konnte das geschehen?

Griechenland war nicht von Anfang an dabei beim Euro. Der Beschluss fiel verzögert im Jahr 2000 bei einem EU-Gipfel in Portugal, obwohl das Land die Haushaltskriterien gemäß Maastricht-Vertrag nicht erfüllte. Die Staatsschuld war mehr als doppelt so hoch wie vorgesehen. Aber das nahm man damals nicht so genau, weil andere – politische – Faktoren wichtiger genommen wurden.

foto: imago/christian ohde

Wie Belgien und Italien

Auch Belgien war mit mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet, so wie Italien auch. Unter der Hand hieß es: Wenn man das hohe Ausmaß an Schwarzarbeit berücksichtige, sei deren Wirtschaftskraft eh deutlich höher, die Schulden also kleiner. Deutschland, seit Ende 1998 von einer rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder regiert, lenkte ein. Sein Land wurde vom "Economist" wegen schwachen Wachstums als "kranker Mann Europas" tituliert, lag hinter Frankreich, strukturell unbeweglich. Gemeinsam brachen sie 2003 erstmals den Eurostabilitätspakt. Erst nach Schröders "Hartz-4-Reform" ging es nach 2005 aufwärts. Kanzlerin Angela Merkel hat all das geerbt.

Ein anderes Argument, Drachme durch Euro zu ersetzen, war solider. Zu der Zeit zeichnete sich ab, dass die EU-Erweiterung um die von Sowjetdiktatur befreiten osteuropäischen Länder breit ausfallen sollte. Dafür brauchte es einen einstimmigen Beschluss.

Die Südländer fürchteten, dass die EU-Subventionen für sie kleiner werden würden. Und sie wollten vom "Kern" der Union nicht abgehängt werden. Griechenland machte zusätzlich Druck: Zustimmung zur Erweiterung nur, wenn auch die geteilte Insel Zypern EU-Mitglied werde. Euro statt Drachme war auch ein sicherheitspolitischer Deal, 2004 realisiert.

Verwehrte Einblicke

Die EU-Kommission warnte damals schon davor, dass Griechenland bei den gemeldeten Zahlen trickste. Den Antrag, Eurostat Einblick in die Bücher zu gewähren, lehnten die Finanzminister ab.

Es war eine euphorische Zeit. Griechenland wurde Fußballeuropameister. Es richtete im Sommer 2004 prächtige Olympische Spiele in Athen aus. Der Staat gab Milliarden und Abermilliarden aus. Als Teil der Eurozone bekam das Land großzügig Kredite. Die Zahl der Beamten stieg ständig, noch mehr ihre Gehälter – und die Militärausgaben. Strukturreformen wie Privatisierungen unterblieben. Der "Klientelismus" blieb.

Die Weltwirtschaftskrise 2008 bereitete der Traumwelt ein Ende. Von den schlecht aufgestellten Eurostaaten wurde Griechenland als Erster hart getroffen. Im Mai 2010 stand es vor der Pleite. Mit eigener Währung wäre es wohl sofort in die Pleite geschickt worden.

Im Verbund der Eurozone war das jedoch nicht so einfach zu lösen. In den EU-Verträgen war ein solcher Fall nicht vorgesehen. Sie verbieten den Eurostaaten strikt, Schulden von Griechenland bei Banken direkt zu übernehmen.

Sorge um Dominoeffekt

Die deutsche Regierung muss damit rechnen, dass Klagen beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe gegen einen "Schuldenrauskauf" als grundgesetzwidrig erkannt werden. Zum anderen musste ein "Überspringen" auf andere "Wackel-Eurostaaten" verhindert werden. Die Märkte spekulierten gegen ganze Länder.

grafik: standard

Man behalf sich zunächst mit bilateralen Krediten und Garantien von knapp 110 Milliarden Euro von Eurostaaten, teils vom Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später wurden aus dem gemeinsamen Fonds (EFSF) 143 Milliarden Euro zugesagt. Die letzte Tranche ist noch offen. Die privaten Gläubiger steuerten bei einem Schuldenschnitt rund 55 Milliarden bei. Ein Großteil des Geldes ging in die Stabilisierung der Banken, etwa ein Viertel an die Regierung. Mit mühsamen Kompromissen tastete sich die Euro zone an das System eines "Eurorettungsmechanismus" (ESM) heran.

Die Hilfsformel lautet: billige Kredite, wenn Reformen gemacht werden, bis das Vertrauen der Märkte zurückkehrt. Bei Portugal oder Irland hat das funktioniert. Auch sie haben Milliardenkredite bekommen. Aber die Bürger der Eurozone grollten den Portugiesen und Iren kaum. Bei Griechenland lief es anders. Alle Regierungen seit Premier Giorgos Papandreou, den Merkel 2011 zum Rücktritt zwang, haben die versprochenen Reformen nie geliefert. Griechenland wurde zum Sonderfall – auch einer enttäuschten Liebe. (Thomas Mayer, 21.6.2015)

  • Kanzlerin Angela Merkel traute dem griechischem Premier Giorgos Papandreou nie über den Weg, hier beim EU-Gipfel im Juni 2010. Ein Jahr später erzwang sie seinen Abgang.
    foto: ap/vanden wijngaert

    Kanzlerin Angela Merkel traute dem griechischem Premier Giorgos Papandreou nie über den Weg, hier beim EU-Gipfel im Juni 2010. Ein Jahr später erzwang sie seinen Abgang.

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