Betrugsprozess: Vier Jahre Warten auf einen klaren Freispruch

20. Juni 2015, 09:00
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Ein Paar soll gegen Provision faule Kredite vermittelt haben. Die Anklage aber mehr als dünn

Merima P. muss die dümmste Betrügerin der Welt sein. Allerdings nur, wenn man der Staatsanwaltschaft Wien glaubt. Die 46-Jährige soll als Angestellte eines Tochterunternehmens der Deutschen Bank mittels gefälschter Unterlagen faule Kredite vermittelt und dafür Provision kassiert haben. Und gleichzeitig Vorgesetzte schriftlich darauf aufmerksam gemacht haben, wie man solche Betrügereien erkennen und verhindern kann.

Vier Jahre lang haben Polizei und Anklagebehörde gegen P., ihren Ehemann und eine weitere Angestellte des Kreditinstituts ermittelt. Was der Schöffensenat unter Vorsitz von Petra Schindler-Pecoraro zu hören bekommt, lässt einen grübeln, was in diesen vier Jahren eigentlich passiert ist. Die Verteidiger Arthur Machac, Susanne Gebler und Christian Werner grübeln nicht, sie sind empört.

Die beiden weiblichen Bankangestellten sollen zwischen November 2010 und Juni 2011 mehreren Personen 177.500 Euro zugeschanzt haben. Personen, denen sonst keine Bank mehr Geld borgen wollte. Zum Teil sollen diese von P.s mitangeklagtem Ehemann vermittelt worden sein.

Das Paar bekennt sich "nicht schuldig". Der Mann sagt, er habe seine Kreditvermittlung in Wien schon längst geschlossen gehabt – was ein unbeteiligter, aber benachbarter Zeuge bestätigt.

Die Frau beteuert, alles nach bestem Wissen und Gewissen geprüft zu haben – aber sie habe nicht immer die Möglichkeiten gehabt, die Angaben der Antragssteller gegenzuchecken. Genau deshalb hat sie mehrmals Vorschläge gemacht, welche zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen man einziehen sollte.

Der Auftritt der Zeugen gerät zum Desaster für die Staatsanwaltschaft: Einige verwickeln sich in Widersprüche. Einer spricht offensichtlich kein Deutsch, wurde aber bei der Polizei ohne Dolmetscher vernommen und erzählt nun eine völlig andere Version.

Interessant sind die Aussagen weiterer Angestellter. Welche Angaben man in dem "Scoring-basierten vollautomatischen Kreditentscheidungssystem" eingeben muss, um sicher eine Zusage zu erhalten, wisse nur die IT-Abteilung. Und: Jeder Antrag werde in der Zentrale nochmals geprüft.

Einzig ein Vertreter des mittleren Managements belastet P. und ihre Kollegin: Die Zahlen hätten plötzlich eine massive Risikoerhöhung gezeigt. Konkrete Beweise kann er nicht nennen, wichtige Daten hat man den Ermittlern nicht weitergegeben. Was Verteidiger Machac auch wundert: Das Institut hat keinen Anwalt beauftragt, das Geld zurückzufordern.

Der Senat spricht das Ehepaar rechtskräftig frei. Das Verfahren gegen die dritte Angeklagte wird vertagt. (Michael Möseneder, 19.6.2015)

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