Der lange Weg in die griechische Krise: Wut, Resignation, Revanchegelüste

Analyse22. Juni 2015, 06:03
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Mit getricksten Daten in die Eurozone, mit billigem Geld in die Rezession, mit Sparprogrammen nur tiefer in die Krise: das griechische Trauerstück

Giorgos Papandreou hatte gute Nachrichten für die Griechen. "Das Geld ist da", sagte er Anfang September 2009 kurz vor den Wahlen auf einer Kundgebung auf dem Land. Dies brachte ihm einen der größten Wahlsiege für die Pasok. Die Griechen wollten an die Geschenke der Sozialisten glauben, nicht an die Nulllohnrunde und Steuererhöhungen, mit denen Kostas Karamanlis, der amtierende konservative Premier und Wahlverlierer, gerade begonnen hatte. Aber es gab kein Geld. Es gab nur Löcher in einer Volkswirtschaft, die 30 Jahre lang mit Selbstbetrug und Täuschung funktioniert hatte und nun rasch unterging.

Giorgos Papandreou, Spross einer Politikerdynastie, die über drei Generationen Griechenland regierte, ist heute ein "has been", ein trauriger Politclown, der 150.000 Stimmen bekommt, nicht die drei Millionen von 2009. Doch der wirkliche Buhmann der Nation ist sein Vater Andreas.

Arbeitsbeschaffung

Als Andreas Papandreou 1981 die Linke an die Macht brachte, begann die Arbeitsbeschaffung in Behörden und Staatsbetrieben erst richtig. Zwischen 1981 und 1993 stieg Griechenlands Staatsverschuldung von 25 auf 91 Prozent der Wirtschaftsleistung. Als Griechenland 2001 in der Eurozone aufgenommen wird, hat sich die Verschuldung auf 100 Prozent eingependelt. Das Haushaltsdefizit liegt plötzlich bei nur drei Prozent. Angeblich. Der Beitritt zur gemeinsamen Währung hätte nie passieren dürfen.

"Wir wissen alle jetzt, und wir wussten es damals, dass Griechenland seine Statistiken fälschte", sagt später Pascal Lamy, rechte Hand des früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors und Generalsekretär der Welthandelsorganisation (WTO) bis 2013. Aber noch galt die Etikette bei Ministertreffen in Brüssel. Der Sarkasmus eines Wolfgang Schäuble, die Kollektivschelten gegen Yanis Varoufakis, sind weit weg. Athen kommt einfach davon mit seinen getricksten Daten. "Es wäre unnett gewesen gegenüber einigen Amtskollegen des Landes", erinnert sich Lamy. "Es bleibt ein Grad an diplomatischer Korrektheit und Höflichkeit."

foto: ap/petros giannakouris

Der Euro macht alles nur schlimmer in Griechenland. Die Währungsunion spült neues billiges Geld in die Banken. Jeder bekommt Kredite. Die strukturellen Probleme der griechischen Wirtschaft werden ins Monströse verzerrt: ihre Unproduktivität, die Abhängigkeit von Importen, die nur durch Konsum gefüllte Wachstumsblase. 2008, im Gefolge der globalen Finanzkrise, schlittert Griechenland in die Rezession. Zwei Jahre später muss Papandreou die EU und den Internationalen Währungsfonds zu Hilfe rufen. Die größte Rettungsaktion der Finanzgeschichte beginnt – und ihr größtes Debakel.

Selbstmord in Athen

Am 4. April 2011, einem frühlingshaft warmen Montag in Athen, tritt Dimitris Christoulos, ein 77 Jahre alter Apotheker, aus dem U-Bahn-Ausgang am Syntagma-Platz. Christoulos setzt sich eine Pistole an den Kopf und erschießt sich. Undenkbar in einem Land, wo private Probleme verborgen werden und Selbstmord von der Kirche geächtet wird.

Christoulos ist nicht der Einzige, der sich im Griechenland des Sparregimes umbringt. Acht bis neun Selbstmorde waren es jeden Monat, seit die Sparmaßnahmen der Kreditgeber von 2011 an in den Familien zu spüren waren, so heißt es in einer in diesem Jahr veröffentlichten Medizinstudie.

Abrechnung mit Deutschland

Doch Christoulos hinterlässt auch einen wütenden Abschiedsbrief. Die Regierung von Giorgos Papandreou vergleicht er mit der Kollaborateursregierung während der deutschen Besatzungszeit. Die griechische Jugend werde die Verräter eines Tages kopfüber auf dem Syntagma-Platz aufhängen, sagt er voraus. Griechenlands Schuldenkrise wird zur Abrechnung: mit dem Nepotismussystem von Pasok und Nea Dimokratia, die sich seit dem Ende der Junta 1974 an der Macht abwechselten; mit Deutschland, das keine Reparationen zahlen will; mit der Troika schließlich, den Kreditgebern von EU, Europäischer Zentralbank und IWF, die Griechenland vorschreiben, wo und wie gespart werden muss.

Falsche Annahmen

Ein Rettungspaket von 110 Milliarden Euro wird für Griechenland im Mai 2010 geschnürt. Die Staatspleite ist erst einmal abgewendet, doch die Rettung der Griechen funktioniert nicht. Keine der Annahmen der Troika-Ökonomen erweist sich als richtig. Massive Steuererhöhungen, Einschnitte der Staatsausgaben und Gehalts- und Pensionskürzungen reißen das Land nur tiefer in die Rezession. Die Regierung Papandreou verschleppt dazu Reformen wie die Liberalisierung von Berufsbranchen; im November 2011 wird sie abgelöst durch eine Mehrparteienkoalition unter dem Technokraten Lukas Papademos.

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Ein zweiter Rettungskredit wird zuvor im Juni 2011 aufgestellt. 240 Milliarden Euro schuldet Athen am Ende IWF, EZB und Euroländern. Private Gläubiger müssen 2012 einen Schuldenschnitt hinnehmen. Athens Kreditgeber aber gehen nun zum Mikromanagement über. Alles wird bis ins Detail festgelegt: Preiserhöhungen bei Zugtickets, die Zahl der zu entlassenden Beamten. Die Krise bremst es nicht. Firmenpleiten gehen weiter, die Arbeitslosigkeit steigt bis 2013 auf 27 Prozent; 60 Prozent der Jugendlichen bis 24 sind im Februar 2013 ohne Job.

Die Stimmung der Griechen wandelt sich über die Jahre. Von Wut über Resignation zu Revanche. Im Jänner dieses Jahres wählen sie die radikale Linke an die Macht. Sie hat das Ende des Spardiktats versprochen. So wie Antonis Samaras 2012. Den konservativen Premier ließen EU und IWF vergangenen Herbst fallen. Auch Samaras wollte keine Pensionskürzungen mehr hinnehmen. (Markus Bernath, 22.6.2015)

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