Ruhe an griechischen Bankomaten

19. Juni 2015, 10:53
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Regierung Tsipras wertet Einberufung eines Eurokrisengipfels am Montag als Erfolg und verspricht Lösung

Athen – Die Banken in Griechenland haben am Freitagmorgen normal geöffnet. In Athen gab es am Vormittag keine größeren Schlangen vor den Geldautomaten, trotz der nun denkbar gewordenen Einführung von Kapitalverkehrskontrollen. Firmen und private Kontoinhaber sollen nach Angaben griechischer Bankenvertreter seit Montag nochmals mehr als zwei Milliarden Euro abgezogen haben. Die Gesamteinlagen in den Banken des Landes dürften damit unter die Marke von 130 Milliarden Euro gesunken sein.

In einer in der Nacht auf Freitag verbreiteten Erklärung gratulierte sich die griechische Regierung zur Einberufung eines Krisengipfels der Staats- und Regierungschefs der Eurozone am Montag. "Wir haben abschließende Verhandlungen auf höchster politischer Ebene in Europa angestrebt und arbeiten nun für einen Erfolg dieses Gipfels. Jeder, der auf Krisen- und Schreckensszenarien setzt, wird enttäuscht sein", hieß es. Seit ihrem Regierungsantritt vor fünf Monaten hat die linksstehende Syriza für eine politische Einigung in der Schuldenfrage plädiert und versucht, technische Verhandlungen mit den Kreditgebern zu beschränken. Der Leitindex der Athener Börse, der Athex, stieg zunächst am Morgen mit Blick auf die immer noch mögliche Lösung des Finanzstreits am Montag in Brüssel, begann dann aber eine Auf-und-ab-Fahrt.

Großdemonstration für den Euro

Am Donnerstagabend kamen erstmals mehrere tausend Griechen zu einer Pro-Euro-Demonstration auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament zusammen. Der Aufruf zur Demonstration war über die sozialen Medien unter dem Leitbegriff "mevroume Evropi" – Wir bleiben in Europa – verbreitet worden. Parteifahnen waren bei der Versammlung von vorwiegend berufstätigen Griechen nicht zu sehen – einige kamen offensichtlich aus den Büros in Anzug und Krawatte; doch die konservative frühere Regierungspartei Nea Dimokratia und die liberale Bürgerbewegung To Potami unterstützten die Demonstration und waren mit Abgeordneten vertreten. "Wir wollen den Euro behalten, deshalb sind wir hier", sagte ein Mann, "keine Partei hat uns gerufen."

Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou legte derweil einen Zwischenbericht ihrer international besetzten "Wahrheitskommission" über die Entstehung der griechischen Staatsschulden und die Folgen der Kreditvereinbarungen vor. Wie bereits bei der Einsetzung der Kommission im April angekündigt, gelangten die Berichterstatter zu der Auffassung, dass der Großteil von Griechenlands Schulden "illegal, illegitim, verwerflich und nicht abtragbar" sei. Das griechische Volk habe das Recht, zumindest die Aussetzung der Schuldenrückzahlung zu fordern, erklärte Konstantopoulou. (Markus Bernath aus Athen, 19.6.2015)

  • Von Bankenrun derzeit keine Spur in Athen.
    foto: reuters/alkis konstantinidis

    Von Bankenrun derzeit keine Spur in Athen.

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