Ode an den Spargel. Ein Schwanenabgesang

19. Juni 2015, 16:58
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Von Julya Rabinowich

Die Spargelendzeit dräut herauf. Man muss sich wappnen und stark sein. Alles hat nämlich ein Ende, nur die Wurst und der Spargel haben zwei. Das Wurstende ist Wurst. Das Spargelende ist eigentlich eine erschütternde Dreifaltigkeit: das zarte Köpfchen, der holzige Stiel und das Verschwinden aus den Regalen.

Dieses Ende kommt in seiner grauenvollen Bedeutung der endgültigen Endgültigkeit, quasi dem Letzten vom Letzten, fast an Ragnarök (nordische Götterdämmerung) heran. Der losgerissene letzte Marchfelder Solospargel – riesig, knackig und durchmessergewaltig – wird die Welt umschlingen, und diese wird in den Fluten der letzten sämigen Sauce hollandaise dem unausweichlichen Untergang klebrig entgegensinken.

Gnadenlos vorübergezogen ist ab sofort die Zeit der Risottos, der Spargelerdbeersüppchen, der Heurigen in strammer Begleitung, der edel gekrönten Spaghettihaufen, der zartrosa Filets mit grüner und weißer Pracht. Und die Eingeweihten, die Aficionados, die sich gegenseitig bei häufigen Toilettenbesuchen an dem Geruch ihres Urins augenzwinkernd erkannt haben, werden wieder verloren und einsam durch die spargellose Gegend ziehen.

Brennnesseln treiben zwar auch, aber wer Spargel ernsthaft mit Brennnesseln vergleicht, vergleicht auch einen Lada mit einem Rolls-Royce. Überhaupt ist die bessere Hälfte des Sommers so betrachtet eine einzige Schweinerei! Wie kann das sein, dass phallisch anmutende Freudenbringer schon Mitte Juni wieder vorbei sind! Der Spargel: weg. Die Kastanien: ein Trauerspiel. Was für die einen ein Himmel voller Geigen, ist nämlich für die anderen im Wonnemonat Mai ein Kastanienbaum voller roter und weißer Blütenpimmel! Was bleibt, ist nur der Schatten einer sentimentalen Erinnerung, garniert mit dem Nachhall jener Lieder von Veronika und dem wachsenden geliebten Gemüse sowie dem Versprechen, dass im Prater nun wieder die Bäume blühen. Was auch bleibt: ein trauriges Kastanien-Paradoxon. Gut behangen, aber dennoch kastriert.

Irgendwie. (Julya Rabinowich, 19.6.2015)

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