Project Lightning: Twitter setzt künftig auf Live-Nachrichten

19. Juni 2015, 10:45
2 Postings

Redaktionsteam bietet Tweet-Auswahl zu aktuellen Ereignissen – Timeline soll in den Hintergrund rücken

Als Twitter 2006 an den Start ging, bestand das Erfolgsrezept des Dienstes im Wesentlichen aus zwei Elementen: Der Frage "Was tut sich?" und einem 140-Zeichen-Limit für ihre Beantwortung. Das simple Konzept hat die Plattform extrem erfolgreich gemacht. Sie beherbergt mittlerweile über 500 Millionen Nutzer und hat den Beinamen "die SMS des Internets" erhalten.

Doch was sich mehrheitlich auf Twitter abspielt, hat mit der ursprünglichen "Mission" wenig zu tun. Zwar lässt sich der Verlauf von wichtigen Ereignissen unter Unmengen an belanglosen Einträgen – von Essensbildern bis Trolling – durchaus nachverfolgen, doch muss man dafür zu Diensten von anderen Anbietern greifen, die sich durch das Tweet-Gewirr arbeiten. Ein Zustand, mit dem Twitter nun aufräumen will.

Timeline rückt in den Hintergrund

"Project Lightning" heißt das Konzept, mit dem das Social Network sich zu einer relevanten Nachrichtenzentrale machen möchte, berichtet Buzzfeed. Dabei, so verriet der vor kurzem abgetretene Twitter-Chef Dick Costolo, um eine grundlegende Neuausrichtung. Produktchef Kewin Weil erklärt, es werde ein "großer Wandel" und nicht bloß ein Evolutionsschritt.

Hält Twitter an seinen Plänen fest, wird die Timeline in ihrer jetzigen Form viel stärker in den Hintergrund rücken. Mit einem Knopfdruck in der mobilen App wird man auf einem Bildschirm landen, der eine Übersicht über alle gerade heiß diskutierten Events finden. Dabei handelt es sich sowohl um geplante Ereignisse wie die Finalspiele von Sportturnieren, aber auch plötzlichen "Breaking News" und laufende Entwicklungen, wie zum Beispiel ein schweres Erdbeben und seine Folgen.

Mehr Platz für relevante Inhalte

Rund um die Nachrichten, genannt "Lightning Events", soll ein "angereichertes" Erlebnis, sogenannte entstehen. Wer ein Ereignis anklickt soll eine visuell schön aufbereitete Ansicht ausgewählter Tweets zum Thema erhalten. Ein eigenes Redaktionsteam wird dafür da sein, diese Sammlungen zu erstellen.

Relevante Inhalte wie Fotos und Videos, die von Twitter, Periscope und Vine geladen werden, sollen das ganze Display füllen. Der Nutzer mit Wischbewegungen hin und her springen. Zur schnelleren Navigation durch den Verlauf steht am unteren Bildrand eine Zeitleiste zur Verfügung, mit der man auch direkt zu gerade neu eintreffenden Tweets schalten kann.

Wer mag, wird künftig auch Ereignissen folgen, also quasi "abonnieren" können. Dann landen ausgewählte Tweets zu neuen Entwicklungen auch in der Timeline, ohne dass man ihren Urhebern dafür folgen müsste. Ist das Ereignis vorbei, stoppt die Nachrichten-Belieferung.

Zugänglich für alle

Zum Mitverfolgen der Nachrichtenentwicklung wird ein Log-in nicht vorausgesetzt. Über das Aufrufen des eigenen Profils bleibt man ebenso am Ball wie über externe Seiten, die Nachrichtensammlung eingebettet haben.

Für Twitter gehört dies auch zur ausgegebenen Strategie, den Wert des eigenen Dienstes nicht nur über die Anzahl der Nutzer zu definieren. Es sei von größerer Bedeutung, so erklärte man schon in der Vergangenheit, dass möglichst viele Leute Tweets sähen. Mit Project Lightning soll Twitter mehr Menschen erreichen und damit auch gleichzeitig mehr neue Nutzer anziehen.

Redaktionsteam

Verantwortlich für das Management der Nachrichten ist Katie Jacobs Stanton. "Es gibt so viele Unterhaltungen zu Ereignissen wie den Oscars, die NBS Finals, Ferguson oder neuen Memes", erklärt sie, "doch obwohl wir den besten Content der Welt haben, ist es wie ein Fernseher ohne Programmführer oder einer Fernbedienung." Das wolle man ändern.

Ihr Team durchkämmt die Twitter-Sphäre mit automatischen Hilfsmitteln, die dabei helfen, Trends zu erfassen und eine Vorauswahl an interessanten Tweets liefern. Die letztliche Auswahl und Reihung wird aber manuell festgelegt. Dafür sollen redaktionelle Richtlinien erarbeitet werden, da Twitter damit sehr konkreten Einfluss darauf nimmt, was sichtbar ist und was versteckt bleibt. Man denkt auch darüber nach, verrät Costolo, das Tool zum Erstellen solcher kuratierter Events auch für andere zu öffnen.

Risiko

"Project Lightning" macht Schluss mit der Vorstellung, dass Twitter hauptsächlich ein Social Network sei, schätzt Wired das Vorhaben ein. Die Entwicklung in diese Richtung sei auch falsch gewesen, liegt die Stärke doch nicht im Fokus auf Menschenm Witze oder Marken, sondern bei Information, Nachrichten, Bildern und Geschichten.

Die große Frage ist, ob Project Lightning ein Erfolg wird. Versuche mit sortierten Inhalten gibt es schon länger – etwa mit den Trending Topics, der Erinnerung an verpasste interessante Tweets oder der wenig verwendeten Discover-Funktion. Diese waren bislang aber immer der Timeline untergeordnet, mit Lightning entsteht eine neue Hierarchie. Das Experiment hat das Potenzial, furchtbar schief zu gehen. Aber wenn es gelingt, könnte Twitter letztlich vielleicht doch eine Antwort auf die Frage "Was tut sich?" liefern. (gpi, 19.06.2015)

  • Twitter plant mit "Lightning" eine große Neuausrichtung.
    foto: ap

    Twitter plant mit "Lightning" eine große Neuausrichtung.

  • Visualisierung von Buzzfeed: So könnten ausgewählte Tweets beim Anklicken eines Ereignisses angezeigt werden.
    foto: buzzfeed

    Visualisierung von Buzzfeed: So könnten ausgewählte Tweets beim Anklicken eines Ereignisses angezeigt werden.

Share if you care.