Das Blechsandwich und der glatte Rosberg-Sieg

21. Juni 2015, 16:15
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Deutscher wiederholt seinen Vorjahrestriumph. Weltmeister Lewis Hamilton vergeigt den ersten Österreichsieg, liegt nur noch zehn Zähler vor dem Kollegen. Weit größere Sorgen hat aber die Formel 1 insgesamt

"Verglichen damit verkommt unsere kleine Formel-1-Welt zur Bedeutungslosigkeit." Nicht ganz entsprechend der Aussendung von Toto Wolff, also mit nur Andeutungen von Trauerflor infolge der Tragödie von Graz, spulte der Zirkus am Sonntag in Spielberg seinen achten Grand Prix der Saison ab. Die politische Prominenz des Landes Steiermark blieb der Red-Bull-Arena fern, der Anregung, doch eine Trauerminute ins straffe Tagesprogramm zu quetschen, wollten die Veranstalter nicht nähertreten.

Und natürlich hat sich Wolff, der Motorsportchef von Mercedes, über den fünften Doppelsieg der laufenden Kampagne gefreut. Und selbstverständlich hat der 29-jährige Deutsche Nico Rosberg ausgelassen Champagner für seinen elften Rennsieg, den zweiten in Österreich, verspritzt.

Die Dramaturgie verhieß anderes, denn Lewis Hamilton hatte sich am Samstag in die Poleposition gestellt, aber Rosberg erwischte den weit besseren Start als der in der Weltmeisterschaft führende Champion. Nach Kurve zwei nahm Einzelweltmeister Kimi Räikkönen den Doppelweltmeister Fernando Alonso, beide im Qualifying unterirdisch, sehr spektakulär mit sich aus dem Rennen. Der Spanier bockte mit seinem McLaren angsterregend auf dem Ferrari des Finnen auf. Die Unfallpartner entstiegen gottlob unverletzt dem Blechsandwich. "Mein Auto ist nach links ausgebrochen", sagte Räikkönen. Alonso: "Es war ein komischer Zwischenfall."

An der Spitze hob unkomisch die schon sattsam bekannte Prozession an. Sebastian Vettel im übrigen Ferrari konnte den Mercedes nicht folgen. Ein Problem mit dem rechten Hinterreifen beim Boxenstopp brachte den viermaligen Weltmeister um den Podestplatz, den der Brasilianer Felipe Massa im Williams im Finish gegen den Deutschen zäh verteidigte. Da war kurz so etwas wie Spannung aufgekommen.

Hamilton hatte die letzte Chance auf den Sieg durch das Überfahren einer Linie am Boxenausgang verspielt, zu seinem beträchtlichen Rückstand kamen noch fünf Strafsekunden dazu. Rosberg, der gegen Ende über Vibrationen geklagt hatte, kommt in zwei Wochen mit nur noch zehn WM-Zählern Rückstand auf Hamilton zum GP von England nach Silverstone. Zur Feier des Tages spielte er mit seiner Crew eine Art Stagediving und nahm dann von Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner die Siegestrophäe entgegen.

"Der Start hat das Rennen gemacht, danach habe ich einfach Vollgas gegeben. So würde ich gern immer fahren", sagte Rosberg noch auf dem Siegespodest ins von Gerhard Berger gehaltene Mikro. Hamilton gratulierte artig und kündigte Revanche im nächsten Rennen an.

Gastgeber Red Bull, wegen Motorenwechsels an beiden Boliden in der Startreihenfolge weit hinten, vermied durch Rang zehn für den Australier Daniel Ricciardo übrigens noch knapp das erste punktelose Rennen seit Australien 2014.

Halbierter Zuspruch

Einige Stunden zuvor hatte die angesagte Zuseherpleite ihren Lauf genommen. Im Gegensatz zum Vorjahr, als insgesamt 220.000 Menschen, allein 90.000 am Renntag, das F1-Comeback in Österreich ungeachtet eines wahren Verkehrsbabels zu einem Volksfest gemacht hatten, ließ sich diesmal selbst der Sonntag fast beschaulich an. Keine Staus, freie Parkplätze in Hülle und Fülle, Zugang zur Labung wie auch zur Erleichterung ohne Wartezeiten. 25.000 Zuschauer am Freitag, 35.000 am Samstag, am Sonntag 55.000 – diesmal haben nicht mehr als 115.000 Menschen die Königsklasse beehrt.

Als solche wird die perfekt organisierte, aber selbst in Dirndl und Lederhose allzu glatte Formel 1 schon noch wahrgenommen. Dass das bald vorbei sein könnte, ist den Protagonisten bewusst. Mittlerweile brennt der Hut derart, dass selbst Wolff und Mercedes-Sportaufsichtsrat Niki Lauda die Vorverlegung einer für 2017 geplanten Reform auf 2016 fordern. Die Boliden sollen, vereinfacht gesagt, lauter, schneller und schwerer zu handhaben sein. In diesem Punkt herrscht Einigkeit mit Dietrich Mateschitz' Berater Helmut Marko, dessen ständige, nun ja, Suderei das Geschäft auch nicht gerade befördert.

Allerdings weiß sich Marko eins mit Bernie Ecclestone, der zuletzt mehrfach bemerkte, dass die Vermarktung eines schlechten Produkts eben schlechte Ergebnisse zeitige. Gut möglich, dass der 84-Jährige noch mitbekommt, wie sich das ganze Leben der Formel 1 glanzvoll hinter ihr ausbreitet. (Sigi Lützow aus Spielberg, 22.6.2015)

  • Nico Rosberg jubelt über seinen zweiten Sieg in Spielberg. Nur noch zehn Zähler  fehlen dem Deutschen auf Teamkollege Lewis Hamilton.
    foto: epa/valdrin xhemaj

    Nico Rosberg jubelt über seinen zweiten Sieg in Spielberg. Nur noch zehn Zähler fehlen dem Deutschen auf Teamkollege Lewis Hamilton.

  • Der Lohn für die erfolgreiche Raserei: ein spielerisch geformtes Kurvenlineal.
    foto: reuters/leonhard foeger

    Der Lohn für die erfolgreiche Raserei: ein spielerisch geformtes Kurvenlineal.

  • Auf dem Land ist ein Traktor nie weit. Also sollte es auch nicht lange dauern,  bis die kaltverschweißten Boliden von Kimi Räikkönen (links) und Fernando Alonso  auseinanderdividiert und abtransportiert werden konnten. Worauf der Grand Prix  seinen erwarteten Verlauf nahm.
    foto: gepa/ guenter floeck

    Auf dem Land ist ein Traktor nie weit. Also sollte es auch nicht lange dauern, bis die kaltverschweißten Boliden von Kimi Räikkönen (links) und Fernando Alonso auseinanderdividiert und abtransportiert werden konnten. Worauf der Grand Prix seinen erwarteten Verlauf nahm.

  • Eine Angelegenheit für den Abschleppwagen: Die Boliden von Räikkönen und Alonso.
    foto: apa/erwin scheriau

    Eine Angelegenheit für den Abschleppwagen: Die Boliden von Räikkönen und Alonso.

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