Deutschbauer/Pobitzer: Geschichtsstunde mit Fleischlaberl

19. Juni 2015, 15:22
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Bevor das Erinnerungsjahr 1914 wieder vollends in Vergessenheit gerät, empfiehlt sich ein Besuch des punkigen "Habs-Burgerstand" in der Galerie Steinek

Was war noch einmal mit den Habsburgern, fragt man sich 2015. Müssen wir wirklich immer noch an der Monarchie kauen, so wie das der sogenannte Habs-Burger (bø:aga:) von Julius Deutschbauer und Klaus Pobitzer suggeriert?

Offenbar ja, schließlich hatte die Stadt Triest anlässlich von 100 Jahren Erster Weltkrieg eine Ausstellung initiiert, in der die nicht immer friktionsfreie, aber lange Geschichte von Wien und Triest reflektiert werden sollte. So kamen 2014 dann auch die Habsburger ins Spiel, die Klaus Pobitzer in guter alter Aktionistenmanier ganz buchstäblich verdauen wollte.

Während in Triest dementsprechend die Herstellung und der Verzehr des Habs-Burgers (Hühnerfleisch wurde in die Form eines Doppeladlers gebracht, durch den Fleischwolf gedreht und gebraten) im Zentrum standen, blies man das Ganze auf Initiative und unter Mithilfe von Julius Deutschbauer in Wien – an fünf Performanceabenden – zu einem ganzen Habs-Burgerstand auf.

Schließlich hat Deutschbauer mit seinem Widerstandl (2001) oder der Quatschbude (2011) bereits seine Erfahrungen mit partizipativen Projekten gemacht: Wurde 2001 etwa der Widerstand gegen Schwarz-Blau zelebriert, hat man sich anlässlich des Erinnerungsjahres 2014 an fünf Orten (u. a. Schönbrunn) mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs befasst.

Auf dem Programm standen dieses Frühjahr Konzerte, Performances, Filme, aber ebenso Lesungen, wie man nun in ihrem Prä-Resümee dieser Abende in der Wiener Galerie Steinek sieht. Dort haben sie sich in einer fast schon punkigen Weise der Annäherung an diesen Part österreichischer Geschichte versucht: Eine kleine Handbibliothek versammelt Stefan Zweigs Die Welt von Gestern, einen Sisi-Gedichtband von Brigitte Hamann, Freuds Das Ich und das Es oder auch Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne.

Pritschenwagenperformances

Man könnte also einiges rund um das Jahr 1914 erfahren, würde einem der Zugang zu dem zu erinnernden Wissen nicht etwas erschwert: Schließlich steht das Bücherregal inmitten eines trashigen Settings, das man offenbar direkt von der Straße (oder besser: vom Pritschenwagen, auf dem die Performances stattfanden) in die Galerie geschafft hat. Die gelben Lkw-Planen zieren ein schlaffer Doppeladler und immer wieder Selbstporträts der beiden Protagonisten.

Teil der Inszenierung sind außerdem Megafone und eine Nebelmaschine sowie eine Videodokumentation und Zettelwerk, auf dem unter anderem ein eigens geschriebener Rap für Kaiser Franz Joseph und den Freud'schen Versprecher steht. Den Rap würde man eigentlich ganz gerne live hören – in der Galerie sind diese Überbleibsel der Performances aber doch etwas sehr unbelebt.

Schmunzeln lässt dagegen einmal mehr ein Plakat, auf dem die beiden Protagonisten 3-D-Druck-Ausgaben des jeweils anderen in der Hand halten. Und außerdem wartet man in der Galerie mit einer Art Gemäldegalerie auf: Neben comichaften Zeichnungen aus der Hand von Klaus Pobitzer sieht man die beiden als Teletubbies sowie Fotoporträts, die man materialreich überarbeitet hat.

Im letzten Raum wird das insgesamt sehr satirisch-wüste Herangehen an die Historie dann doch wieder etwas slicker: Zu sehen ist dort Deutschbauers Bibliothekstisch aus gelbem Plexiglas, der mit Buchtiteln rund um das Habsburger-Thema bedruckt ist. Oliver Marcharts Das Ende des Josephinismus ist ebenso darunter wie Werke Bertha von Suttners oder Rudolf Burgers. Dieser fand aber angeblich nur wegen seines exzellent passenden Nachnamens Platz. (Christa Benzer, Album, 19.6.2015)

Galerie Steinek, Eschenbachgasse 4, 1010 Wien, bis 9.7.

  • Die Habsburger wie ein Fleischlaberl verdauen: Deutschbauer/Pobitzer in der Wiener Galerie Steinek.

    Die Habsburger wie ein Fleischlaberl verdauen: Deutschbauer/Pobitzer in der Wiener Galerie Steinek.

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