Schriftsteller Eugen Ruge: "Es lohnt sich, dableiben zu lernen"

Interview21. Juni 2015, 09:00
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Der deutsche Autor über seine Erfahrungen des schnellen Reisens, sein Unbehagen, wenn der Westen andere Länder belehrt, und sein Bedürfnis nach einer Pause

STANDARD: In Ihrem neuen Buch mit Beobachtungen von Reisen gibt es diesen Moment in der Moskauer U-Bahn – Sie empfinden eine Art Stolz auf deren Errungenschaft. Ist das nicht merkwürdig, nach allem, was Sie durch den Kommunismus mitgemacht haben?

Eugen Ruge: Kennen Sie diese Geschichte von dem Weltraumkugelschreiber, den die Amerikaner entwickelt haben? Das hat ein paar Millionen Dollar gekostet, und Martin Walser konnte dann im Liegen damit schreiben. Die Russen haben dasselbe Problem auch gelöst: mit einem Bleistift. Es ist eine seltsame Verbundenheit mit dem Land, die ich noch empfinde. Gleichzeitig ist da eine große Abstoßung, aber gewisse Wurzeln lassen sich nicht leugnen.

STANDARD: In Ihrem 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" erfahren wir viel von diesen Wurzeln, aber vor allem von den Schmerzen, die damit verbunden waren. Ihr Vater war in sowjetischen Lagern, Sie lebten bis 1989 in der Unfreiheit der DDR.

Ruge: Natürlich hat der Sozialismus verspielt, aber es ist in der Weltordnung immer noch so, dass die westliche Weise, wie man lebt, produziert und konsumiert, nicht völlig für selbstverständlich genommen werden sollte.

STANDARD: In China stellen Sie fest, dass Amerika überall zu sein scheint. In Minneapolis aber fällt Ihnen auf: Amerika macht einen "angeschlagenen Eindruck".

Ruge: Das ist doch merkwürdig, dass das wirkliche Amerika plötzlich aussieht wie Mexiko? Aber ich möchte mein Buch nicht zu stark mit Bedeutung aufladen, das sind doch in erster Linie Beobachtungen, die ich für mich aufgeschrieben habe.

STANDARD: Sie beschreiben eine markante Erfahrung von Kulissenhaftigkeit auf Reisen. Ihr Vater kommt 1960 in die Volksrepublik China und bekommt von der Hungerkatastrophe im Land nichts mit.

Ruge: Er wurde hinters Licht geführt, obwohl er auf Anzeichen hätte sensibel sein müssen. Man sagt heute leicht: Damals musste jeder mitkriegen, dass die Juden ermordet wurden. Nach dieser Erfahrung meines Vaters ist man verunsichert. Zumal wir heute in einer Welt leben, in der viel hinter den Kulissen geschieht. Erklärungen der Politiker sind Fassaden, die zu durchschauen wir uns bemühen müssen.

STANDARD: Die Erfahrung Ihres Vaters gehört auch zu dieser Form des Reisens, von der Sie schreiben. Eingeladenes Reisen, mit viel Programm und wenig Möglichkeit, sich frei zu bewegen.

Ruge: Eine für mich völlig fremde Art zu reisen. Ein Reisen, das mit der langsamen Art, die ich in meinem Buch Cabo de Gata beschreibe, nichts gemein hat. In den ersten zwei, drei Jahren nach dem Buchpreis habe ich mit diesen wahnsinnig vielen Einladungen Erfahrungen gemacht, die auszuschlagen ich nicht in der Lage war. Nicht zuletzt mit diesem Hintergrund als ehemals Ostdeutscher, der plötzlich innerhalb von zwei Jahren 14 Länder bereist. Diese Beschleunigung war so intensiv, dass ich mich danach mit einer Veröffentlichung meiner eigentlich nicht für Publikum geschriebenen Beobachtungen einverstanden erklärt habe.

STANDARD: Ein interessanter Aspekt ist auch: Sie treffen auf viele Kulturdiplomaten, und oft versucht man, Sie politisch zu instrumentalisieren, für Regimekritik, für Dissidentensolidarität.

Ruge: Ich verstehe auch, warum das so ist. Wogegen ich mich nur sträube, ist der Vorsatz des Westens, Menschen in anderen Ländern politisch zu belehren. Wenn ich selber in China oder in Russland wäre, wäre ich wohl in dieser dissidenten Ecke. Aber das, was hier zu kritisieren ist an Nivellierung der europäischen Kultur, an Demokratiedefiziten durch Brüssel, was wir mit der Umwelt tun, die wir regelrecht auffressen – da könnte ich jetzt viel erzählen. Jemand aus einer Gesellschaft, die offensichtlich ihren Lebensstil nicht durchhalten kann, kann nicht irgendwo hinfahren und andere belehren.

STANDARD: Ein Beispiel dafür, wie die Kulturdiplomatie sich vordrängt: die deutsche Debatte um den Literaturpreisträger Mo Yan.

Ruge: Ich habe von ihm das Buch Frösche gelesen, darin geht es um die chinesische Geburtenpolitik. Ein Konflikt, den Mo Yan in aller Härte schildert. Kinder fressen während der Mao-Zeit Kohle vor Hunger. Wenn das nicht ein realistisches Bild ist! Aber Mo Yan tritt nicht nach vorn und sagt: Ich bin Regimegegner. Dafür gibt es vielleicht den Friedensnobelpreis. Aber den Literaturnobelpreis hat er verdient.

STANDARD: Kritisch äußern Sie sich über Ihre Kollegin Sofi Oksanen. Ihr werfen Sie Rassismus gegen die Russen vor.

Ruge: Ich beziehe mich auf ihr Buch Fegefeuer. Sie stellt die schreckliche Periode des Stalinismus in Estland als einen Nationalitätenkonflikt zwischen den bösen Russen und den Esten dar. Aber auch Russen waren massenweise Opfer der Repression, und es wird mit keinem Wort erwähnt, dass die Deutschen in Estland nicht nur Klaviere mit schönen Füßen hinterlassen haben.

STANDARD: Sie haben sich mehrfach zur Ukraine geäußert, im Sinne eines großen Verständnisses für die russische Perspektive.

Ruge: Fangen wir so an: Nach 1989 haben sich die Russen sehr weit auf den Westen zubewegt. Die westeuropäische Öffentlichkeit hat nie verstanden, was die Jelzin-Zeit bedeutet hat, als mit Gewalt ein neoliberaler Kapitalismus eingeführt wurde. Es herrschten Zustände, die man sich nicht vorstellen kann. Leute haben sich bereichert, zum Beispiel Chodorkowski mit seinen Verbindungen zur Jelzin-Mafia, während andere Leute, Intellektuelle und einfache Menschen, gehungert haben. Die historische Rolle Putins besteht darin, dass er ein Nachlassverwalter ist, der diesen sinkenden, für alle gefährlichen Kahn da herausmanövriert. Ich warne vor der Idee, dass man Russland vollständig plattmachen könnte.

STANDARD: Unterschlägt das nicht das berechtigte Bestreben der ukrainischen Zivilgesellschaft nach einem funktionierenden Staat, der nicht von Russland abhängig ist?

Ruge: Die Ukraine war immer schon gespalten in eine prorussische und eine proeuropäische Seite. Statt dass man das Land zu einer Brücke macht, hat man es tiefer gespalten. Die Menschen stellen sich vor, dass in der EU alle ihre Probleme gelöst wären. Aber das funktioniert nicht, da muss man nur nach Griechenland schauen. Ich kann diesen Wunsch sogar nachvollziehen, schließlich habe ich als Ostdeutscher auch immer nach Westen geblickt. Aber am Ende werden die holländischen Tomaten in die Ukraine exportiert werden, und die dortigen Bauern werden pleitegehen.

STANDARD: Das "Ende der Illusion", wie François Furet das Aufwachen aus dem Traum vom Kommunismus bezeichnet hat, ist bei Ihnen in sich gebrochen. Ganz aufgeben wollen Sie diese Idee nicht.

Ruge: Ich wusste, seit ich ein Kind war, dass das alles schrecklich und verbrecherisch war, und erst nach und nach habe ich verstanden, dass damit die Suche nach einer Alternative nicht erledigt ist. Der Kommunismus ist mehr als eine Erfindung von zwei bösen Deutschen. Es ist natürlich eine emanzipatorische Idee, und wenn man begreift, was der Kapitalismus im Augenblick treibt, dann kommt man auf die Idee, nach Alternativen zu suchen.

STANDARD: Was hat der Erfolg mit Ihrem Leben gemacht?

Ruge: Der erste Ruhm ist mir nicht zu Kopf gestiegen. Aber etwas Gehetztes hat sich eingestellt, ich bin ein bisschen zu sehr beschäftigt, und kämpfe um meine Schreibstunden. Ich bin aber entspannt und muss nicht über die Miete nachdenken. Das sind gute Voraussetzungen, um unabhängig von Markt und Meinung zu schreiben. Das habe ich vorher auch getan, nur hat es mich damals an den Rand der Existenz gebracht.

STANDARD: Am meisten erlebt man, wenn man am wenigsten erlebt, schreiben Sie. Eine Konsequenz aus den Reisen als Erfolgsautor?

Ruge: Das ist die Erfahrung des schnellen Reisens. Ich habe jetzt erst mal eine Pause nötig, und würde mir von mir selbst wünschen, dass ich eine Art des Reisens erlerne, die emotional tiefer geht. Es lohnt sich auch, dableiben zu lernen. (Bert Rebhandl, Album, 21.6.2015)

Eugen Ruge, geb. 1954 in Soswa, ehem. Sowjetunion, ist dt. Schriftsteller, Regisseur und Übersetzer. Gerade ist "Annäherung. Notizen aus 14 Ländern" (Rowohlt, 2015) erschienen.

  • Eugen Ruge, deutscher Schriftsteller mit russisch-ostdeutschen Wurzeln: Mit seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hat er 2011 den Deutschen Buchpreis gewonnen. Jetzt erschienen seine gesammelten Notizen aus den Reisen, die ihm dieser Preis beschert hat.
    foto: privat

    Eugen Ruge, deutscher Schriftsteller mit russisch-ostdeutschen Wurzeln: Mit seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hat er 2011 den Deutschen Buchpreis gewonnen. Jetzt erschienen seine gesammelten Notizen aus den Reisen, die ihm dieser Preis beschert hat.

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