Bachmann-Preis in Klagenfurt: Der Österreich-Komplex

Essay20. Juni 2015, 12:00
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Bald beginnt wieder das jährliche Wettlesen. Grund genug, sich zu fragen, warum deutsche und österreichische Literatur wenig miteinander zu schaffen haben

"Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit. Zum Verkauf in Österreich bestimmt."
Aufdruck auf einer Packung Pfeifentabak

Ein befreundeter Kollege lebt in Ainring bei Freilassing, wenige Kilometer hinter der Grenze zu Salzburg. Er arbeitet seit Jahrzehnten in Österreich, sein Sohn geht in Salzburg in die Schule, er ist ein Intellektueller, der sehr bewusst Zeit und Gesellschaft reflektiert. Er beschäftigt sich intensiv mit der Weltpolitik, ist spezialisiert auf die Probleme der Dritten Welt und gilt als Afrika-Experte. Wir treffen uns oft, reden viel über Bücher und Autoren, er holt sich Buchtipps zur österreichischen Literatur. "Erklär mir dieses Land", sagt er mir und reist ratlos ab nach Bayern. Deutsche und Österreicher passen nicht zusammen. Sie denken anders, sie fühlen anders, ihr Temperament ist anders, und sie kommen aus anderen Traditionen, die in ihrem Dasein durchschlagen. Die Literatur ist ein Medium, das die Unterschiede sichtbar macht. Österreichische Kritiker bewegen sich unbeschwert durch die österreichische Literatur, so unbeschwert, wie es die deutschen Kollegen auch mit bestem Willen nicht schaffen. Ein Ernst und ein tiefsitzendes Bedürfnis, Tiefsinn und Bedeutung aus Texten herauszulesen, beschwert sie. Sie wirken souverän in ihrer Rhetorik, die nur mäßig zu kaschieren vermag, dass ihnen die Österreicher suspekt sind. Sie verstehen sie nicht, sie passen nicht in ihr Denken.

Die gestrengen Deutschen

Das lässt sich gut beobachten bei Veranstaltungen, die deutsche und österreichische Kritiker gemeinsam über Texte zu urteilen zwingen, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt beispielsweise. Vor Jahren trat Bodo Hell dort auf, der seit den Siebzigerjahren zum festen Bestandteil der österreichischen Literatur zählt. Den Sprung über die Grenze nach Deutschland hat er kaum geschafft. In Österreich verfügt er über einen guten Namen, in Deutschland gilt er als ein nahezu Unbekannter.

Wenn er in Österreich auftritt, schlägt er sein Publikum rasch in Bann. In Klagenfurt las er Prosa, über die österreichische Kritiker lachen konnten, die deutschen den Kopf schüttelten. Sie konnten und wollten mit dieser Art von Literatur nichts anfangen. Er galt ihnen als wild und ungezähmt. Sie sahen, dass er konventionelle literarische Modelle zerstörte und damit solche des Denkens, aber sie suchten angestrengt nach dem neuen System. Bodo Hell lag es fern, ein System gegen ein anderes auszutauschen. Er fiel mit Lust und rabiater Sprachgier über Sprachkonventionen her, schlug Kalauer daraus, alberte herum, er war mehr Jongleur als Professor. Das machte ihn in den Augen der gestrengen Deutschen zu einem suspekten Wesen, dem man nicht über den Weg trauen, schlimmer: das man nicht ernst nehmen wollte. Er spielte sich nicht als Theoretiker auf, dem die Sprache als derart edles Gut gilt, dass man nicht leichtfertig damit umgehen darf. Er beging ein Sakrileg, weil er Sprachspiel tatsächlich als etwas Heiteres mit offenem Ausgang auffasste. Es fällt schwer, aus einem Bodo-Hell-Text schlüssig eine Lehre zu ziehen, ihn auch nur auf einen klaren Begriff zu bringen. Kaum meint man, ihn gepackt zu haben, spricht er einem Hohn, weil er diesen Begriff im nächsten Augenblick kippt. Österreichische Schriftsteller haben sich abgefunden damit, dass es mit der Gültigkeit von Texten und der Wahrheit nicht weit her ist. Solche Kategorien befinden sich im Fluss, lassen sich nicht dingfest machen, also soll man wenigstens lachen darüber.

Ein anderes Beispiel: Ohne Andreas Okopenko ist die österreichische Literatur seit den 70er-Jahren schwer vorstellbar. Er war prägend für die Jüngeren, nimmt die Stellung eines kanonisierten Schriftstellers ein. Er kommt aus dem Umkreis der sprachkritischen Wiener Gruppe, wurde aber nach eigener Aussage von Oswald Wiener, Konrad Bayer und den anderen gemieden, weil er vom Erzählen nicht lassen wollte. Das machte ihn in deren Augen zu einer konservativen Figur. So blieb er ein angesehener Einzelgänger, der mit Büchern wie Lexikonroman oder Kindernazi österreichische Literaturgeschichte geschrieben hatte – österreichische, nicht deutschsprachige. Als er in den 90er-Jahren in Österreich mit einem bedeutenden Lyrikpreis ausgezeichnet wurde, musste man seinen Namen in der Literaturredaktion einer großen deutschen Tageszeitung dem zuständigen Redakteur buchstabieren.

"Meine Lehrerin sagt immer, dass ich ein Macho bin. Aber tief in meinem Innersten bin ich ein Gentleman."
Ein Schüler der vierten Klasse Hauptschule in einem Selbstporträt

2008 traf ich bei der Buchmesse in Frankfurt einen jungen Autor, dessen Debüt mich frappiert hatte. Er wurde in Erlenbach am Main geboren und lebt in Köln, doch den Roman, den ich zu lesen bekam, hätte ich einem österreichischen Autor zugetraut. Und dann also kam Gunther Geltinger, ein Autor, dem alle Dämme brechen. Eine Sprachflut ergießt sich über das Papier, weil hier einer nicht bereit ist, gezähmt und ordentlich über das Drama des Aufbruchs ins Leben zu schreiben. Die Sätze treten über die Ufer, mäandern sich durch ein Bewusstsein, das sich in höchstem Aufruhr befindet. Diese Prosa bedarf keiner langen Anlaufzeit. Sie prescht los, um die Hochgeschwindigkeit bis zum Ende durchzuhalten. Einzelne Sätze, einmal in Schwung gebracht, wollen an kein Ende kommen. Dieser Autor legt los mit dem Furor der Expressionisten, die ja ebenso dazu neigten, den ganzen Seelenmüll ungeschlacht aufs Papier zu kippen.

Das brachte nicht immer Literatur vom Feinsten hervor, aber man merkte ihnen an, dass es ihnen um etwas Wichtiges ging. Diese in Sprache gebrachte Wut ist heute ein Phänomen, das in Österreich zu Hause ist. Die Literatur wird nicht gleichsam mit einem streng gezogenen Seitenscheitel zur Bravheit erzogen. Der Deutsche Gunther Geltinger aber gesellt sich heimlich in die Gesellschaft der Österreicher. Und das ist kein Zufall. Er studierte in Wien, wo er mit einem anderen Lebens- und Sprachgefühl in Berührung kam. "Um den Roman schreiben zu können, musste ich nach Wien gehen", sagte er mir einmal bei einer Begegnung in Frankfurt.

Heftige Österreicher

Die so heftige österreichische Literatur liege ihm mehr als die gemäßigte deutsche. Und so hat er sich in seinem Prosadebüt auf einen Ton eingeschworen, der schon in seiner Lautstärke davon berichtet, dass es in dem Jugendlichen, der drauf und dran ist, sein Ich zu entdecken, höllisch brennt. Er entdeckt, dass er schwul ist, er setzt sich der prallen Erfahrung aus und stürzt sich Hals über Kopf in Abenteuer, die ihn zum radikalen Antibürger machen. Der Roman stilisiert das absturzgefährdete Leben, macht es zu etwas Heroischem.

Das alles wäre zu wenig, um über Gunther Geltinger als einen ernsthaften Literaten zu reden. Er kann nämlich mehr. Dieses rasende Menschenleben wird aufgefangen in der Reflexion. Geltingers Prosa hat das Denken nicht aufgegeben. Es geht nicht nur um einen jungen Mann mit der Neigung zur Selbstzerstörung: "Engel schneidet und schnipselt, kratzt und furcht, ritzt und schnitzt sich die versäumten Verheerungen seines Lebens tief ins makellose Menschenfleisch."

Der Erzähler beobachtet sich selbst bei der Arbeit, wie er aus einem Leben Literatur macht. Er ruft sich zur Rechenschaft, wenn er Erfahrungen aufschreibt und sie damit nicht nur festhält, sondern auch schon verändert. So beobachtet der Erzähler sich selbst beim Schreiben. Er redet in der Ich-Form von sich als dem Verfasser und schreibt vermöge Engels über sich selbst in der Vergangenheit.

In der "großen räumlichen und zeitlichen Distanz zwischen Engel und mir" ist Platz für Fremdheit. Erzählend von Engel (das Buchstabenmaterial des Namens findet sich im Autorennamen Geltinger), spürt er dessen "Anspannung und sein ängstlich-misstrauisches Lauern, dieses ununterbrochene Auf-der-Hut-Sein vor den Erinnerungen, der Wahrheit, der eigenen, unberechenbaren Geschichte, vor mir".

"Jeder hat ja so recht"
Aufschrift auf einem Haus in Reichenau an der Rax.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Grad der Aufklärung in einer Gesellschaft und der Sprache? Bestehen etwa unterirdische Kanäle, die die österreichische Literatur mit jener aus der früheren DDR verbindet? Die österreichische Literatur gilt als die kleine wilde Schwester der deutschen. Während sich die deutschen Erzähler auf eine moderate Mittellage einschworen, einen harmonisch ausgewogenen Sprachduktus, der alle Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens angemessen abschreitet, neigen die österreichischen dazu, über die Stränge zu schlagen.

Sie ordnen sich nicht gerne einer Geschichte unter, die erzählt werden soll, die Geschichte dient ihnen vielmehr dazu, auszuprobieren, wozu Wörter gut sind. Eine Geschichte stellt sich zwar ein, mühsam oft oder wie nebenbei, aber wichtiger ist jenen Österreichern, die aus der Sprache kommen, die Parallelgeschichte, die etwas mitteilt von der subversiven Kraft der Literatur, unser bodenständig alltagsgesättigtes Weltbild aus den Angeln zu heben. Das ist seit den Zeiten der Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger so, Peter Handke, Wolfgang Bauer, Elfriede Jelinek und Gert Jonke setzen diesen Weg fort, der bis zu Franzobel und Kathrin Röggla gangbar gehalten wird.

Etwas vergleichbar Sprachtobsüchtiges findet man in der deutschen Literatur kaum, gäbe es nicht die Literaten vom Schlage eines Reinhard Jirgl, Uwe Tellkamp, Hans Joachim Schädlich, Volker Braun, Kurt Neumann oder Kurt Drawert, die zu Zeiten der DDR, wenn sie damals schon schrieben, eine geduckte Existenz zu führen gezwungen waren.

Welche Kräfte also bringen die beiden Literaturen aus deutschsprachigen Randlagen in unmittelbare Nähe zueinander? Der Kampf gegen Autoritäten und repressive Altlasten findet in beiden Fällen in sprachlichen Regelverstößen seinen Ausdruck. Einmal richtet sich der Widerstand gegen einen plump agierenden sozialistischen Staat, das andere Mal hängt den Literaten die aus der Zeitgeschichte gesättigte autoritätsgläubige Mentalität der Österreicher nach.

Deutsche Literatur westlichen Gepräges stellt einen politischen Gegner direkt. Er wird benannt, über ihn wird gerichtet, er wird abgefertigt. Von ihm bleibt am Ende wenig übrig, wenn ein richtig kritisches deutsches Bewusstsein sich seiner angenommen hat. Österreichische Literatur und jene, die von Autoren mit DDR-Hintergrund geschrieben wird, greift Autoritäten indirekt an. Sie nimmt lieber den Umweg über Sprachkritik und Ironie. Die einen durften bei Strafandrohung den Staat nicht attackieren, die anderen wollten es nicht.

Die österreichische Literatur geht dem politischen Konflikt aus dem Weg. So unterschiedliche Temperamente wie Franzobel, Michael Scharang, Norbert Gstrein, Thomas Stangl, Peter Turrini oder Kathrin Röggla beschäftigen sich intensiv mit Zeitgeschichte und den politischen Verhältnissen, für einen realistischen Roman der klassischen Art sind sie aber nicht zu haben. Die gesellschaftliche Wirklichkeit zerbröselt ihnen unter den Fingern. Was macht man daraus? Einmal wird eine Kasperliade, eine Groteske, eine Farce draus. Einem anderen zerbricht das festgefügte Weltbild, und er bleibt hängen an Splittern und Fragmenten, die sich nie und nimmer zu einem Ganzen fügen lassen. Oder man besinnt sich auf das Sprachmaterial, das aus Gesprächen oder den Medien stammt und einem ästhetischen Radikalisierungsprozess unterworfen wird. Der Angriff auf das System ist weniger eine Frage der politischen Haltung als eine des ästhetischen Verfahrens.

Deutschsprachige Randlagen

Der große Roman des als Lyriker und Essayist wirkungsmächtigen Kurt Drawert zwingt retrospektiv die DDR in die Knie. Tief unter der Erde leben Menschen, die keine andere Welt kennen und es deshalb für gut empfinden. Dieses schreckliche Szenario der Abgeschlossenheit wird dadurch verschärft, dass es mit der Kaspar Hauser-Geschichte in Verbindung gebracht wird. Die Einzelheiten des historischen Falls stimmen mit der Überlieferung überein. Aber mit solch einer einfachen Geschichte findet sich Drawert nicht ab. Sein Wissen ist theoriegetränkt, und jene intellektuellen Diskurse, die Bewegung in die Denklandschaft der letzten Jahrzehnte gebracht haben, kommen in neuem Gewand wieder.

Adorno und Horkheimer, die philosophische Bestimmung des Ich, sprachtheoretische Reflexionen, das alles findet in diesem Buch seinen Niederschlag, aber auf die Verhältnisse eines dreckstarrenden, dumpfen Systems angewandt, das dem Einzelnen die Luft nimmt. Das ist ein Buch, so vielgestaltig, dass man an kein Ende kommt. Der Sprachfuror als Energiequelle treibt das Ganze mit ungeheurer Heftigkeit voran.

Meine Tochter feiert mit ein paar Freundinnen ihren Geburtstag im Restaurant des Salzburger Tiergartens. Mir fällt eine Glaswand auf, die hinter einem schweren Vorhang verborgen ist. Ich ziehe ihn etwas beiseite und bemerke ein Terrarium mit einer mächtigen Python auf einem Baum-Imitat. Im Vordergrund stelzt aufgeregt ein Hahn über einen Glasboden, er hat sichtbar Angst und findet nichts zu scharren, nichts zu fressen. Eine Tierwärterin schaut kurz vorbei. "Jedem Tier geht es aber auch nicht gut bei euch", sage ich ihr. "Ach, das ist ja nur Futter!", antwortet sie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Österreicher wie Deutsche Ordnung zu schaffen im Land. Das hat Folgen für die Literatur. Bei Heinrich Böll geht es überhaupt ausgesprochen ordentlich zu. Sein Roman Billard um halb zehn ist der Beleg, wie einer fanatisch eine rundum geregelte Welt schafft als Anker gegen die tosenden Wogen der Zeitläufte. Die Welt brennt, die Zukunft ist offen und unbeherrschbar, aber im Kleinen schafft sich einer ein Refugium, aus dem er nicht vertrieben werden kann. Das mutet mitunter recht kindisch an.

Die Fähmels sind eine Familie, die Großes leistet. Als Architekten planen sie Bedeutendes. Robert Fähmel funktioniert im Alltag wie ein Uhrwerk. Eine Stunde hält er sich im Büro auf, von halb zehn bis elf spielt er Billard. Jeden Tag das gleiche Ritual, Abweichung findet nicht statt. Er wirkt stets unnahbar, mit Menschen hat er nicht viel zu schaffen. Nicht einmal die kleinste Krankheit leistet er sich im Lauf der Jahre. So sieht die Welt im Jahr 1958 nach Heinrich Böll aus. Robert Fähmels Vater hat schon vorgearbeitet. In jungen Jahren betritt er ein Lokal und bestellt ein Frühstück: "Ein Kännchen Kaffee, aber mit drei Tassen Kaffee, bitte, Toast, zwei Scheiben Schwarzbrot, Butter, Orangenmarmelade, ein gekochtes Ei und Paprikakäse." Dann gibt es Anweisungen für die Zubereitung des Paprikakäses: "Fünfundvierzig Gramm Käse, mit einem Fingerhut voll Paprika gut durchgeknetet ..." Die Bestellung gilt für die nächsten Jahre, ach was, Jahrzehnte, immer um die gleiche Zeit, gegen neun. Und was macht eine Sekretärin, wenn sie des "präzisierten Ablaufs ihrer Arbeit überdrüssig" ist? Sie putzt ein Messingschild, "und sie liebte es, diese Putzminuten auf eine viertel, eine halbe Stunde auszudehnen." Sieht aus wie das Porträt einer paranoiden Gesellschaft.

Es lässt sich nicht behaupten, dass Paranoia in Österreich keine Heimstatt findet. Sie formt sich nur anders aus. Heimito von Doderer dürfen wir als die Kontrastfigur zu Heinrich Böll auffassen. Als nach dem Krieg die Schriftsteller wieder zum Wort fanden, bildete sich in der deutschen Literatur rasch der Konsens heraus, dass die Sprache korrumpiert sei und sich auf eine Sparsamkeit der Mittel besinnen sollte: kurze Sätze, wenig Adjektive, kein schmückendes Beiwerk, die Sprache als reiner Informationsträger, Illusionen dürften erst gar nicht aufkommen. Böll, Wolfgang Borchert, Wolfdietrich Schnurre, so hießen die Sendboten der Ernüchterung. Und in Österreich?

Wir hatten Doderer, der mit seinem Roman Die Strudlhofstiege derart prall Gesellschaftsinszenierung betrieb, dass sie die freiwillige deutsche Selbstkontrolle außer Kraft zu setzen schien. Als Grass 1960 mit der Blechtrommel das Erzählen auf eine neue Höhe führte und sich kein bisschen dafür schämte, übernahm in Österreich die Wiener Gruppe das Wort. Die Besinnung auf die Sprache wurde wichtig, das Erzählen war suspekt geworden.

Doderer holte mit seinem großen Roman das Wien vor dem Ersten Weltkrieg in Erinnerung. Ordnung bedeutete ihm alles. Er entwickelte seine Romane auf dem Reißbrett. Bevor er sich ans Schreiben machte, hatte er alle Verästelungen des Romans bereits ausgetüftelt. Die Struktur brauchte er nur noch mit Sätzen aufzufüllen. Die literarische Wirklichkeit war eine haargenau ausgedachte. Er ließ sich nicht führen von Figuren die möglicherweise ein Eigenleben entwickelt hätten, um den Verfasser auf eine Spur zu führen, die vorher nicht absehbar war.

Das Seltsame aber ist, dass Doderer dieses Übermaß an Kalkül anstellte, um dem Zerbrechen der politischen und gesellschaftlichen Ordnung ein Gesicht zu geben. Die Welt befindet sich in Auflösung, aber die Form des Romans ist ein sicherer Hort, in dem noch einmal zusammengehalten wird, was längst mit aller Kraft auseinanderdrängt. Aber so, wie Doderer die unterschiedlichen Milieus und verschiedene Generationen aufeinander treffen lässt, ist schon deutlich, dass von einer auf Einheit bedachten Gesellschaft keine Rede sein kann. Es ist nicht vorstellbar, dass Figuren über einen Ordnungstick schon definiert und festgeschrieben sind. Die Zerrissenen machen das Personal des totalen Romans aus. Der Amtsrat ein stiller Anarchist, der Offizier ein Denkrebell. Im Kern der Ordnung steckt bei Doderer immer schon der Sprengsatz, der diese Ordnung kaputtmacht. Die Ordnung erscheint bei Doderer als großer Bluff. Systeme politischer und gesellschaftlicher Art sind dazu da, ausgehebelt zu werden. Doderer'sche Figuren arbeiten tatkräftig daran. (AntonThuswaldner, Album, 20.6.2015)

Anton Thuswaldner, geb. 1956 in Lienz, ist österreichischer Literaturkritiker. Er ist seit 1983 Jurymitglied beim aspekte-Literaturpreis.

  • Hochrangige VertreterInnen der heftigen österreichischen Literatur: Peter Handke, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek, Andreas Okopenko, Ingeborg Bachmann.
    foto: apa/epa

    Hochrangige VertreterInnen der heftigen österreichischen Literatur: Peter Handke, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek, Andreas Okopenko, Ingeborg Bachmann.

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