Neubeginn mit dem erwachsenen Kind

21. Juni 2015, 17:00
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Wie Mut, Verletzlichkeit und Offenheit zum Geschenk werden

Ich bin eine geschiedene Frau von 52 Jahren, die 28 Jahre mit demselben Mann verheiratet war. Wir hatten eine schwierige Beziehung mit Gewalt durch Ehemann/Vater und auch gute Zeiten, in denen wir eine glückliche Familie waren.

Ich habe drei Kinder mit meinem Exmann, zwei Jungen und ein Mädchen, die heute alle erwachsen sind. Mein jüngster, 26-jähriger Sohn raucht schon seit vielen Jahren Haschisch. Er wurde bereits zweimal auf Entzug gesetzt, weil er nach Selbstmordversuchen ins Krankenhaus musste. Er hatte einige Gelegenheitsjobs, bekam auch eine Lehrstelle, die er allerdings nicht antrat. Er ist eigentlich ein wunderbarer Junge. Derzeit ist er ohne Arbeit, sitzt nur zu Hause und raucht. Wenn ich erwähne, dass er wieder zu arbeiten anfangen soll, wird er sehr verärgert. Es ist schrecklich, als Mutter zu beobachten, wie der eigene Sohn sein Leben zerstört, ohne etwas tun zu können. Manchmal rufe ich ihn an, um mich mit ihm zu treffen, ohne aufdringlich zu sein. Ich lade ihn gelegentlich zum Abendessen mit seinen Geschwistern ein. Außerhalb der Drogenszene hat er wenig Freunde.

Ich selbst arbeite Vollzeit und habe eine Wohnung ganz in der Nähe von ihm und den beiden anderen Geschwistern.

Mit dem Vater gibt es keinen Kontakt nach der Scheidung, weil er das nicht will. Ich war diejenige, die sich scheiden lassen wollte. Er hat wieder geheiratet und ist in eine andere Stadt gezogen. Haben Sie Ratschläge für mich, wie ich mit dieser Situation besser umgehen kann?

Antwort:

Sie beide sind sich bewusst, dass das Leben, das Ihr Sohn lebt, bei weitem nicht optimal ist und er auch zu viele Jahre von Cannabis beeinflusst ist, um die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Dass Sie unglücklich an der Seitenlinie stehen und nicht wirklich etwas tun können, ist sehr verständlich. Sie haben ja bereits alles getan, was eine Mutter in dieser Situation machen kann, leider ohne Erfolg.

Wenn ich die Beschreibung Ihres Lebens lese, so fallen mir zwei Worte dazu ein: einsam und selbstzerstörerisch. Ihr Sohn wuchs in einer Familie mit einem heftigen männlichen Vorbild auf, in der seine Mutter sich selbstzerstörerisch verhielt und er nicht in der Lage war, zu helfen oder seine Mutter zu schützen. Meine Vermutung ist, dass er entweder empfindlicher ist als seine Geschwister oder ähnlich wie Sie – oder vielleicht auch beides? Die gute Nachricht ist, dass Ihre Beziehung dies relativ unbeschadet überstanden hat – vor allem dank Ihres Respekts für ihn und gegenüber seinen Grenzen. Darin liegt eine große Hoffnung! Um aus dieser Hoffnung schöpfen zu können, müssen Sie zwei Dinge in diesem schwierigen Unterfangen beachten:

Zuallererst geben Sie Ihre Hoffnung und Ihren Ehrgeiz auf, ihm zu helfen, denn sonst wird es nie gelingen! Schauen Sie sich ihn genau an und nehmen Sie an, dass er ist, wer er ist, und lieben Sie ihn, wie er ist, auch wenn er möglicherweise nicht sein Verhalten ändert und Ihre Einstellung zum Leben teilt.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass dies für Sie möglich ist, können Sie den nächsten Schritt machen. Dieser erfordert Mut und macht Sie auch verletzlich. Am besten tun Sie das mit folgender Aufforderung: "Unser Leben als Familie hat nun für mich eine gewisse Distanz bekommen, die ich brauche, um es zu durchdenken, und das kann ich nicht alleine tun. Ich möchte dich bitten, mir zu helfen, und mir zuzuhören, während ich laut denke. Wirst du das für mich tun? " Diese Einladung wird er sicherlich annehmen. Er wird Ja sagen, weil er damit endlich die Gelegenheit hat, Ihnen zu helfen, und damit eine wertvolle Rolle in Ihrem Lebens spielen kann (statt eine Last zu sein).

Ich würde vorschlagen, dass Sie sich auf eine Reihe von Gesprächen in den nächsten zwei bis drei Monaten verständigen. Es kann durchaus sein, dass er sich über seine Erziehung und seine Erfahrungen unterhalten möchte. Das ist völlig in Ordnung. Erinnern und reflektieren Sie gemeinsam.

Auf diese Weise werden Sie zum ersten Mal eine Unterhaltung erleben, in der beide ihren Bedürfnissen den notwendigen Raum geben.

Die beiden Grundthemen – Selbstzerstörung und Einsamkeit – sind es, die Sie gemeinsam haben, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Darin liegt die Hoffnung, nämlich dass Ihr Prozess ihn für sein Leben begeistert. Anstelle von Beratung, Ermahnungen und moralischer Überlegenheit ist er zum ersten Mal ein Vorbild. Er kann nicht umhin, Sie zu inspirieren. Genau das, was Sie von ihm nicht kennen, wird Sie begeistern.

Wenn er durch die gemeinsamen Gespräche einen Blick auf sein Leben wirft, findet er möglicherweise Hinweise auf seine eigene Stärke, die ähnlich der Ihren ist, die Ihnen geholfen hat, Gewalt, Scheidung usw. zu bewältigen. Ein großer Teil Ihrer Kraft kam davon, dass Sie sich um Ihre Kinder kümmern mussten. Er hat nur sich selbst. Gleichzeitig ist es schwierig für ihn, Sinn im Leben zu finden und zu glauben, dass er das Recht auf ein besseres Leben hat.

Ich bin mir sicher, es ist Ihnen bewusst, dass Ihre Gefühle und Gedanken über Sie selbst und die damit verbundene Reflexion über Ihr Leben vor der Scheidung eine Inspiration für ihn sein werden.

Als er noch ein Kind war, sind Ihre Versuche, ihn zu schützen, gescheitert – jetzt besteht die Möglichkeit der Suche nach einer neuen Gemeinschaft, die auf Offenheit, Mut und Verletzlichkeit beruht. Wenn es Ihnen gelingt, das "einzufangen", wird es sicherlich Ihr Leben bereichern, und so geben Sie Ihrem Sohn ein einzigartiges Geschenk, das ihm niemand sonst geben kann. (Jesper Juul, 21.6.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 5. Juli.

  • Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn kann neu aufblühen.
    foto: imago

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