Abgehoben: Angeleinte Ideen zum Fliegen

19. Juni 2015, 18:08
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Tomás Saracenos "Visionen mit Luft und Licht" ermöglichen etwa Null-Emissions-Flüge. Im 21er-Haus wirken seine von Aktivismus und Kooperation geprägten ökologischen Projekte jedoch schaumgebremst

Wien – Wie ein luftig-bunter Fleckerlteppich wölbt sich das Museo Aero Solar hoch über den Köpfen: eine luftige Blase aus lauter – auf diese Art recycelter – Plastiksackerln, in die man durch eine Schleuse hineinschlüpfen kann. Ja, sogar fliegen kann es. Aber: Sag nicht Ballon dazu! Denn der Argentinier Tomás Saraceno (geb. 1973) versteht die Leichtgewichte als Skulpturen – als aerosolare Skulpturen. Ihr relativ simples physikalisches Prinzip: Erwärmt die Sonne die Luft in der Hülle (Stichwort: Treibhauseffekt und Infrarotstrahlung), wächst ihr Volumen; so wird sie leichter als die Luft rundherum und steigt auf.

foto: belvedere, wien © studio tomás saraceno

2007, während der Sharjah Biennale begonnen, ist die Idee eines "fliegenden Museums" (ein Open-Source-Projekt des von Saraceno mitbegründeten Kollektivs Museo Aero Solar) schon viel herumgekommen. Und mit jeder der mehr als 21 Stationen (u. a. Mailand, Medellín, Rapperswil, Tirana, Ein Hawd, Minneapolis, Kairo) wurde das Objekt ein Stück größer.

Im 21er-Haus in Wien allerdings nicht, da rastet es. An den niedrigen Stellen des Raumes ähnelt es einem dicken, überdimensionalen Polster, das man in den lichten Raum hineingequetscht hat: ein freundlich-schönes, begehbares Environment. Geklebt wurde in bereits abgeschlossenen Wiener Workshops dennoch: Das neue Leichter-als-Luft-Vehikel soll sich am Sonntag beim Sommerfest in die Lüfte erheben.

Man könne seine Skulpturen zwar als Mahnmale für den Überkonsum und die Dekadenz unserer Zeit lesen, so Saraceno, der Architektur studierte und seine Projekte meistens in Kooperationen mit Universitäten entwickelt. Aber vielmehr wären sie Beispiele dafür, wie man es besser machen kann. Denn "nicht das Plastiksackerl ist schlecht, sondern die Art, wie wir es gebrauchen – die Kurzzeit-Gebrauchszyklen. Wir hauen es zu schnell weg!" , sagt der "Ökokünstler" (Hans-Ulrich Obrist). Er hofft, zu einem Paradigmenwechsel beizutragen. Immerhin würden seine Objekte bis zu 300 Stundenkilometer schnell fliegen, könnten bis zu drei Jahre in der Luft bleiben, und Luftbilder könne man mit einer am Ballon befestigten (mit Solarstrom betriebenen) Kamera ganz ohne CO2-Fußabdruck anfertigen.

In der Zukunft könne man "vielleicht auf eine andere Art fliegen", hofft Saraceno, der gerade ein Stipendium vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) erhalten hat, um zu klären, wie die Solarskulptur rund um die Welt fliegen kann. Und so nähert sich Saraceno mit dem Projekt der Solarsphere 1.0 seiner Vision fliegender Städte, den sogenannten Cloud Cities an.

the creators project
Tomas Saraceno über Cloud Cities und Solarballon-Reisen

Momentan sind bemannte Flüge allerdings noch keine so gute Idee: "Launisch" nennt man den "Solarballon" im Katalog, vergleicht ihn mit einer Wolke in der Atmosphäre. In den Texten zu Saracenos Arbeit findet sich mehr heiße Luft als in den Skulpturen selbst. Etwas aufgebläht klingt das "Einfangen und Kanalisieren der chaotischen Kräfte des Elementaren zu einem in luftiger Höhe schwebenden Gebilde" und "die Intensivierung dieser Kräfte in den Körpern dieser Umgebung".

Keine Ballons

Menschliche Körper also zum Umdenken anstoßen: Fraglich ist jedoch, ob sich dieser energetisch-kollektive Moment, gespeist vom Do-it-together, von Aktivismus und Interdisziplinarität auch im Museum erschließt. Dort wirken das Museo Aero Solar und kleine Variationen des Leichter-als-Luft-Prinzips (Flugdrachen, Helikites, Tensegrity-Objekte) aber erstarrt. Wir erinnern uns: Keine Ballons, sondern Skulpturen! Genau dieses Isolieren, erstickt die Lebendigkeit der Ideen. Denn auch konkret-kompakte Informationen zu den Funktionen der Objekte, zu deren Charakteristika, wie man sie in einem technischen Museum finden würde, fehlen hier ebenso wie im etwas diffusen Katalog. Trotzdem man unter Aufsicht und Anleitung die Objekte für angeleinte Flugversuche in den Park des Museums verbringen darf, wird man im 21er-Haus eher am Boden bleiben. Die sich jenseits der Gravitation entwickelnden alternativen Zukunftsvisionen von Saraceno und seinen Mitstreitern bleiben so ungreifbar wie eine Wolke. (Anne Katrin Feßler, 19.6.2015)

gaby pons
Museu Areo Solar – Projekt in Buenos Aires

Tomás Saraceno. Visionen mit Luft und Licht. Becoming Aerosolar.
24. 6. bis 30. 8., 21er Haus (Eröffnung beim Sommerfest am Sonntag, 21. 6.)

Weblinks


Round Table "Becoming Aerosolar – Atmospheres of the Collective"
20. 6., 15.00-17.00, Blickle Kino, 21er Haus (talks in english)

Mario Codognato (Chefkurator 21er-Haus) und Tomás Saraceno im Gespräch mit

  • Sanford Kwinter: Professor of Architectural Theory and Design, Universität für Angewandte Kunst, Wien
  • Nigel Clark: Professor, Lancaster Environment Centr
  • Sasha Engelmann: University of Oxford, U
  • Derek McCormack: Professor of Geography, University of Oxfor
  • Bronislaw Szerszynski: Senior Lecturer in Sociology, Lancaster University (recorded video message)
  • Jol Thomson: TU Braunschweig, DE
  • Helga Elsner Torres: Visual Artist, Per
  • Etienne Turpin: Director of anexact office, Jakarta (recorded video message)mit Interventionen von Studenten der TU Braunschweig.

Tomás Saracenos Projekt "Becoming Aerosolar" setzt sich mit den klimatischen und sozialen Krisen auseinander, die das Anthropozän des 21. Jahrhunderts bestimmen. Saraceno bezieht eine starke open-source Wissensgemeinschaft sowie Wissenschafter/Universitäten ein – einige davon sind Teil dieser Diskussionsrunde.

  • "Large Iridescent Planet" (2009)
    foto: tomás saraceno (walker art center)

    "Large Iridescent Planet" (2009)

  • "Becoming Aerosolar" (2015)
    foto: tomás saraceno

    "Becoming Aerosolar" (2015)

  • Künstler, Architekt, Aktivist, Visionär: Tomás Saraceno, geb. 1973 in Tucumán, Argentinien

    Künstler, Architekt, Aktivist, Visionär: Tomás Saraceno, geb. 1973 in Tucumán, Argentinien

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