Mers: Keine Angst, aber Respekt

21. Juni 2015, 11:22
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Das Mers-Virus grassiert vor allem in Südkorea. Das Ansteckungsrisiko hierzulande oder auf Reisen halten Experten für gering

Der wöchentliche Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO vom 15. Mai klang noch beruhigend: "Die Fälle von Mers, die kürzlich in andere Länder verschleppt wurden, resultierten nicht in einer anhaltenden Weiterverbreitung", schrieben die Experten. Die Infektion mit dem neuartigen Virus Mers-CoV, was 2012 bei Leuten mit grippeähnlichen Symptomen auf der arabischen Halbinsel entdeckt wurde, breitete sich nicht so rapide aus wie befürchtet.

Doch die WHO wog sich in falscher Sicherheit: Am 20. Mai wurde bekannt, dass sich ein 68-jähriger Mann aus Südkorea bei einer Reise in den mittleren Osten angesteckt hatte. Kurze Zeit später waren mehr als hundert Koreaner erkrankt, neun von ihnen starben. Auch in China wurde ein Fall diagnostiziert. Ist das Mers-Virus doch ähnlich ansteckend wie das Sars-Virus, das 2003 die Welt in Angst und Schrecken versetzte?

Mangelnde Hygiene

"Der Ausbruch in Südkorea ist auf ein Versagen des Gesundheitssystems zurückzuführen" sagt Alimuddin Zumla vom University College in London, der seit Jahren über Mers forscht. In der "New York Times" berichten Leser von ihren Erlebnissen in koreanischen Spitälern.

"Im Schnitt schliefen zwölf Leute in einem Zimmer und mussten sich ein Bad teilen", schreibt einer, und eine andere: "Ich habe nie gesehen, dass ein Bad geputzt wurde oder dass die Pflegenden die Hülle über dem Fieberthermometer zwischen zwei Patienten wechselten."

Ein Untersuchungsteam der WHO und des koreanischen Gesundheitsministeriums fand schließlich heraus, dass zu viele Patienten auf Notaufnahmen und Stationen die Ausbreitung von Mers begünstigt hatten. Ebenfalls geholfen hat das "Ärzte-Shopping", eine koreanische Gepflogenheit, sich bei mehreren Ärzten eine Meinung einzuholen. So konnten erkrankte, aber noch nicht diagnostizierte Personen, Mers verbreiten.

Eine weitere Rolle spielt die koreanische Kultur: Familie und Freunde verbringen oft viel Zeit mit Patienten im Spital, was die Ausbreitung begünstigt. "Die Kliniken waren nicht vorbereitet", sagt Zumla. Dabei gebe es, sobald der Verdacht vorliegt, klare internationale Anweisungen, was zu tun ist: Der Patient muss isoliert werden, und medizinisches Personal und Besucher müssen Schutzkleidung, Handschuhe und Masken tragen.

Symptome einer Grippe

Mers äußert sich nach einer Inkubationszeit von ein bis zwei Wochen wie eine akute Grippe. Bei manchen entzündet sich die Lunge mit lebensbedrohlicher Atemnot, oder die Nieren hören auf zu arbeiten. Von den bisher 1.354 Erkrankten starben 520.

"Mers-CoV scheint aber nicht so infektiös zu sein wie das mit ihm verwandte Sars-Virus", sagt Rainer Weber, Chef-Infektiologe an der Uniklinik Zürich. "Wir gehen davon aus, dass es nur beim engen, direkten Körperkontakt übertragen wird oder wenn man Kontakt mit Nasensekret, Blut, Stuhl oder Urin hatte und sich nicht die Hände wäscht." Eine spezifische Therapie oder eine Impfung gibt es bisher nicht, Ärzte können nur die Symptome lindern.

"Ich habe keine Angst vor Mers, aber großen Respekt", sagt Andreas Widmer, leitender Infektiologe an der Uniklinik in Basel. Widmer hält das Infektionsrisiko in unseren Breiten für gering. "Problematisch könnte es aber werden, wenn sich jemand im Ausland ansteckt, nach Europa zurückkehrt und seine Symptome nicht erkannt werden. Reise-Rückkehrer mit Grippebeschwerden sollten ihren Arzt bitten, auf Mers zu testen."

Meist Primärinfektionen

Gemäß dem European Centre for Disease Control (ECDC) wurden seit September 2012 in Europa 15 Fälle dokumentiert. Alle hatten sich auf der Arabischen Halbinsel angesteckt oder direkten Kontakt gehabt mit jemandem, der sich dort infiziert hatte.

Nur in Frankreich und Grossbritannien kam es zu Sekundär-Infektionen, das heisst dass sich jemand bei einem Reise-Rückkehrer angesteckt hatte und selbst nicht in ein Risikoland gereist war. "Europäische Länder sind sehr gut vorbereitet", versichert Mike Catchpole, Chef-Wissenschaftler beim ECDC. Medizinisches Personal müsse aber aufmerksam sein und jeden Patienten mit Grippesymptomen fragen, ob er gereist ist oder Kontakt zu Reisenden hatte.

Vorsichtsmaßnahmen treffen

Von Reisen auf die arabische Halbinsel raten weder das ECDC noch die WHO ab. "Um das Risiko zu minimieren, sollte man aber einige Vorsichtsmaß nahmen treffen", sagt Catchpole, "nämlich sich regelmäßig die Hände waschen, kein halbrohes Fleisch und keine unpasteurisierte Milch konsumieren und Kontakt mit Tieren vermeiden, vor allem mit Dromedaren."

Es gibt nämlich immer mehr Hinweise, dass das Mers-Virus von Dromedaren stammt. "Reisepläne brauchen nicht geändert zu werden", bestätigt Infektiologe Weber. Patienten mit geschwächtem Immunsystem oder Diabetes, mit chronischen Nieren- oder Lungenerkrankungen sollten aber besonders vorsichtig sein, so der Experte: Denn bei ihnen verlaufe die Infektion häufig schwerer.

"Das Risiko einer globalen Ausbreitung bleibt", sagt Zumla. "Gelangt das Virus weiter in Länder mit schlechtem Gesundheitssystem, die nicht in der Lage sind, das Virus zu diagnostizieren, könnte es zu einer Epidemie kommen." Große Sorgen bereitet Experten der am 18. Juni begonnene Ramadan, wenn eine Million Pilger aus mehr als 182 Ländern nach Mekka reisen werden. (Felicitas Witte, 21.6.2015)

  • Mitte Juni wurde das Mers-Virus erstmals auch in Thailand registriert.
    foto: apa/epa/narong sangnak

    Mitte Juni wurde das Mers-Virus erstmals auch in Thailand registriert.

  • Das Middle East respiratory syndrome-Coronavirus (Mers-CoV) unter dem Elektronenmikroskop
    foto: wikipedia/gemeinfrei/cfcf/national institutes of health (nih)

    Das Middle East respiratory syndrome-Coronavirus (Mers-CoV) unter dem Elektronenmikroskop

  • Mers-CoV-Partikel (grün angefärbt) auf Epithelzellen eines Kamels
    foto: wikipedia/niaid/daniel mietchen/(CC-Lizenz)

    Mers-CoV-Partikel (grün angefärbt) auf Epithelzellen eines Kamels

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