Wenn nach Bush, Clinton und Bush Clinton gegen Bush kämpft

Analyse21. Juni 2015, 10:00
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Dynastischer US-Moment: Wenn Hillary Clinton gegen Jeb Bush um das Weiße Haus kämpft, ist es auch ein Duell zweier Clans

Die Matriarchin saß in der ersten Reihe. Zwar fehlten Vater und Bruder, die Präsidenten Nr. 41 und 43 der amerikanischen Chronik, aber Barbara Bush war nach Miami gekommen, um ihren Sohn Jeb ins Rennen ums Weiße Haus zu schicken. Die greise Chefin der Familie wollte den Eindruck verwischen, als hege sie Zweifel an der Kandidatur ihres Zweitältesten, als wollte sie ihm das alles ausreden. Einen Eindruck, an dem sie einst kräftig mitgewirkt hatte.

Von einem Fernsehmoderator vor zwei Jahren gefragt, was sie denn, nur mal angenommen, von Jebs Bewerbung halten würde, klang die Antwort wie ein verzweifeltes Händeringen. "Das ist ein großartiges Land. Es gibt viele großartige Familien, es kann ja nicht immer nur um vier gehen oder wie viele es sein mögen. Es gibt andere Leute, die sehr qualifiziert sind, und wir hatten schon genug Bushs." Peile Jeb das Oval Office an, warnte die weißhaarige Lady, bekomme er es "mit all unseren Feinden" zu tun, während er gerade mal "die Hälfte unserer Freunde" auf seiner Seite wisse.

Der einfache Mann gegen die Herrschergeschlechter

Dass etwas Uraristokratisches mitschwang in den Worten Barbara Bushs, haben genaue Beobachter sehr wohl notiert. Ginge es nach dem Ideal, dem Mythos der amerikanischen Republik, hätten angestammte Familien nämlich gar keine Chance. Das Ideal verkörpert keiner besser als Abraham Lincoln, der Autodidakt aus dem Mittleren Westen, der in einer Blockhütte zur Welt kam, sich das Lesen und Schreiben selber beibrachte und Anwalt wurde, der die Sklaverei abschaffte, die Union rettete und das Land vom Oval Office aus so prägte wie kein Präsident vor und wahrscheinlich auch keiner nach ihm.

Nach wie vor gehört es zu den Grundüberzeugungen, dass man das Land besser regieren kann, wenn man aus einfachen Verhältnissen kommt. Der Traum vom "Common Man" im Weißen Haus, ein Faktor für den Sieg Barack Obamas 2008, scheint politische Herrschergeschlechter von vornherein auf verlorenem Posten stehen zu lassen. Allein, die Realität ist weitaus komplizierter.

Downton Abbey für Republikaner

"Die Leute sagen, oh nein, wir mögen keine Dynastien. Dabei haben Dynastien über weite Strecken unser politisches Leben dominiert", sagt Ryan Lizza, Kolumnist des New Yorker. Ende des 18. Jahrhunderts wollten die Amerikaner auch deshalb unabhängig werden, weil sie die britische Monarchie mit ihren alten Zöpfen, ihren hierarchischen Strukturen ablehnten. Heute erfreut sich Downton Abbey, eine Serie über das Leben einer britischen Adelsfamilie, höchster Beliebtheit, und wenn einer der Londoner Royals in den USA einschwebt, ist die Berichterstattung ein Kniefall.

Familiäres Sendungsbewusstsein

"Kein Adelstitel darf durch die Vereinigten Staaten vergeben werden", steht in der Verfassung. Thomas Jefferson schrieb 1786, zehn Jahre nach Gründung der Vereinigten Staaten, an George Washington, eine Erbaristokratie "würde unsere Regierungsform von der besten in die schlechteste der Welt verwandeln". Jefferson, der Ländereien und 135 Sklaven von seinem Schwiegervater geerbt hatte, aber eben auch ein hochbegabtes Multitalent war, unterschied explizit zwischen einer Aristokratie der Fleißigen und Talentierten und einer Aristokratie, die allein auf Geld und dem Privileg der Geburt beruhte. Letztere, warnte er, würde der Gesellschaft die Luft zum Atmen abschneiden.

Im 19. Jahrhundert, doziert Matthew Dallek, Historiker an der George Washington University, habe das Experiment, aus einer Familie gleich zwei Präsidenten ins Oval Office zu delegieren, letztendlich als Fehlschlag gegolten. John Quincy Adams, der Sohn von John Adams, wurde wie sein Vater nicht wiedergewählt. Über William Henry Harrison lässt sich nicht viel sagen, da er nach 32 Tagen im Amt an den Folgen einer Lungenentzündung starb. Sein Enkel Benjamin Harrison enttäuschte alle Erwartungen. Prägende politische Ahnenreihen erlebten die USA erst im 20. Jahrhundert. Was Dallek, so paradox es klingen mag, mit dem Erstarken der Mittelschichten begründet. "Eine Mittelklasse, die spürte, dass sie mitreden konnte, hatte weniger Angst davor, dass es Dynastien gelingen würde, die Demokratie als Geisel zu nehmen."

Ein Senatssitz für den Clan

Franklin D. Roosevelt nahm Anleihen bei seinem Cousin Theodore, der versucht hatte, die Konzentration wirtschaftlicher Macht in wenigen Händen zu verhindern. Robert F. Kennedy, der ermordet wurde, bevor er eine Wahl gewinnen konnte, betonte nach den tödlichen Schüssen auf John F. Kennedy, er habe einen Bruder verloren, aber wichtiger sei, "was wir gemeinsam für dieses Land versucht haben". Familiäres Sendungsbewusstsein, meint Dallek.

Das gilt nicht nur fürs Weiße Haus, es gilt auch für den Kongress. Evan Bayh, Demokrat aus Indiana, holte 1998 einen Senatssitz, den sein Vater Birch zum ersten Mal 1962 gewonnen hatte, als Evan gerade mal sechs Jahre alt war. Jay Rockefeller IV, Urenkel eines Ölbarons, der mit Standard Oil ein Vermögen scheffelte und lange als reichster Mann der Neuen Welt galt, vertrat den Kohlestaat West Virginia dreißig Jahre lang im Senat zu Washington. Sein Onkel Winthrop zog ins Armenhaus Arkansas, wo er zweimal ins Gouverneursamt gewählt wurde. Ein anderer Onkel, Nelson, war Gouverneur des Bundesstaats New York. Unter den Rockefellers gab es sowohl Demokraten als auch Republikaner. Und den Grundsatz: Noblesse oblige. Der galt auch für die Kennedys, einen Clan, der wie kein anderer für das liberale, aufgeklärte Ambiente der Nordostküste steht.

Der entscheidende Unterschied

Hillary Clinton wiederum hält Dallek für die am besten vorbereitete Präsidentschaftskandidatin seit langem, eben wegen der Erfahrungen, die sie nie gesammelt hätte, hätte Ehemann Bill nicht an der Pennsylvania Avenue residiert. Der Name Clinton ist mit der (im Nachhinein kräftig verklärten) wirtschaftlichen Blütezeit der späten Neunzigerjahre verbunden, mit dem Namen Bush verbindet sich die Erinnerung an den Irakkrieg. Das ist der entscheidende Unterschied.

Hillary, belegen Umfragen, profitiert deshalb eher von ihrem Familienerbe, auch wenn ihre Kandidatur in den eigenen Reihen bislang mehr Müdigkeit erzeugt als Begeisterung. Jeb dagegen hat an seinem Familiennamen zu tragen wie an einer zentnerschweren Last. In einem ist man sich im Hauptstadtdorf Washington einig: Es dürfte beider geheimer Wunsch sein, im Finale gegeneinander anzutreten, nicht gegen einen eventuellen Senkrechtstarter, wie immer der heißen mag. Dann nämlich könnte keiner die Dynastiekarte – besser gesagt, die antidynastische Karte – gegen den anderen ausspielen.

"Wir sind doch keine Bananenrepublik"

Wieso politische Clans zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Rolle spielen wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Republik? Barbara Kellerman, Professorin an der Universität Harvard, begründet es mit der Macht der Dollarschecks. "Die Leute hassen es, jemandem Geld zu geben, von dem sie noch nie gehört haben. Lieber geben sie es Leuten, die man kennt, denn deren Gewinnchancen scheinen eindeutig besser zu sein."

Der Gedanke an ein Duell Clinton gegen Bush, so Kellerman, habe allerdings etwas, was zum Widerstand reize. Denn dass sich immer wieder dieselben Familien um die Präsidentschaft duellieren, sei fast grotesk. "Ich glaube, viele Amerikaner werden sich fragen: ‚Was zur Hölle ist los mit uns?‘ Wir sind doch keine Bananenrepublik, wir müssen das korrigieren." Auch Barbara Bush hat sich eingemischt in die Debatte. "Dynastie? Das ist doch nur eine Fernsehshow." (Frank Herrmann aus Washington, 21.6.2015)

  • Die Regierung ihres Mannes könnte nur zum Zwischenspiel im Duell zweier Clans werden: First Lady Michelle Obama mit ihren Vorgängerinnen Laura Bush, Hillary Clinton, Barbara Bush und Rosalynn Carter.
    foto: epa / ralph lauer

    Die Regierung ihres Mannes könnte nur zum Zwischenspiel im Duell zweier Clans werden: First Lady Michelle Obama mit ihren Vorgängerinnen Laura Bush, Hillary Clinton, Barbara Bush und Rosalynn Carter.

  • Bill Clinton mit Vorgänger George H. W. Bush im Jahr 1997...
    foto: reuters / gary cameron

    Bill Clinton mit Vorgänger George H. W. Bush im Jahr 1997...

  • ...und 2013.
    foto: ap

    ...und 2013.

  • "Es gibt andere Leute, die sehr qualifiziert sind, und wir hatten schon genug Bushs," sagte seine Mutter Barbara zu Jeb Bushs Ambitionen auf das Weiße Haus. Er will es trotzdem 2016 versuchen.
    foto: reuters / joshua lott

    "Es gibt andere Leute, die sehr qualifiziert sind, und wir hatten schon genug Bushs," sagte seine Mutter Barbara zu Jeb Bushs Ambitionen auf das Weiße Haus. Er will es trotzdem 2016 versuchen.

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