Keimfahndung vor Gelenksoperation senkt Infektionsrisiko

19. Juni 2015, 14:53
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Deutsche Experten: Vor Implantierung von Endprothesen sollte Erreger-Screening zum Standard gehören – Hautkeime potenziell gefährlich

Künstliche Gelenke werden immer langlebiger. Die Zahl erneuter Operationen, infolge von Verschleiß oder Lockerung der Gelenksprothese, konnte in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert werden. Bei einem Prozent der Patient kommt es allerdings zu Infektionen durch die Endoprothese. Ein genaues Keimscreening vor der Operation kann das vermeiden helfen, so deutsche Experten.

Problematische Infektionen

In Hamburg läuft derzeit eine Tagung ("Experts meet Experts – Prävention Periprothetischer Infektionen") der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE). Insgesamt sind die Endoprothesen – speziell für den Ersatz kaputter Hüft- oder Kniegelenke – eine große Erfolgsgeschichte für die von Arthrose Betroffenen geworden. "Künstliche Gelenke halten heute lange, Hüftgelenke beispielsweise bei etwa 85 Prozent der Patienten länger als 15 Jahre. Einzig die Infektionsrate konnte bisher nur minimal gesenkt werden", hieß es bei einer Pressekonferenz.

"Infektionen stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen – insbesondere vermehrte Antibiotikaresistenzen erschweren die Behandlung", sagte Heiko Reichel, Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik in Ulm. Die Ärzte verfolgen hier eine neue Strategie. "Wir müssen die Haut und den Körper des Patienten umfassend auf dort befindliche Erreger untersuchen, und das schon vor einem Eingriff", erläutert Reichel, Präsident der deutschen Endoprothetik-Fachgesellschaft.

Erreger bekämpfen

Ein Screening auf Erreger ermögliche es, diese vor der Operation zu bekämpfen und mit Antibiotika einer Infektion gezielt vorzubeugen. Diese Untersuchung und die eventuell nachfolgende Behandlung sollten zum standardisierten Ablauf gehören. "Um das Infektionsrisiko weiter zu senken, forschen wir zudem an antibakteriellen und einheilungsfördernden Implantat-Oberflächen", sagte der Orthopäde.

Auslöser für solche Infektionen sind speziell Hautkeime. Allein auf einer Fingerkuppe befinden sich bis zu hundert verschiedene Bakterienarten. Dort schaden sie ihrem Wirt nicht. In einer Operationswunde entwickeln sich die gleichen Mikroorganismen jedoch zum Infektionsrisiko.

"Künstliche Gelenke verfügen über keine Abwehr gegen Bakterien, und damit können nur wenige davon eine Infektion auslösen, wenn sie an die Prothese gelangen", sagte Infektiologe Lars Frommelt. Da diese Besiedelung der Prothese bei der Implantation erfolgen kann, müssen Desinfektion und Antibiotikaprophylaxe ganz penibel erfolgen. Haben sich Bakterien auf einem künstlichen Gelenk angesiedelt, bilden sie einen Biofilm, mit dem sie sich gegen die körpereigene Abwehr und Antibiotika schützen.

Hygieneregeln beachten

"Die Haut wird trotz sorgfältiger Desinfektion nie völlig keimfrei sein, insbesondere, da bei einer Operation auch tiefere Hautschichten durchtrennt werden, in denen Desinfektionsmittel nicht wirksam sind. Von dort können Erreger in die Tiefe des Operationsgebietes gelangen", sagte Reichel.

So sollte vor einer Operation sichergestellt werden, dass der Patient nicht unter Infektionen oder Entzündungen leidet und über eine ausreichend starke körpereigene Abwehr verfügt. Zum Ablauf vor dem Eingriff gehöre zwingend, dass Gelenksprothesen steril verpackt und vorbereitet sind. Im Operationsverlauf müsse das OP-Personal die Hygieneregeln der Klinik strikt einhalten. (APA, 19.6.2015)

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