US-Autor James Salter verstorben

20. Juni 2015, 12:49
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Der "große Unbekannte" der US-Literatur schrieb spröde, aber punktgenau

New York – Es gibt nicht viele Romantitel, in denen diese erzählerische Gattung als solche besser getroffen ist als in dem letzten Buch von James Salter: Alles, was ist (All That Is) erschien 2013 und erzählt vordergründig von einem Mann, der aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrt, in New York in den literarischen Betrieb einsteigt und sich dort einen Namen macht. Eine Geschichte, in der vieles von dem wiederzuerkennen ist, was Salter selbst zu einem Schriftsteller werden ließ: luzide Beobachtung, kühle Distanz, sprachliche Reduktion.

Und dabei kreist auch hier, wie in seinem ganzen Werk, nahezu alles um das körperliche Begehren. Sex ist die Anerkennung, die es dafür gibt, die Welt in die entscheidende Wirklichkeit zu übersetzen: die der Literatur. Sex ist aber auch der Protest gegen die Mittelbarkeit, mit der sich selbst diese Erfahrung nur in Worten aufbewahren lässt.

Schreiben als Weltrettung

Das Schreiben war für Salter ein Akt der Errettung der Welt, dem er sich bis in hohe Alter, allerdings mit langen Pausen, widmete. Als er Alles, was ist veröffentlichte, war er fast neunzig Jahre alt, zehn Jahre jünger als Saul Bellow, aber auch fast zehn Jahre älter als Philip Roth und John Updike, an denen er immer wieder gemessen wurde und neben denen er trotz großen Ruhms der Unbekannte der amerikanischen Literatur blieb. Im deutschen Sprachraum galt das zumal.

Erst 1998 kam Ein Spiel und ein Zeitvertreib (A Sport and a Pastime) heraus, mehr als 30 Jahre nach der amerikanischen Ausgabe: die sehr explizit beschriebenen, erotischen Erlebnisse eines Amerikaners in Frankreich – auch dieses Buch autobiografisch grundiert.

Die Entscheidung für die Literatur war für den 1925 als James Horowitz geborenen Salter unumgänglich, aber es gab eine starke Alternative: Als Absolvent der Militärakademie in West Point und Kampfpilot der US Air Force hatte er keinen gewöhnlichen Beruf. In seinem literarischen Debüt Jäger (The Hunters, 1957, revidiert 1997) kann man nachlesen, wie es ist, Einsätze im Koreakrieg zu fliegen. Nach Erscheinen des Buches gab er den Fliegerberuf auf.

Unlösbare Existenzspannung

In seinem Hauptwerk Lichtjahre (Light Years, 1975) beschäftigte sich Salter mit der Spannung zwischen Liebe und Erotik, zwischen der Dauer eines familiären Lebens und der Suche nach Ausbrüchen aus demselben. Der Ehebruch, das zentrale Thema so vieler amerikanischer Romane des 20. Jahrhunderts, ist auch für ihn Symptom einer nicht auflösbaren Spannung der Existenz als solcher.

Diese Spannung hat er unnachahmlich klar beschrieben, in einer Prosa, die sehr stark einem Gestus der Skelettierung verpflichtet war. Alles, was ist, ist am Ende nicht viel: spröde, aber punktgenaue Sätze.

Am Freitag ist James Salter wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag in Sag Harbor, New York, gestorben. "Life passes into pages", hat er einmal geschrieben. Das Leben bleibt auf Blättern. Er hat viele Blätter, die die Welt bedeuten, hinterlassen. (Bert Rebhandl, 21.6.2015)

  • James Salter schrieb über Liebe, Erotik und das Ausbrechen.
    foto: stan honda

    James Salter schrieb über Liebe, Erotik und das Ausbrechen.

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