Mit dem Vorschlaghammer zuschlagen, eine Freude!

22. Juni 2015, 05:30
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Der Verleger Lojze Wieser und die Kulturmanagerin Barbara Maier wohnen in Klagenfurt. Mit dem Umbau des Hauses wurde Geschichte angewandt

Der Verleger Lojze Wieser und die Kulturmanagerin Barbara Maier wohnen in Klagenfurt. Mit dem Umbau des Hauses wurde Geschichte angewandt, und es kamen Geschichten zutage. Wojciech Czaja hörte gespannt zu.

"Keine Ahnung, ob das ein Außenstehender nachvollziehen kann, aber für uns ist das Zentrum dieses Zimmers unsere Bücherreihe "Europa erlesen", die auf dem Holzgesims steht. Eigentlich müsste man sagen: Wir haben das Gesims für die Bücher gebaut, denn so war es wirklich. Unser Wohnen hat mit Literatur zu tun. Wir lieben zwar die reale Welt, in der wir leben, aber wir lieben auch die Welt der Prosa und Lyrik. Am Abend sitzen wir manchmal da und lesen einander Gedichte aus Slowenien, Czernowitz oder der Vojvodina vor. Es ist wie ein Eintauchen in eine Welt in der Welt.

foto: ferdinand neumüller
Lojze Wieser und Barbara Maier in ihrem Haus in Klagenfurt, das viele Anleihen am Alten nimmt. Das Zentrum des Zimmers sind für sie die Bücher auf dem Holzgesims. (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Was wäre die Welt ohne die vielen Geschichten? Eine der Geschichten zum Beispiel ist, dass wir die Holzvertäfelung an der Wand einem echt guten Klagenfurter Bierlokal nachempfunden haben. Wir haben das Ding ausgemessen und 1:1 in Lärchenholz nachbauen lassen. Vieles hier im Haus nimmt Anleihen am Alten. Die Wände im Wohnzimmer etwa haben wir mit Kalkfarbe und Kraski Teran, einem ganz dunklen Wein, ausgemalt. Das ist eine traditionelle Malmethode, die der Wand einen grau-nebeligen Schleier verleiht. Auch die lasierte Ockerfarbe im Esszimmer und die an die Wand gestempelte Bordüre sind nicht gerade Erfindungen des 21. Jahrhunderts.

Das Haus, in dem wir wohnen, hat rund 140 Quadratmeter und wurde 1952 errichtet. Wir kennen den Erbauer nicht. Wer weiß, vielleicht war er ein Handwerker aus Südtirol, den es eines Tages nach Klagenfurt/Celovec verschlagen und der hier mit Kupferkesseln zu handeln begonnen hat? Das würde gut zu diesem Haus passen. Wir werden es wohl nie erfahren. Wer auch immer der Vorbesitzer war ... sein Geist lebt in diesen Gemäuern weiter!

Gefunden haben wir das Haus über ein kleines, handgeschriebenes Zetterl, das am Zauntor hing: Haus zu verkaufen! Eigentlich haben wir uns in unserer alten Dreißigerjahre-Wohnung wohlgefühlt, nur das Grün ist uns sehr abgegangen. Der 680 Quadratmeter große Garten und die Seele dieses Hauses schließlich haben uns so sehr überzeugt, dass wir nicht anders konnten, als zuzuschlagen. Wegen des letztlich spontanen Hauskaufs haben wir sogar unseren Urlaub um ein paar Tage verschieben müssen. Unsere damals noch kleinen Kinder waren nicht gerade begeistert.

Eingezogen sind wir hier vor 14 Jahren. Im Großen und Ganzen entspricht das Haus dem Zustand, in dem wir es vorgefunden haben. Trotzdem steckt hier monatelange Feinarbeit und Instandsetzung drin. Das erste Mal mit dem zehn Kilo schweren Vorschlaghammer zuzuschlagen – das war schon eine ziemliche Befriedigung! Dann wird der Hausumbau zur Psycho- und Aggressionstherapie. Was für eine Freude!

Der Rest ging ohne Brachialgewalt und Lärm, dafür mit viel Feingespür für die feinen Dinge über die Bühne. Den Radiator in der Küche etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, haben wir gegen einen Holzofen ausgetauscht, mit dem wir im Winter heizen, aber auch kochen. Dann riecht es im ganzen Haus nach Essen. Ein herrlicher Geruch. Das ist der Duft unseres Wohlseins: mit Gästen sitzen, trinken, reden – und wenn geht, tarockieren!

Wir wohnen gerne hier. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Literarisch, kulturell und kulinarisch fühlen wir uns in vielen Regionen in Europa zu Hause. Eines Tages werden wir vielleicht in Istrien, Galizien, Basel oder Barcelona wohnen. Doch bis dahin steht uns noch einmal ein kleines Baustellen-Revival bevor. Im Juni werden wir erneut mit dem Vorschlaghammer zuschlagen und die Wand zwischen Wohn- und Arbeitszimmer einreißen. Panta rhei." (22.6.2015)

Lojze Wieser, geboren 1954 in Tschachoritsch in Kärnten, arbeitete im Buchhandel und leitete später eine Druckerei in Wien. 1981 übernahm er den Drava-Verlag in Kärnten. 1987 gründete er den Wieser-Verlag, der sich auf Literatur aus Slowenien und Osteuropa spezialisiert hat. Demnächst wird seine TV-Serie Der Geschmack Europas im ORF und auf 3sat wieder ausgestrahlt. Barbara Maier, geboren 1961 im Lavanttal, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Graz. Seit 1992 ist sie an der Universität Klagenfurt für Kulturarbeit und Wissenschaftskommunikation zuständig.

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