Amoklauf in Graz: Straches Offenbarungseid

Kommentar20. Juni 2015, 20:53
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Wer menschliche Tragödien für Hetze nutzt, hat in Regierungsämtern nichts verloren

Extremsituationen bringen oft das Beste oder aber das Schlechteste in Menschen an die Oberfläche. In solchen Krisensituationen kommt ans Licht, ob auf jemanden im Notfall verlass ist oder nicht.

Dem Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl war seine ehrliche Erschütterung anzusehen, als er nach der Amokfahrt eines 26-Jährigen durch die Grazer Innenstadt gemeinsam mit den Einsatzleitern die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand der Ermittlungen und des Katastropheneinsatzes informierte. Er war selbst Augenzeuge der Tat geworden und wollte trotzdem weiterarbeiten, weil er gebraucht werde.

Die Polizei gab relativ rasch bekannt, dass es sich bei der Amokfahrt vermutlich um eine Beziehungstat eines psychisch Kranken handelte, keinesfalls jedoch um einen politischen Terrorakt. Der Täter sei österreichischer Staatsbürger mit "bosnischem Bezug", der von wenigen Wochen wegen häuslicher Gewalt aus der ehelichen Wohnung weggewiesen wurde. "Bosnischer Bezug", das bedeutet im konkreten Fall, dass der Mann als Vierjähriger im Bosnienkrieg nach Österreich kam, wo er aufwuchs.

Während die Spitzen der österreichischen Bundespolitik ihre Betroffenheit zum Ausdruck brachten, scherte einer aus: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, ein österreichischer Staatsbürger mit tschechischem Bezug, nutzte die Gelegenheit, um auf Facebook Stimmung gegen Ausländer zu machen. Erst postete er ein Bild des Amokwagens mit dem Begleittext "Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien. Ein religiös begründetes Attentat wird nicht ausgeschlossen!", um darauf noch einen Artikel der "Kronen Zeitung" zu verbreiten, in dem diese ebenfalls wider besseres Wissen und wider jede journalistische Sorgfalt schamlos über einen terroristischen Anschlag spekulierte. Seine Einträge editierte er im Lauf des Samstags mehrfach, kein Wunder, dass er erst Stunden später die Zeit fand, seine eigene, knappe Beileidsbekundung zu veröffentlichen. Weitaus wortreicher fiel dagegen seine Reaktion auf die Kritik an seinen Postings aus, in der er sich selbst als Opfer einer Hetze gegen die FPÖ stilisierte.

Strache wird nicht müde, sich und seine Partei als regierungsfähig zu präsentieren. Doch wer menschliche Tragödien für populistische Hetze nutzt, hat in der Regierung nichts verloren. Wer im Katastrophenfall zuerst auf seinen eigenen Vorteil schaut, hat sich für Ämter mit Verantwortung disqualifiziert. Das sollten all jene in SPÖ und ÖVP bedenken, die auf Landes- oder Bundesebene mit einer Koalition mit Straches FPÖ liebäugeln. (Michael Vosatka, 20.6.2015)

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