"Strickend kann ich wenigstens nicht rauchen"

20. Juni 2015, 09:00
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Stricken als Protest und das unbändige Bedürfnis nach Zigaretten: Eine Lesereihe beschäftigt sich mit Feminismus

Beim Nachdenken über die ersten prägenden Erfahrungen mit Literatur flutet mich ein wütendes Bedürfnis nach Zigaretten, nach Rauch. Ich möchte ihn aus Ohren und Nüstern speien und in tiefen Zügen einsaugen. Von Winnetou (Karl May) ging es nahtlos über zu Der Steppenwolf (Hermann Hesse), Die Falschmünzer (André Gide) und Querelle (Jean Genet). Weit und breit keine Protagonistin. "Sie war ein SPÄTZÜNDER; sie war 28, als sie die Erste rauchte. (...) sie rauchte viele Zigaretten, wenn sie nicht einschlafen konnte; sie rauchte eine Zigarette, wenn sie wütend war ... Sie hatte Angst vor dem Angriff auf sich selbst", las Karin Struck im Herbst 1980 in Detmold in der damaligen BRD aus der Literaturzeitschrift Kaktus vor. Vermutlich ging's ihr so wie mir. In meinem Exemplar der 13. Auflage ihres Romans Klassenliebe sind exotische Namen angestrichen: Wallraff, Walser, Wolf. Ich glaube mich auch an Adorno zu erinnern, finde aber keine Unterstreichung. Daraufhin gebe ich in Google "feministische Literatur" ein. An erster Stelle spuckt die Suchmaschine den Wikipedia-Eintrag "Frauenliteratur" aus. Darin heißt es: Zum anderen wurde der Begriff im Kontext der "Neuen Frauenbewegung" in den 1960er- bis 80er-Jahren teilweise verengt auf feministisch-emanzipatorisch ausgerichtete Werke.

Bevor ich jetzt gleich wieder eine anzünde, ein kleiner Exkurs: Ein Paradeiser, der am 13. September 1968 auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes den Adorno-Schüler Hans-Jürgen Krahl traf, ging als Initialzündung der zweiten Welle der Frauenbewegung in die Medien ein. Nachdem nämlich die Filmemacherin Helke Sander das Konzept des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen dargelegt hatte – Punkt 3: Wir nehmen uns Zeit für die Vorbereitungsarbeiten und die Politisierung des Privatlebens -, hatten die Genossen im Gremium ohne weitere Diskussion zu anderen Themen übergehen wollen. Der Paradeiser kam dazwischen.

Einreichungen mit Distanzierung

Diese Exposition führt zu den Erfahrungen mit dem Thema "Literatur & Feminismus" bei der am Sonntag beginnenden Sommerlesereihe. Die Menge der Bewerbungen übertraf alle bisherigen Themen, und alle eingereichten Texte handelten in irgendeiner Weise von Frauen. Einige AutorInnen waren aber offenbar nicht ganz sicher, ob das den Ausschreibungskriterien genügt, denn sie verliehen im Begleitschreiben ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das mit dem Feminismus nicht so verbissen gemeint sei, denn Militanz liege ihnen fern. Es schien, als würden sie in ihrer Begeisterung über eine bezahlte Lesung sogar die Kröte "Feminismus" schlucken, wenn sie zugleich auf Distanz gehen können.

Zeit für eine Zigarette. Rauch. Einsaugen. Ausspeien. Wut. Für den Autor der Ästhetischen Theorie, den Philosophen Theodor W. Adorno, war die Affirmation, worunter man, stark vereinfacht, die Anpassung an Bestehendes verstehen kann, vorrangiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Kitsch und Kunst. Die Leute wollen Krimis oder Schnulzen lesen, also werden sie produziert. Diese Art von "Lesefutter" unterscheidet sich nicht von anderen kommerziellen Gütern. Salopp formuliert: Die Verhältnisse können entweder trivial verkitscht oder kunstvoll kritisiert werden. Ausgerechnet Adorno zum Fürsprecher feministischer Kritik als Merkmal avancierter (Frauen-)Literatur herbeizuschreiben entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Die Danksagung für seine Frau Margarete Karplus alias Gretel Adorno im Vorwort zur Neuausgabe der Dialektik der Aufklärung ist legendär: "... hat uns Gretel Adorno (...) im schönsten Sinn geholfen" räumten Adorno und Horkheimer 1969 ein. Diesen Satz habe ich in meiner Ausgabe natürlich auch unterstrichen.

Das Private ist politisch

Wie also könnte Feminismus in der Literatur verortet sein? In gewisser Weise war Karin Strucks Roman Klassenliebe eine fast ebenso gewagte Kombination wie die Schrift Sexualität und Wahrheit des Philosophen Michel Foucault. Wie Sexualität vor Foucault nur im Hinblick auf Moral und Gesundheit abgehandelt worden war, nicht aber auf Erkenntnis, so waren Klassenschranken in der Belletristik entweder das zu überwindende Hindernis auf dem Weg zum Happy End oder die Darstellung trostloser Ausbeutungsverhältnisse zur Vorbereitung der Revolution. Struck erzählte von der Liebe und reflektierte ihre Erscheinungsformen in einer Klassengesellschaft. Sie literarisierte eine These der Neuen Frauenbewegung: Das Private ist politisch.

Das brachte ihrer Erzählweise die Kategorisierung "Neue Subjektivität" ein, aber auch die Apostrophierung als "mitteilungswütiges feministisches Fräuleinwunder" (taz). Zwischen dem "Fräuleinwunder" und der "Zotenkönigin" der "Feuchtgebiete des Feminismus" (Stern) Charlotte Roche liegt eine Generation von 35 Jahren und der Literaturnobelpreis an eine Schriftstellerin, die das notgedrungene Scheitern an einer weiblichen Sprache des Obszönen zum Thema gemacht hat. Der Lust wird im gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek die Sprache bis auf die Haut der Machtverhältnisse abgezogen.

Parodie der Verhältnisse schon feministisch?

Kurz davor hatte Eva Heller mit Beim nächsten Mann wird alles anders die Groteske weiblicher Partnersuche satirisch auf die Spitze getrieben und damit die Frage aufkommen lassen, ob auch die Parodie der Verhältnisse als Kritik und damit als feministisch durchgehen kann. Leider wurde das Buch von Hera Lind gelesen, die sich nach ihren eigenen Worten "Das kann ich auch" dachte und eine Welle fantasieloser Seichtigkeit lostrat, die bis heute nicht abgeebbt ist. "Frech, spritzig, verführerisch" (Bücherwerbung) wird alles wiedergekäut, was Frauen so tun können: morden und managen, lieben und lästern, streiten und stricken. Und das ganz und gar unpolitisch. Christian Grey und Jean Paulhan lassen grüßen. Die Gespielinnen A(nastacia) und O fügen sich bereitwillig ihrer Zurichtung und werden nicht von zwiespältigen Gedanken angekränkelt wie etwa Anna in Marlen Haushofers Novelle Wir töten Stella: "Mein Hirn wusste, wer Richard war, aber mein elender geschwächter Körper sog gierig die Wärme und das Behagen ein, das von ihm ausströmte."

Wer braucht da Guerrilla Knitting?

Der erste, der obszön mit "off the scene", außerhalb der Bühne, übersetzte, war der Sexualforscher Havelock Ellis. "Das Obszöne ist das Unheilvolle, das Grauenvolle, das wir nicht sehen dürfen oder nicht ertragen können, um dessen Existenz wir aber genau wissen ..." Und jenes Existierende, aber Tabuisierte oder Verleugnete aus dem Off vor die Kulissen zu holen ist der eigentlich obszöne Vorgang. Genitalien, Anomalien, Fäkalien. Zur Zeit des historischen Paradeisers genügte schon Strickzeug. Als die Gründerinnen der Aktion Unabhängiger Frauen im Wiener Kaffeehaus strickend politisierten, wurden sie aus dem Lokal vergrault. Eine von ihnen, Ruth Aspöck, hat unter dem Titel (S)Trickspiel 30 Jahre später eine essayistische Würdigung dieser Tätigkeit herausgebracht. Was ist ein Anschlag, was ist eine Verstrickung? Was ist obszön? Was darf auf die Bühne, was muss hinter den Kulissen bleiben? Kinderstühle gehören heute als Form der Barrierefreiheit in den Kaffeehäusern zur Grundausstattung, und gestrickt werden darf vermutlich genauso wie geküsst. Sogar von Frauen untereinander. Wer braucht da Guerrilla Knitting? Vielleicht ich, denn strickend kann ich wenigstens nicht rauchen.

"Frauenzeitschriften-Aufschrei-Befreiungsprosa"

Raucht Gertraud Klemm eigentlich? "Ein Stück Wutliteratur – sehr gut gemacht", befand die Schweizer Literaturwissenschafterin Hildegard Keller, als Klemm 2014, noch vor Erscheinen des Romans Aberland, einen Ausschnitt beim Bachmann-Wettbewerb vortrug. Den Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen hingegen erinnerte es – zuerst, wie er wohl einräumte – an "Frauenzeitschriften-Aufschrei-Befreiungsprosa". Die Kontroverse verlief aber nicht sauber zwischen den Geschlechtern. Eine Rezensentin befand diese Einschätzung den Frauenzeitschriften gegenüber als ungerecht, in denen die Hausfrau und Mutter seit gut 30 Jahren nicht mehr vorkomme, sondern durch die Hochleistungskarrierefrau ersetzt worden sei. Ist es vielleicht gerade das, was diese unerbittliche Wut auslöst? Dass das Sujet der überforderten Mutter unter den Tisch fällt? In meiner literarischen Sozialisation kam es nicht vor. Deshalb habe ich Gertraud Klemm wie auch Ruth Aspöck und weitere Autorinnen mit ihren Texten ins Café Prückel eingeladen.

In den RaucherInnenbereich. ( Christa Nebenführ, Album, 20.6.2015)

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Programm Lesereise Podium

Zur Person:

Christa Nebenführ lebt als Autorin in Wien und leitet seit 2003 die Sommerlesereihe des Literaturkreises Podium. In der heurigen Lesereihe dreht sich zwischen 21.6. und 28.7. alles um Literatur und Feminismus

  • Was ist ein Anschlag, was ist eine Verstrickung? Was ist obszön? Ruth Aspöck wird ihren Text "(S)Trickspiel" vorstellen.
    foto: apa/epa/arno burgi

    Was ist ein Anschlag, was ist eine Verstrickung? Was ist obszön? Ruth Aspöck wird ihren Text "(S)Trickspiel" vorstellen.

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