Klaus Heidegger: Slalom-Stilist im ewigen Unruhezustand

22. Juni 2015, 05:30
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Als Unternehmer Multimillionär, als Buchautor im Beichtstuhl: die vielen Leben des Klaus Heidegger

Wien – Klaus Heidegger gegenüberzusitzen bedeutet Dynamik im Gespräch. Inhaltlich und körpersprachlich. Heidegger hebt die Hände, ballt die Fäuste, zieht seine Schultern immer wieder hoch. Kein Wunder – sein Leben würde sicherlich genug Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm bieten. Und tatsächlich gab es auch vor kurzem eine Anfrage eines österreichischen Regisseurs. Aber Heidegger lehnte ab. Keine Zeit und kein Bedarf. Seine Autobiografie hat er 2013 selbst herausgebracht, und der Titel My American Dream – Vom Bergbauernbub zum Multimillionär umreißt sein ungewöhnliches Leben recht gut und ist tatsächlich alles andere als eine Selbstverherrlichung. "Das ist meine Geschichte. Ich will da auch nicht besser rauskommen. Jeder Mensch geht durch schwierige Phasen im Leben", sagt Heidegger, der Exskirennläufer, millionenschwere Investor und heutige Biobauer.

Seine Ranch im kalifornischen Malibu erfordert viel Einsatz, aber er will in der Natur sein und mit seinen Händen arbeiten, erzählt er. Und er hat alle Hände voll zu tun. Auf 25 Hektar hat Heidegger eine Permakulturoase geschaffen, die sich vorwiegend selbst nährt. Hunderte Bäume hat er gepflanzt, er baut Mangos, Äpfel und Pflaumen an. Avocados verkauft Heidegger an lokale Biosupermärkte. Das Regenwasser wird trotz Trockenheit auf dem Grundstück gehalten. Dazu hat er bereits fünf Quellen gefasst, speichert Trinkwasser in rauen Mengen in Stahltanks.

Konflikte mit dem ÖSV

Heidegger ist 58 Jahre alt, fühlt sich aber "viel jünger". Seine Skikarriere hat er noch gut in Erinnerung. Die ersten Siege feierte er als Kind bei Vereinsrennen der "Schneevögel Götzens", seiner Tiroler Heimat, später wurde er Zweiter im Gesamtweltcup der Saison 1976/77, holte insgesamt fünf Weltcupsiege. Im Slalom war er gut, aber nie gut genug. Jahrelang fuhr er dem legendären Schweden Ingemar Stenmark hinterher. Die Trainingsmethoden des ÖSV kritisierte er deswegen im Nachhinein scharf. Slalom-, Riesentorläufer und Abfahrer wurden in einen Topf geworfen – "egal, ob Kondition, Gleichgewicht oder Reaktion, wir hatten alle die gleichen Trainingspläne." Sein Fazit: Das System konnte nicht funktionieren.

Der Traum vom Start bei den Olympischen Spielen 1976 im heimatlichen Innsbruck scheiterte am ÖSV. Offiziell, weil Heidegger mit 18 Jahren als zu jung galt. "Was ein absoluter Blödsinn war", sagt er heute. Schuld war das Geld: Weil Atomic neben Heidegger bereits mehrere ÖSV-Rennläufer unter Vertrag hatte und Kneissl noch nicht olympisch repräsentiert war, sorgte der Verband für Ausgewogenheit der heimischen Skimarken: "Toni Sailer hat mir sagen müssen, dass gerade auf meinem Hausberg in der Lizum, wo ich jeden Hügel gekannt habe, nicht ich, sondern der Thomas Hauser starten wird."

"Endlich einmal eine gute Idee" hatte der ÖSV, als er Anfang der 1980er-Jahre seinen Fahrern als Ausgleich zum Rennalltag Aerobic verordnete. In Person von Jami Morse, Biologiestudentin aus Harvard. Beim Training in Hintertux kuppelten Hansi Hinterseer und Franz Klammer, und aus Jami Morse wurde im Sommer 1985 Jami Morse-Heidegger. Ein Jahr später beendete Klaus seine Skikarriere, wanderte mit seiner Frau nach New York aus und stellte dort erst einmal als Regalputzer in der Apotheke seines Schwiegervaters seinen Ehrgeiz unter Beweis. "Wir haben 14 Stunden pro Tag gearbeitet, und das zwölf Jahre ohne Urlaub", sagt Heidegger. Seine Kinder hat er kaum gesehen. Heute bezeichnet sich Heidegger als Familienmensch und freut sich, wenn er seine Kinder – Tochter Nicoletta ist 24, die Zwillinge Hannah und Max sind 19 – in Kalifornien um sich haben kann. Auch wenn sie sich langsam in alle Winde verstreuen. Darum hat er auch seine legendäre Kosmetikfirma Khiels, die sich dank Biokosmetik über Jahrzehnte zu einem Weltkonzern mit mehreren hundert Mitarbeitern auswuchs, Anfang der Nullerjahre für mehrere hundert Millionen Dollar an L'Oréal verkauft.

Den Weltcup verfolgt Heidegger in den USA hie und da im Fernsehen. Nur hie und da, weil nur ein Kanal Skirennen überträgt. Der Streit zwischen Anna Fenninger und dem ÖSV erinnert Heidegger daran, dass sich im Vergleich zu früher wenig geändert hat. "Der Verband hat eine große Macht mit seinen Poolverträgen." Warum der Streit öffentlich ausgetragen wird, versteht Heidegger allerdings nicht.

Unterstützend und beratend für das Olympische Komitee der USA tätig, sieht Heidegger aber auch die Fortschritte in Österreich jetzt deutlicher. Von einem ÖSV-Budget von 40 Millionen Euro kann der US-Skiverband nur träumen. "Wir bewegen uns hier bei 25 Millionen Dollar." Zu einem Funktionärsposten ließ er sich nicht überreden, "weil ich immer meine Meinung sage. Wenn man nur diplomatisch ist, kommt nichts heraus."

Klaus Heidegger muss nicht mehr diplomatisch sein, er ist Privatier. Und Investieren ist sein Sport, "weil mir das Geschäftsleben Spaß macht". Bei MBT, dem Hersteller der eher klobigen Gesundheitsschuhe, war Heidegger genauso beteiligt wie bei einem Energydrinkhersteller. Viel Geld steckt er auch in wohltätige Stiftungen. Er schaut jeden Tag in den Spiegel und weiß, dass er noch nie jemanden über den Tisch gezogen hat, erzählt er nicht ohne Stolz. "Ich bin in armen Verhältnissen aufgewachsen, hab nicht einmal ein Gewand gehabt zum Skifahren. Ich gebe in den USA jedem Bettler auf der Straße etwas. Weil ich mir denke, das könnte auch ich sein."

Über das dunkelste Kapitel seiner eigenen Geschichte hat Heidegger sehr lange, nämlich 41 Jahre lang, geschwiegen. Als Elfjähriger wurde er vom 21-jährigen Nachbarn in Tirol missbraucht, fast ein Jahr lang. Auch seiner Frau Jami erzählte er nichts davon. Eine Erfahrung, die sein ganzes weiteres Leben beeinflusst hat. Seine Pubertät, seinen Umgang mit Frauen. "Auch mein Drang, im Leben etwas erreichen zu wollen, um diese angetane Schmach zu überwinden, ist wohl Folge dieses Missbrauchs." Für Heidegger war erst das Buch ein psychohygienischer Befreiungsschlag. Er ging zwar in Therapie, hat schon länger Dinge verstanden, war aber immer zu beschäftigt, zuerst mit Skifahren und dann mit der Arbeit.

Eigentlich wollte Klaus Heidegger mit 50 in Pension gehen, Pferde züchten und nur noch aufs Meer schauen. Aber das liegt nicht in seiner DNA. "Ich kann nicht stundenlang am Strand liegen", sagt er und hebt dabei wieder seine Hände. Entspannung findet er, wenn er abhebt. Mit dem Privatflugzeug. Er leistet sich dafür einen österreichischen Copiloten. Nach Mammoth Mountain ins nächstgelegene Skigebiet sind es nur 35 Minuten. In die Tiroler Berge schafft er es kaum mehr, obwohl er sich noch immer als Österreicher fühlt. Deutsch hat er seinen Kindern nicht beigebracht. Das tut ihm heute leid.

Lernen vom Guru

Heidegger hat noch viele Pläne. Bis 65 will er die Ranch in Malibu ausbauen. "Ich muss mir neue Ziele setzen." Mentoring erhält Heidegger vom österreichischen Agrarökologen Sepp Holzer. Der berät auch spanische Prinzessinnen, die sich von Holzer aus einer Steppe fruchtbare Naturlandschaften machen lassen. Oder in Schottland die Familie Swarovski, für die er in den Highlands mit ihren sauren Böden Getreide anbaut. "Er ist 76 Jahre alt", erzählt Heidegger mit Ehrfurcht über Holzer und will von ihm noch so viel lernen, wie es geht. Heidegger hat ihn schon nach Malibu einfliegen lassen und besucht ihn auch gern auf dessen Bauernhof im südburgenländischen Jennersdorf. Das sei für ihn "Erholung für die Seele". Wir machen uns selbst kaputt, davon ist Heidegger überzeugt, "Wir müssen wieder vernünftiges Denken lernen." (Florian Vetter, 22.6.2015)

  • Im Slalom lebte der Techniker Klaus Heidegger von seiner Schnelligkeit. Er  gewann fünf Rennen im Weltcup, prangerte das System ÖSV an, wanderte nach  Amerika aus und verkaufte Kosmetikprodukte.
    votava

    Im Slalom lebte der Techniker Klaus Heidegger von seiner Schnelligkeit. Er gewann fünf Rennen im Weltcup, prangerte das System ÖSV an, wanderte nach Amerika aus und verkaufte Kosmetikprodukte.

  • Glaubt, dass sich ein Luxusleben mit nachhaltigem Denken vereinbaren lässt:  Klaus Heidegger, Unternehmer und Biobauer im kalifornischen Malibu.
    foto: newald

    Glaubt, dass sich ein Luxusleben mit nachhaltigem Denken vereinbaren lässt: Klaus Heidegger, Unternehmer und Biobauer im kalifornischen Malibu.

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