Griechenland: Von wegen nur faul und verschwenderisch

22. Juni 2015, 11:11
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Die Eurokrise hat Vorurteile und nationale Stereotype wieder beflügelt. Aber was ist dran am üblichen Griechenland-Klischee? Mythen im Faktencheck

Diverse Umfragen aus den vergangenen Wochen sprechen eine klare Sprache: Die Mehrzahl der Österreicher, knapp 60 Prozent, wollen, dass die EU im Verhandlungspoker mit Athen hart bleibt. Einen Schuldenschnitt gönnen den Griechen nur wenige. Vielleicht liegt das auch daran, dass viele meinen, die Griechen seien ganz allein schuld an ihrer Misere.

Griechen sind faul: Jeder, der schon auf Rhodos oder Kos Urlaub gemacht hat, weiß, dass die Griechen wissen, wie man das Leben genießt. Vielleicht hält sich deshalb die Einschätzung hartnäckig, wonach die Griechen faul wären. Auch Deutschland hat hohe Schulden, aber "wir können sie begleichen, weil wir morgens früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten", schrieb die "Bild"-Zeitung schon im Jahr 2010. Aber sind die Griechen wirklich Meister des Müßigganges?

Nicht laut Statistik. Nach Zahlen der Industriestaatenorganisation OECD arbeitet ein berufstätiger Grieche (Vollzeit und Teilzeit) im Schnitt 2037 Stunden im Jahr. Von den 34 OECD-Mitgliedsländern ist dieser Wert nur noch in Mexiko höher. Zum Vergleich: In Österreich sind es pro Beschäftigen 1620 Arbeitsstunden.

Ökonomen vom französischen Institut Coe-Rexecode haben diese Werte noch genauer durchgerechnet und um Fehler (Fehlstunden wegen Krankheiten, Karenz) korrigiert. Auch hier blieb es dabei: Griechenland belegte im Europaranking der Fleißigen Platz zwei hinter Rumänien mit 2010 gearbeiteten Stunden.

foto: reuters

Allerdings gibt es eine Kehrseite. Die Griechen sind im Europavergleich tatsächlich erschreckend wenig produktiv. In Österreich werden pro gearbeitete Stunde rund 47 Euro erwirtschaftet. In Griechenland liegt die Stundenproduktivität bei nur 22,5 Euro. Für die Produktivitätsdifferenz gibt es viele Erklärungen.

Die OECD kritisiert, dass griechische Unternehmen überreguliert sind und deshalb nicht kreativ und flexibel arbeiten. Laut Eurostat sind sie zudem klein: Nirgends in der EU ist der Schnitt von Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitern größer. Kleine Firmen sind oft unproduktiver, etwa weil sie teure Maschinen nicht einsetzen können.

Griechenland, ein Pensionsparadies: Die Kürzung der Pensionen ist eines der umstrittensten Themen zwischen Athen und seinen Geldgebern. Die EU-Kommission und der Währungsfonds fordern von der Syriza-Regierung spürbare Pensionskürzungen. Aber ist das System derart generös?

Auf den ersten Blick: ja. Laut jüngsten Zahlen von Eurostat belaufen sich die staatlichen Ausgaben für Pensionen auf 17,5 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung. Das ist in der Tat der höchste Wert in der EU (in Österreich sind es 15 Prozent).

Allerdings bedürfen die Zahlen der Pensionsausgaben eines genauen Blicks. Sie sind berechnet in Prozent der Wirtschaftsleistung. Die griechische Wirtschaft ist seit 2008 um rund ein Viertel eingebrochen. Allein dies hat die Pensionsausgaben rein mathematisch deutlich nach oben gedrückt. Der Beleg: Noch 2007 lagen die griechischen Pensionsausgaben bei zehn Prozent des BIP, in Österreich waren es damals 12,8 Prozent. Die griechischen Pensionsausgaben sind also absolut natürlich nicht gestiegen, sondern eben nur nicht proportional mit dem Wirtschaftskollaps weggekürzt worden.

Und: Diese Zahlen berücksichtigen nur Ausgaben, nicht aber Beiträge für die Pensionsversicherung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Beiträge summieren sich in Hellas auf 9,2 Prozent der Wirtschaftsleistung und liegen über dem OECD-Schnitt (in Österreich sind es 7,8 Prozent).

Richtig ist, dass die Griechen einen etwas größeren Teil ihres Einkommens als Pension ausbezahlt bekommen, als dies im OECD-Schnitt der Fall ist. Doch die Durchschnittspensionen liegen laut Website Macropolis bei nur knapp über 720 Euro – reich wird davon also niemand. In Österreich sind es gut 1000 Euro Monatspension. Die Griechen gehen übrigens de facto auch nicht früher in Rente: Laut EU-Kommission gehen Männer in Griechenland im Schnitt mit 64,4 und Frauen mit 64,5 Jahren in Pension. In Österreich sind es demgegenüber 62,5 beziehungsweise 61 Jahre.

Griechen sparen nicht: Von allen Mythen lässt sich dieser am eindeutigsten widerlegen. Tatsächlich hat kein Industrieland seine Staatsausgaben in den vergangenen Jahren derart drastisch gekürzt wie Griechenland. Noch 2009 lag das Budgetdefizit bei 15,6 Prozent, im vergangenen Jahr dürfte das Minus bei rund 2,5 Prozent gelegen sein. Beachtlich sind auch die Zahlen bezüglich der öffentlichen Beschäftigung: Wie der irische Ökonom Karl Whelan kürzlich in seinem Blog ausgeführt hat, hat Griechenland in den vergangenen Jahren auch eine Rekordzahl an Beschäftigten im Staatssektor abgebaut: So arbeiteten 2012 noch 726.000 Griechen im Staatssektor, 2015 waren es dagegen nur mehr 651.000.

Und laut OECD ist der Beamtenapparat in Griechenland im internationalen Vergleich nicht besonders üppig: In einer umfassenden Studie, die allerdings schon zwei Jahre alt ist, heißt es, dass rund zehn Prozent der Beschäftigten in Griechenland für den Staat oder für staatliche Betriebe arbeiten. Im OECD-Schnitt liegt dieser Wert bei immerhin 15 Prozent, auch in Österreich ist die Beschäftigung im Staatssektor mit elf Prozent höher. Auch die Beamtengagen sind in Hellas laut der Industriestaatenorganisation unterdurchschnittlich hoch. (András Szigetvari, 22.6.2015)

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