Drei Frauen im Krieg – und in Hitlers Badewanne

Rezension21. Juni 2015, 09:00
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Lesend in die Lee-Miller-Schau in der Wiener Albertina: Weltkriegsreportagen und Fotografien von Lee Miller, Margaret Bourke-White und Martha Gellhorn

Man ist auf Seite 1. Und hat bereits gelesen von: Skoda-Spähwagen, einem Truppentransporter mit zerschossenen Gleisketten, einem Mercedes-Transporter, Feldgeschützen, Maschinengewehren und manövrierunfähigen Panzern, die die Deutschen mit Frauenkleidung vollgestopft haben sollen, mit Hakenkreuzen an den Seiten. Von Piloten, die sich alle mindestens ein Eisernes Kreuz erobert hatten.

Einer aber hat sie alle übertrumpft – er hatte sieben EKs erbeutet. Und dazu setzte die Reporterin noch ans Ende des dritten Absatzes einen martialischen O-Ton: "Die faschistischen Piloten sind nur auf Eiserne Kreuze aus, aber wir verhelfen ihnen zu Kreuzen aus Holz." Wer hier berichtete von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, war ein Oberstleutnant – der eine Frau war. Ihr Name: Margaret Bourke-White.

Liebhaberinnen des Adrenalins

Und sie wie auch zwei andere Kriegsreporterinnen des Zweiten Weltkriegs, Abenteurerinnen und Liebhaberinnen des Adrenalins, stellt Die Amerikanerin in Hitlers Badewanne vor. Elf Reportagen Margaret Bourke-Whites (1904-1971) enthält dieser Band, vier von Lee Miller (1907-1977) und sieben von Martha Gellhorn (1908-1998). Dazu einige Dutzend bannender Schwarz-Weiß-Fotografien.

Schön, wie die teils doppelseitigen Fotografien zu den einzelnen, lebendigen, hochspannend zu lesenden Texten gesetzt sind und miteinander korrespondieren. Und wie buchstäblich zu sehen ist, welche Höhen die Kriegsfotografie erreicht hatte, mit welchen modernistisch-zeitgenössischen perspektivischen Erhöhungen, Verzerrungen, vor allem mit welcher Menschlichkeit und Aufgewecktheit, mit welcher Neugier und mit welch großer Empathie Bourke-White mit ihrer großen Kamera hantierte und was für eine große, eindringliche Fotografin Lee Miller war.

Desaster-Girl

Es scheint andererseits der Fluch der "nur" schreibenden Martha Gellhorn zu sein, dass die einen in ihr nur die brillante und mutige Kriegsreporterin sahen, das "Desaster-Girl", das für ihre Texte vom Collier's-Magazin fürstliche Honorare erhielt, welche ihr ermöglichten, monatelang zu recherchieren und unterwegs zu sein.

Andere nahmen dagegen ausschließlich die einfühlsame Autorin von fünf Romanen, vierzehn Novellen und zwei Bänden mit Kurzgeschichten wahr, die in ihrer melancholischen Tonlage und der Schilderung von Liebesunglück, Liebesverheerung und Liebesunfähigkeit so gar nicht zur energischen Journalistin passen wollten.

Editorisch ist dieses Lesebuch allerdings Forrest-Gump-Philologie. Eine Überraschungspackung. Man weiß nicht so recht, was einem vorgesetzt ist. Gegen Ende weicht die Überraschung mittelschwerem Verdruss über die Umetikettierungskünste des auch als Herausgeber aufscheinenden Verlegers Daniel Kampa – ist es doch eine rechte Mogelpackung.

Denn alle Texte Lee Millers sind dem 2013 erschienenen Band Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944/45 (Edition Tiamat) entnommen. Und die sieben Reportagen Martha Gellhorns konnte man 2012 bereits in ihrem Das Gesicht des Krieges (Dörlemann-Verlag) lesen. Lediglich bei Bourke-White sind drei Arbeiten neu übersetzt worden, die einer 1995 vorgelegten, noch immer imposanten Anthologie der Library of America entstammen, die die besten amerikanischen Kriegsreportagen 1941 bis 1945 enthält.

Fliegende Festungen

Drei weitere wurden übernommen aus einem 1979 gedruckten Fotoband; und Fliegende Festungen haben die beiden Herausgeber aus Bourke-Whites 1964 auf Deutsch erschienenen Autobiografie herausgeschnitten. Und obendrauf drei feuilletonistische Zeitungsporträts jüngerer deutscher Journalistinnen und Journalisten gepackt.

Der als "Nachwort" apostrophierte lange Essay der in Zürich und New York lehrenden Anglistin Elisabeth Bronfen besticht mehr durch akademischen Jargon und rhetorisches Wortgeklingel denn durch eine klare Präsentation oder sachliche Information. Nicht selten wenig überzeugende, dafür viele Querverweise in die Kunst-, Kultur- und Modegeschichte ersetzen eine Einbettung in die Zeithistorie und in die Biografien der drei.

Vor allem: Es war eben nicht so, wie Bronfen mythisiert, dass die drei Reporterinnen all jenes sensitiver, klüger und "more sophisticated" wahrnahmen, was ihren männlichen Kollegen angeblich alles entging. Aber dafür entschädigt die so frisch gebliebene Prosa Gellhorns, Millers und Bourke-Whites. (Alexander Kluy, Album, 20./21.6.2015)

Präsentation

Am 24. Juni um 18.30 Uhr stellt Elisabeth Bronfen den besprochenen Band in der Albertina, Albertinaplatz 1, vor. Eintritt frei.

  • Elisabeth Bronfen und Daniel Kampa (Hg.): "Eine Amerikanerin in Hitlers Badewanne. Drei Frauen berichten über den Krieg: Martha Gellhorn, Lee Miller, Margaret Bourke-White." Mit einem Nachwort von Elisabeth Bronfen. EUro 28,80/360 Seiten. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015
    foto: hoffmann und campe

    Elisabeth Bronfen und Daniel Kampa (Hg.): "Eine Amerikanerin in Hitlers Badewanne. Drei Frauen berichten über den Krieg: Martha Gellhorn, Lee Miller, Margaret Bourke-White."
    Mit einem Nachwort von Elisabeth Bronfen.
    EUro 28,80/360 Seiten. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015

  • Lee Miller dokumentiert 1945 die Zerstörungen am Wiener Opernhaus.
    foto: lee miller archives england 2015

    Lee Miller dokumentiert 1945 die Zerstörungen am Wiener Opernhaus.

  • Scheiterhaufen des Dritten Reichs. Lee Miller, fotografiert von ihrem Kollegen David E. Scherman, badend in Hitlers Privatresidenz am Münchner Prinzregentenplatz.
    foto: lee miller archives england 2015

    Scheiterhaufen des Dritten Reichs. Lee Miller, fotografiert von ihrem Kollegen David E. Scherman, badend in Hitlers Privatresidenz am Münchner Prinzregentenplatz.

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