Iranische Architektur: Tauwetter in der Wüste?

Interview21. Juni 2015, 09:00
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Das komplizierte Verhältnis zum Iran birgt auch Chancen für dortige Architekten. Wo die heutige iranische Architektur steht, erklärt der Architekt Faramarz Parsi

Im wechselnden Verhältnis zwischen den USA und dem Iran hat die Architektur vielfach Brücken geschlagen. Vor allem junge iranische Architekten sind auf der internationalen Bühne erfahren, viele studieren an Universitäten in Europa und den USA und kehren dann zurück. Erfolgreiche Büros ernten Anerkennung im Westen, wie der gerade 32-jährige Shahab Mirzaean auf der Biennale Venedig 2012 für sein "White Apartment" in Lavasan bei Teheran, ein Wohnhaus, das traditionelle Elemente mit moderner technischer Präzision verbindet. Die Rückbesinnung auf die reiche Baugeschichte aus über 15 Jahrhunderten beschäftigt die iranische Architektur immer wieder. So wurde dieses Jahr in Isfahan unter großem Aufwand der 1000 Jahre alte Imam-Khan-Platz, der völlig verschwunden war, rekonstruiert.

Im Gespräch erzählt der Architekt Faramarz Parsi, einer der besten Kenner der iranischen Bautradition, der vor kurzem zu einem Vortrag an der TU Wien geladen war, über das geheime Vokabular des iranischen Bauens.

STANDARD: Der Iran blickt auf eine lange Baugeschichte zurück. Wie geht man als Architekt damit um?

Parsi: In Qazvin, 120 Kilometer von Teheran entfernt, habe ich die älteste Straße im ganzen Iran restauriert. Ich habe genau analysiert, aus welcher Zeit welche Bauten stammten. Diese historischen Schichten wollte ich lesbar machen. Wir haben nur die störenden Einbauten entfernt. Die Bauten, die nicht mehr erhalten waren, habe ich im Bodenbelag nachgezeichnet. Wie bei der Kapelle neben dem Stephansdom bei Ihnen in Wien.

STANDARD: Auch in Isfahan wurde ein alter Platz komplett rekonstruiert, ähnlich wie das umstrittene Stadtschloss in Berlin. Sind solche Rekonstruktionen legitim?

Parsi: Das Problem in Isfahan ist: Niemand kennt die richtige Form und Lage des rund tausend Jahre alten Platzes. Das meiste davon ist heute in der Erde begraben.Wenn man nicht genau weiß, wie das Original aussah, darf man es nicht wiederherstellen. Sonst wird der Bau ein Fake. In Isfahan hat man diesen Fehler gemacht. Einige berühmte iranische Architekten haben das kritisiert.

STANDARD: Sieht es bei den Neubauten besser aus?

Parsi: Nicht unbedingt. In iranischen Großstädten schießen überall mehrgeschoßige Investorenprojekte mit pseudohistorischen Fassaden empor. Diese Bauten werden für die Neureichen errichtet. Die gibt es überall in der Welt. In Teheran gibt es sehr laxe Bauvorschriften zu Fassaden, deshalb sieht man oft Bauten, hinter denen kein Gedanke steckt. Viele iranischen Architekten schauen zu sehr nach Europa, zu Hadid und Libeskind, und imitieren deren Bauten, aber nicht besonders gut. Oder sie wollen an die iranische Tradition anknüpfen, aber kennen die richtige Sprache nicht.

STANDARD: Hat die Architektur im Iran eine besondere Sprache?

Parsi: Absolut. Viele Architekten haben versucht, sich dem Geheimnis der historischen Architekten über Philosophie und Religion anzunähern. Aber wir können die ursprünglichen Intentionen hinter den Bauten damit nicht verstehen. Also habe ich versucht, einen anderen Zugang zu finden. Seit 20 Jahren forsche ich daran.

STANDARD: Sie haben also das Geheimnis gefunden?

Parsi: Ich suche nicht nach dem Geheimnis, sondern nach den Details und wie man sie zu einer Struktur anordnen kann. Mit dieser Sprache kann man komplexe genauso wie einfache Sätze ausdrücken. Alle historischen Bauten haben dieses Vokabular. Erst die moderne Architektur, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schah-Ära aufkam, hat eine andere Sprache ins Land gebracht.

STANDARD: Was wäre zum Beispiel ein Begriff in diesem Vokabular?

Parsi: Ich zeige Ihnen ein Beispiel! (Zeichnet eine eingeschriebene Kreuzform auf die Serviette.) Diese Form heißt "Vier Iwans", ein Hof mit vier Seitenhallen. Sie taucht überall im Iran auf, unabhängig vom Klima. In der Wüste von Yazd gibt es Windtürme, in den Bergen von Täbris Räume, in denen man sich im Winter südseitig in der Sonne aufwärmen kann. Das Raumprinzip ist dasselbe. Die Sprache ist sehr einfach, aber man kann etwas Komplexes daraus entstehen lassen. Wenn ein Poet ein Gedicht komponiert und dabei die Sprache interpretiert, dann lieben wir seine dichterische Freiheit. Man kann aber erst mit dem Vokabular spielen, wenn man es verstanden hat.

STANDARD: Versuchen Sie, dieses Vokabular wieder in eine neue Architektur zu übersetzen?

Parsi: Ja. Manchmal habe ich Kunden, die ein traditionelles Haus wollen, dann benutze ich das Vokabular sozusagen in einem Verhältnis eins zu eins, ganz ohne persönlichen Einfluss von mir. Oder sie wollen einen modernen Bau. Dann übersetze ich das Vokabular auf meine Weise. Zum Beispiel ein Wettbewerb für ein Kulturzentrum im Norden des Irans: Dort habe ich das Vier-Iwan-Prinzip für einen modernen Bau benutzt. Und den 1. Platz gewonnen!

STANDARD: Verstehen auch Nichtarchitekten diese Sprache?

Parsi: Gute Frage. Früher war das so. Damals konnten Architekten und Laien besser kommunizieren.

STANDARD: Inwiefern beeinflussen Klima und Landschaft die Sprache der Architektur?

Parsi: Weniger, als man denken könnte, auch wenn die Regeln der Natur die Sprache der Architektur beeinflussen. Es gibt im Iran harsches Gebirgsklima, feuchtes, mediterranes und Wüstenklima. Aber die Sprache ist überall dieselbe. Durch das Klima hat die Sprache nur unterschiedliche Dialekte bekommen.

STANDARD: Welcher klimatische Dialekt ist Ihnen am liebsten?

Parsi: Die Wüste! Die Natur hat mich schon immer stark beeinflusst. Ich habe schon mehrmals die Wüste Dasht-e-Lut durchwandert. Meine Inspiration dazu kam übrigens von einem Österreicher: dem Wüstenwanderer Alfons Gabriel, der in den 1920er-Jahren ausführliche Beschreibungen der iranischen Wüste verfasst hat. Er hat mich dazu gebracht, durch die Wüste zu gehen.

STANDARD: Ein Blick in die Zukunft: Wohin geht die Reise der iranischen Architektur? Welchen Einfluss hat das politische Tauwetter?

Parsi: Ich bin kein Hellseher, aber die iranische Bevölkerung entwickelt sich, und das Land entwickelt sich. Es gibt viele junge Architekten, die jetzt ihre Laufbahn beginnen und voller Ideen sind. Wenn wir in der Zukunft eine gute Wirtschaft haben, wird die Architektur sich noch verbessern. Das hoffe ich. (21.6.2015)

Faramarz Parsi, Architekt und Publizist, führt seit 1993 sein Büro Emarat-e-Khorshid in Teheran und ist seit 2011 Professor an der dortigen Azad-Universität.

Aus dem Iranischen von Hosna Pourhashemi.

  • Der Iran blickt nach vorn: Die Skyline von Teheran mit dem Anfang 2015 eröffneten windschnittigen Vozara Tower von Architekt Mirzaean.
    foto: led architects

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  • Der Iran blickt zurück: Faramarz Parsi beurteilt den 2015 rekonstruierten ...
    foto: privat

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  • ... Imam-Khan-Platz in Isfahan kritisch.
    foto: maik novotny

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