Trauer in Graz: Ich werde heute Nacht nicht gut schlafen

Kommentar20. Juni 2015, 20:53
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Der Amoklauf in der Grazer Innenstadt von Samstag hat eine Wunde in die steirische Landeshauptstadt geschlagen

Ich werde heute Nacht nicht gut schlafen. Nicht, weil ich Angst hätte. Ich habe keine Angst. Der Mann, der heute meine Stadt in Trauer gestürzt hat, ist in Haft. Er wird uns nichts mehr tun. Auch wenn die professionellen Hetzer und Angstmacher uns jetzt einreden wollen, dass wir Angst haben sollten.

Ich werde heute Nacht nicht gut schlafen, weil eine Wunde in meine Stadt geschlagen wurde. Weil drei Menschen gestorben sind, an einem Tag, der für unsere Stadt regnerisch vorausgesagt wurde und dann so sonnig war. Bis kurz nach 12. Ich war mit meinem Sohn bei seinem Schulsommerfest und sah bei seinem Fußballturnier zu, als ein anderer Sohn aus den Armen seines Vaters gerissen und getötet wurde. Nicht weit weg von uns. In der Herrengasse.

Die Herrengasse ist sicher. Die Herrengasse ist die Gasse, die ich als gutbürgerliches Kind mit zwölf Jahren als erste Gasse ohne elterliche Aufsicht besuchen durfte. Hier war man auf sicherem Terrain. Die Herrengasse war wie der Dorfplatz, wo einem nichts passieren kann: Fußgängerzone, die größte Buchhandlung der Stadt, die Stadtpfarrkirche, für uns Kids aufregende Boutiquen, die ersten nennenswerten Schanigärten der Stadt – in den 1980er Jahren.

Das andere Murufer, wo ich heute lebe und wo die Amokfahrt heute ihren ersten Toten forderte, kannte ich damals noch gar nicht. Da ging man gar nicht hin als Sacré Coeur-Schülerin.

Heute wurde ein Schanigarten in der Herrengasse niedergemäht. Heute wurde ein Kind absichtlich totgefahren – in der Fußgängerzone, wo sich kurz zuvor Freunde und Kollegen gegrüßt oder getroffen hatten. Wie man das so macht in der Herrengasse, am Samstag, wenn er sonnig ist. Heute haben Kollegen und Freunde das Schreien gehört und sind zur Seite gesprungen – jene die Glück hatten. Heute hat ein verzweifelter, kranker junger Mann die Herrengasse zum Schlachtfeld gemacht. Zum Kriegsgebiet. Wo sonst nur flaniert oder demonstriert wurde, wird heute geweint. Wo wir unsere ersten Verabredungen hatten, werden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Wo wir uns sonst zum Kaffee verabredet haben, leisteten heute zufällig anwesende Freunde erste Hilfe.

Wo wir gestern gelacht haben, weinen wir heute. Aber wir haben keine Angst. Wir trösten uns gegenseitig – so gut es geht. Aber unsere Stadt wurde mitten ins Herz getroffen.

Ich werde heute nicht gut schlafen. (Colette M. Schmidt, 20.6.2015)

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