"Am liebsten wäre uns, ihr würdet alle Alkohol trinken"

Interview24. Juni 2015, 05:30
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Die Gesellschaft spielt den Fundamentalisten in die Hand, sagt Islamwissenschafter Mouhanad Khorchide

STANDARD: Das Verhältnis zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft ist kompliziert: Es gibt ein starkes "Wir und Ihr", wenig Miteinander. Sehen Sie auch unter Muslimen eine Art Übersensibilität?

Khorchide: Das ist Ausdruck einer Identitätsunsicherheit auf beiden Seiten, vor allem bei Jungen. Ist man sich seiner Identität nicht so sicher, hat man Berührungsängste – das Gefühl, durch jede Berührung könnte ich meine eigene Identität verlieren. Das heißt: Man muss auch bei sich schauen, wo das Problem liegt. Man muss aber zugeben, dass wir ein Machtgefälle haben: Die Mehrheit schreibt vieles vor, sie führt Kopftuchdebatten und Minarettdiskussionen über die Köpfe der Muslime hinweg – und da entsteht das Bild, dass die Mehrheit den Muslimen Sachen wegnehmen will, die ihnen aber wichtig sind.

STANDARD: Wie lässt sich das lösen?

Khorchide: Es wäre wichtig, nicht nur an Muslime zu appellieren: Es ist eure Bringschuld, euch mit Österreich zu identifizieren. Es ist auch unsere Aufgabe zu vermitteln, dass wir euch anerkennen mit allem, was euch wichtig ist. Derzeit ist es so: Wir erkennen bestimmte Dinge an, die uns ähnlich sind, aber sobald ihr ein Kopftuch tragt oder eine Moschee wollt, ist es etwas anderes, und am liebsten wäre uns, ihr wärt alle blond und trinkt Alkohol. Im Grunde heißt das: Wir anerkennen nur uns selbst und wollen, dass ihr so werdet wie wir.

STANDARD: Ist es ein Problem, wenn sich junge Muslime nicht mit Österreich identifizieren? Auch einige nicht-muslimische Österreicher identifizieren sich nicht unbedingt gerne mit ihrem Land.

Khorchide: Ja, es ist ein Problem: Man sieht sich ständig in Opposition. Und dann kommen salafistische Prediger und sagen: Wir sind die besseren Muslime, Gott hat uns lieb und verflucht sind alle anderen, die sind böse und wollen euch nicht. Genau bei solchen Jugendlichen haben die Salafisten die besseren Karten – und wir als Mehrheitsgesellschaft geben ihnen diese Karten in die Hand. Denn wenn die Jugendlichen frustriert sind und sich nicht akzeptiert fühlen, identifizieren sie sich nicht mit dieser Gesellschaft und die Salafisten sagen, sie sollen das auch gar nicht.

STANDARD: Was ist die beste Fundamentalismusprävention?

Khorchide: Bildung und Anerkennung. Man sieht bei vielen Jugendlichen, die sich in fundamentalistische Milieus rekrutieren lassen, dass sie sich als soziale Verlierer sehen, dass sie, auch wenn sie gute Abschlüsse haben, keine Anerkennung finden. Und dann kommen die Salafisten und sagen: Wer sagt, dass du ein Verlierer bist? Eigentlich bist du der wahre Gewinner.

STANDARD: Wie schafft man gesellschaftliche Anerkennung?

Khorchide: Man braucht präventiv Räume dafür, wo Jugendliche das Gefühl haben, dass sie auch ohne gutes Zeugnis akzeptiert werden. Praktika zum Beispiel für Schulabbrecher, Jobs für die, die aus dem Bildungssystem gefallen sind. Und natürlich brauchen wir Moscheen, wo auf Deutsch auch für Jugendliche verständlich gepredigt wird. Denn fast alle Salafisten predigen in einer deutschen Jugendsprache, deshalb kommen sie gut an.

STANDARD: Viel Kritik gab es am Islamgesetz. Mischt sich der Staat zu viel beim Islam in Österreich ein?

Khorchide: Ich fürchte mich weniger vor der Einmischung durch den religiös neutralen Staat als vorm Einfluss von Verbänden, die ihre je eigenen politischen Interessen durchsetzen wollen.

STANDARD: Meinen Sie Atib, den größten Moscheeverband?

Khorchide: Mir geht es nicht um Namen, sondern um Grundsätzliches: Ich bin dagegen, den Islam durch politische Machtinteressen zu missbrauchen, ihn zu verkirchlichen. Der Islam kennt keine Kirche.

STANDARD: Sie sagen, der Islam kennt keine Kirche. Aber der österreichische Staat braucht einen Ansprechpartner, er kann nicht mit 500.000 Muslimen einzeln verhandeln.

Khorchide: Ich verstehe, dass ein säkularer Staat Ansprechpartner braucht. Das könnte aber auch ein Expertenrat sein, eine Kommission aus Sunniten, Schiiten, Liberalen, Konservativen – Menschen mit theologischer Expertise. Oder ein Verband, der sich für die Anliegen der österreichischen Muslime insgesamt interessiert. Atib, Millî Görüş und VIKZ unterscheiden sich ja theologisch kaum voneinander, sie haben ja alle dieselbe Rechts- und Glaubensschule, es sind lauter türkische Verbände, wenngleich sie unterschiedliche politische Hintergründe in der Türkei haben. Wenn jetzt ein Muslim kommt und sagt, er möchte gerne Mitglied werden, wo soll er hingehen? Ich wünsche mir eine Institution, die für alle da ist.

STANDARD: Interessiert sich der Staat zu wenig für die nicht-türkischstämmigen Muslime? Die Glaubensgemeinschaft ist eher türkisch dominiert.

Khorchide: Ich würde eher sagen, der Staat ist pragmatisch. Er sagt: Ich will einen Ansprechpartner, mir ist egal, für wen er spricht und für wie viele. Und ob sie theologische Expertise haben oder nicht.

STANDARD: Das Islamgesetz soll verhindern, dass viel ausländisches Geld an heimische Moscheeverbände fließt. Wie stehen Sie dazu?

Khorchide: Das Gesetz erlaubt weiterhin den ausländischen Institutionen, in Österreich Stiftungen zu gründen. Es dreht also den Moscheen nicht den Geldhahn zu, sie stehen nicht von heute auf morgen ohne Imame da. Das Gesetz will nur transparent machen, woher das Geld kommt, was damit geschieht. Deshalb begrüße ich das. Und ich begrüße, dass das Gesetz den Muslimen Rechte gibt, von denen wir in Deutschland nur träumen können: Feiertage werden anerkannt, Seelsorge in Spitälern wird geregelt, der flächendeckende Religionsunterricht wird bestätigt.

STANDARD: Für Muslime gelten aber strengere Finanzierungsregeln als für andere Religionen.

Khorchide: Ich sehe es auch so, dass nicht alle gleichberechtigt behandelt werden. Aber ich verstehe die Befürchtung des Staates, dass salafistische Milieus aus Saudi-Arabien finanziert werden, dass wir in diesem Milieu mehr Gewalttendenzen sehen als etwa im russisch-orthodoxen, und dass er deshalb hier einen Schwerpunkt setzt. Aber warum beharren manche Muslime weiter auf die Finanzierung und somit den Einfluss aus dem Ausland?

STANDARD: Sollte der Staat härter vorgehen und die Auslandsfinanzierung gleich ganz untersagen?

Khorchide: Ich bin dagegen, dass man das von heute auf morgen zudreht. Was machen dann die Hunderten von Moscheen hier, die auf dieses Geld angewiesen sind? Sie haben ja keine Alternative: es gibt ja noch keine Imame, die hier an Universitäten ausgebildet wurden – die Ausbildung soll erst ab 2016 starten. Aber wir brauchen eine langfristige Planung: Wie können wir schrittweise ausländische Imame durch hier ausgebildete ersetzen? Das Problem mit der Auslandsfinanzierung ist ja, dass die Loyalitäten dem Ausland gelten. Wir streben aber einen Islam für Österreich an. (Maria Sterkl, 23.6.2015)

Mouhanad Khorchide (43) ist Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster. Der Wiener sorgte 2008 mit seiner Studie über das Demokratieverständnis islamischer Religionslehrer für Aufsehen.

  • "Die Mehrheit schreibt vieles vor, sie führt Kopftuchdebatten und Minarettdiskussionen über die Köpfe der Muslime hinweg": Islampädagoge Khorchide.
    foto: standard/corn

    "Die Mehrheit schreibt vieles vor, sie führt Kopftuchdebatten und Minarettdiskussionen über die Köpfe der Muslime hinweg": Islampädagoge Khorchide.

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